Ein Kajakruderer, der die Kunst, sich aufzurichten, vollkommen besitzt, kann jeglichem Wetter trotzen; wenn er umgeworfen wird, so richtet er sich eben wieder auf.

Sehr oft wird gegen den Eskimo die Beschuldigung ausgesprochen, daß er einen sehr feigen Charakter hat; dies hat seinen Grund theilweise darin, daß Diejenigen, welche dies sagen, ihn hauptsächlich auf dem Lande oder bei gutem Wetter auf der See gesehen haben, und da ist er zu gutmüthig oder theilweise auch zu bequem, um Muth zu zeigen; oft ist er auch wohl zu etwas aufgefordert worden, wozu er keine Lust oder keinen Verstand hat. Ich persönlich hege eine ganz andere Auffassung. Um zu entscheiden, ob ein Mensch groß ist, soll man ihn in seinem Wirkungskreis sehen, man muß deswegen den Eskimo bei schlechtem Wetter auf die See begleiten, ihn dort sehen, wo sein Beruf liegt, und man wird gar bald eine andere Ansicht von ihm erhalten. Wie aus dem eben Angeführten hervorgeht, führt der Kajakfang viele Gefahren mit sich, aber trotzdem und obwohl möglicherweise Vater und Brüder in dem Kajak umgekommen sind, geht der Eskimo tagaus tagein ruhig an seine Arbeit. Ist das Wetter gar zu stürmisch, geht er nicht gern hinaus, denn er weiß aus Erfahrung, daß in einem solchen Wetter Viele umkommen, ist er aber erst einmal draußen, so bewahrt er die größte Seelenruhe und fährt dahin, als sei es das Natürlichste von der Welt; es ist ein stolzer Anblick, ihn gegen die hohen Wellen ankämpfen zu sehen, die ihn ganz unter sich begraben, oder ihn wie einen Sturmvogel durch Wellen und Unwetter hindurchfliegen zu sehen mit der gleichgültigsten Miene von der Welt und einer ganz überlegenen Tüchtigkeit. Da ist er groß!

Oder man muß ihn in seinem kleinen Kajak sehen, wie er mit der ihm angeborenen Ruhe die Klappmützen oder das Walroß angreift, das ihm jeden Augenblick den Tod bringen kann, wenn seine Hand nicht sicher ist. Dieser Anblick allein kann uns davon überzeugen, daß es ihm, wenn es darauf ankommt, nicht an Muth fehlt.

Ich will ein paar Beispiele von der Widerstandsfähigkeit der Eskimos anführen, wie von den Gefahren, die er tagtäglich zu bestehen hat, da mir das eine gute Hülfe zu sein scheint, wenn man seinen Charakter kennen lernen will.

Ein Kajakmann aus Tornait bei Fiskernaesst ging eines Tags im Februar d. J. 1876 gen Norden in See. Als er an den Fangplatz kam, tauchte vor ihm ein Seehund auf, er holte die Büchse aus dem Kajak, um zu schießen, die Kugel prallte aber ab und ging ihm selbst durch den Unterleib. Als er wieder zur Besinnung kam, stieg er auf ein Stück Eis und legte sich flach darauf nieder, dann aber erhob sich ein starker Nordwind, der die Wellen über die Eisscholle hinweg trieb, so daß er sich gezwungen sah in den Kajak zurückzugehen und gen Süden zu rudern, man muß sich aber — so heißt es in dem Bericht — über die Zähigkeit des Mannes verwundern, der sich mit seiner schweren Verletzung auf die See hinauswagte, man denke nur! er umschiffte die Inseln, erreichte die Heimath, zog sein Kajak ans Land und stellte ein Merkmal auf, dann aber sank er am Rande des Eises nieder, denn er vermochte nicht bis an die Häuser zu gehen, die eine Strecke vom Landungsplatz entfernt lagen. Als man ihn später fand und sein Kajak sah, konnte Niemand verstehen, daß er noch lebte, nachdem er einen so starken Blutverlust erlitten hatte. Als sie ihn hinaufgetragen hatten, glaubten sie, daß er die Nacht nicht würde überleben können, doch starb er erst am dritten Tage darauf!

Sie sagten, er habe keine Angst vor dem Tode gehabt, sei aber gewesen wie Einer, dem eine große Gnade widerfahren sei.

Ein andermal, ebenfalls im Februar, waren sechs Fänger von Kangarmiut nach einem Walroß aus, und als sich ein Sturm erhob, zogen sie sich mit dem Walroß im Schlepptau auf eine kleine Insel am äußersten Rande des Meeres zurück. Diese Insel aber umtobte eine so heftige Brandung, daß sie in ihren Kajaks nicht in die See hinausgehen konnten, ohne zurückgeworfen zu werden. Da aber die Insel keinen Schutz gegen den Sturm bot, fingen ihre dünnen und durchnäßten Kleider an zu erstarren, nachdem sie die ganze Nacht hindurch auf der niedrigen Insel zusammengekauert gesessen hatten. Da versuchten erst zwei von ihnen, sich, in den Kajaks sitzend, in die Brandung hinauszustürzen, der eine trieb kieloben weiter, richtete sich aber doch glücklich wieder auf, und Beide kamen mit dem Leben davon. Bei diesem Wagestück waren aber Diejenigen, welche ihnen behülflich gewesen waren, fast von der See fortgerissen, so daß ihnen die Lust verging, denselben Versuch zu wagen. Drei von ihnen setzten sich ruhig hin, der Vierte aber entdeckte eine Höhlung in dem felsigen Ufer, die eine Rinne bildete, gerade groß genug, um ein Kajak hindurchgleiten zu lassen. Allerdings endete sie mit einem Abgrund über dem Meere, so daß der Kajakmann kopfüber ins Wasser fallen mußte, doch glaubte er bei Hochwasser das Wagestück unternehmen zu können. Als nun die Andern diese Stelle sahen, erschraken sie anfänglich sehr, aber sie dachten: wenn wir noch eine Nacht hier bleiben, so erfrieren wir, und ob wir nun auf der See oder dem Land umkommen, das bleibt sich ja im Grunde einerlei. Sie versuchten die gefährliche Rutschbahn und gelangten glücklich nach Hause.

Ein Kajakmann aus Kornok hat mir erzählt, wie er in Gemeinschaft mit seinem Bruder und einem andern Begleiter von einem Sturm in der Bucht von Godthaab überfallen wurde und Zuflucht auf dem Lande suchte. Hier war indessen der Rand des Eises so hoch und steil, daß sie nicht landen konnten, aber sie wurden von der See förmlich hinauf geschleudert.[64] Als er sich ein wenig besonnen hatte und den Bruder noch am Leben fand, befreite er ihn von seinem Kajak und versuchte eine Häuserruine zu erreichen, um Schutz vor dem Sturm zu finden, der ihre Glieder in den nassen Kleidern zu erstarren drohte. Den Bruder bald tragend, bald leitend, erreichte er die Ruine und grub ein Loch in den Schnee für ihn und seinen Begleiter. Aber während er ein wenig Stroh sammelte, das aus dem Schnee hervorguckte, merkte er erst, daß sein Begleiter, der weniger gut gekleidet war als er, schwächer und schwächer wurde und schließlich seinen Geist aufgab. Bald begannen auch die Arme des Bruders zu erstarren, der heftige Schneesturm machte alle seine Anstrengungen zu Schanden. Als er nun den hoffnungslosen Zustand seines Bruders erkannte, redete er zu ihm von einem Leben nach dem Tode, bis er merkte, daß er nichts mehr hörte. Da ergriff mich, so erzählte er, eine Angst und ein Beben, und während ich ihn anstarrte, wandte er sich nach mir um, lächelte mir zu und hauchte seinen letzten Seufzer aus.[65]

Ich will noch ein Beispiel anführen, das sich in Sukkertoppen im Frühling des Jahres 1889 zutrug und das mir von den Grönländern, als wir bald nachher dort hinkamen, mitgetheilt wurde. Eines Tages waren drei Fänger zur See gegangen, um Seehunde zu fangen, sie wurden von einem Unwetter überrascht und mußten den Heimweg antreten, indessen kenterte der Eine von ihnen und konnte sich nicht wieder aufrichten; da eilten die beiden Anderen herbei, um ihm zu helfen; aber bei der erregten See, die über sie hereinbrach, war dies nicht leicht, und bei dem Versuch gerieth der Gekenterte aus dem Kajak, der sich selbstverständlich sofort mit Wasser füllte. Jetzt verschlimmerte sich ihre Lage. Sie versuchten jedoch ihn über Wasser zu halten, während sie sein Kajak zwischen sich nahmen und sich bemühten, ihn von Wasser zu entleeren, um ihn dann wieder hinein zu praktiziren. Dies war indessen eine schwierige Sache, wieder und wieder schlugen die Wellen über sie hin und füllten den Kajak, sobald er leer war. Bei diesen Versuchen kenterte auch der zweite Kajakmann und konnte sich nur mit Mühe und Noth wieder aufrichten; sie wandten sich nun dem zuerst Gekenterten wieder zu, aber ihre Kräfte begannen zu schwinden und die See war zu erregt, sie konnten ihn nicht retten und mußten sich allein nach Hause begeben.

Ich könnte lange damit fortfahren, ähnliche Erlebnisse von diesem Volk zu erzählen, das feige und erbärmlich genannt wird und auf das so viele Europäer mit Verachtung herabsehen. Es ist ganz an der Tagesordnung, daß der Beruf des Eskimo Leiden und Gefahren mit sich bringt, und doch giebt er sich ihm mit Lust und Liebe hin.