Endlich befand ich mich auf dem obersten Gebirgssee. Rundherum stiegen die hohen Felswände auf. Überall lag schwerer Schnee; das gab einen schwierigen Aufstieg, aber diesen Weg mußte ich gehen.
Schritt für Schritt kam ich aufwärts. Oft mußte ich in der harten Schneewand Stufen treten und mich mit Stock und Schneeschuh festhacken. Das Schlimmste waren die großen Schneewächten, und deren gab es eine Menge. Da mußte ich mich am Schneeschuhstock über den Rand hinaufschwingen. Der arme Hund! So lange es steil aufwärts ging, war er auf seinen vier Beinen im Vorteil. Hing der Schnee aber über, dann stand er ratlos da und begann zu winseln und zu heulen. Gewöhnlich fand er aber bald irgendeine Stelle, wo er hinaufkommen konnte. Sonst mußte ich mich oben auf den Bauch legen und ihn nachziehen. Ich mußte seinen Mut bewundern; am Rande eines Abgrunds konnte er die Schneewand hinauf die gewagtesten Sprünge machen; trat nur ein Fuß fehl, so mochte es eine schlimme Reise in die Tiefe geben...
Endlich hatte ich das Schlimmste überwunden. Puh, war das heiß! Das griff Arme und Beine an, und die Sonne briet. Ich empfand brennenden Durst, und der Schnee labte wenig. Vor Freude darüber, so weit gekommen zu sein, holte ich die Apfelsine hervor, die ich solange aufgespart hatte. Sie war gefroren und hart wie eine Kokosnuß. Ich aß sie ganz, Schale und Fleisch; mit Schnee gemischt war sie eine gute Erfrischung.
Am Rande des großen Gletschers, der sich nach dem Absturz zu vorschiebt, wurden die Schneeschuhe wieder angeschnallt, und schräg ging es die gleichmäßig ansteigende Fläche hinan.
Jetzt war ich oben. Der ebene Firn breitete sich vor mir. Im Westen blitzten in weiter Ferne die Gipfel nach Voß zu, im Süden und Südosten das Hardangergebirge mit dem Gletscher und der Osefirn, und hinter mir hoben sich die schweren Formen des Hallingskarv vom Himmelsrande ab. Unter mir sah ich den Gebirgskessel, den Bergsee und das Tal, durch das ich heraufgekommen war. Welch frohes Gefühl, die Hindernisse überwunden zu haben! Nun gab es keine mehr; nun nur noch bergab, den ganzen Weg bis Vossevangen.
Hier über diese Berge muß, nach der geschichtlichen Überlieferung, König Sverre irgendwo mit seinen Mannen, den Birkenbeinern, vor mehr als 700 Jahren (1177) im November gezogen sein, als er sich vor dem Feinde das Rauntal hinauf zurückziehen mußte.
„Da nahm König Sverre fünf Führer, die den Weg am besten kannten. Das war aber auch notwendig, denn das Wetter wurde so schlimm, wie selten geschieht. Es fiel unerhört viel Schnee... Sie verloren dort 120 Pferde mit goldenen Sätteln und Zäumen, allerhand Kostbarkeiten, Mäntel, Waffen und viele andere gute Dinge.“
Das alles hört sich nicht unglaubwürdig an. Für Pferde ist hier ein schlechter Weg. Schlimmer wird es, wenn es weiterhin heißt:
„Dazu kam, daß sie nicht wußten, wo sie zogen, und nicht einmal Wasser bekamen sie. Acht Tage lang genossen sie nichts anderes als Schnee. Am Tage vor Allerheiligen wurde das Wetter so schlimm, so unerhört es auch klingen mag, daß ein Mann davon den Tod fand, als das Wetter ihn niederwarf und ihm an drei Stellen das Rückgrat brach. Wenn die Böen kamen, blieb einem nichts anderes übrig, als sich in den Schnee zu werfen und die Schilde so fest wie möglich über sich zu halten.“