Gestern kamen wir bei glänzendem Sonnenschein und stiller See an das Eis heran. Es war ein eigentümliches Gefühl, es wiederzusehen. Am äußersten Rand trieben kleine lose Stücke, die von der warmen See aufgezehrt wurden. Weiter weg aber erstreckten sich in düsterer Eismeereinsamkeit schwere Schollen, unbetreten und ungesehen.

Ich schaute sie mir durchs Fernrohr an, diese weißen Eisflächen, die ich so gut kannte. Ich überlegte, ob es leicht war, Boote darüber hinwegzuziehen, und war mitten drin in unserer Fahrt übers Eis und unserer Drift Grönland entlang vor zwölf Jahren.

Erst fühlte ich mich so überlegen, als Gran und die andern gern ins Eis hinein wollten. Ich hatte gar nicht den Wunsch, da hinein zu kommen; ich hatte dort nichts zu tun. Das einzige, was mich interessierte, schien mir zu sein, ein Stück sibirisches Treibholz aufzufischen, das im Wasser zwischen den Eisstücken trieb.

Wie ich aber so dastand und hinausstarrte, da überkam mich doch die Sehnsucht, wieder dort drin zu sein, wieder von einer Scholle aus nach Fortkommen auszuspähen — es ist Spannung, Handlung in dem Leben dort...

Der Schraube wegen mußten wir wieder umkehren; sie konnte in den losen Eisstücken abbrechen. Aber ich blieb stehen und starrte weiter, bis die schweren Schollen außer Sicht waren.

Wir waren gerade an der Grenze, wo sich die kalte und die warme Strömung begegnen. Auf der einen Seite der Polarstrom: aus weniger salzhaltigem, leichterem Wasser bestehend, von den sibirischen Flüssen gespeist, fließt er an der Oberfläche südwärts die grönländische Ostküste entlang und trägt die großen Eismassen auf seinem Rücken. Auf der andern Seite die warme Strömung, der Irmingerstrom genannt, die vom Atlantischen Ozean nordwärts die Westküste Islands entlang zieht.

Hier fließt das kalte, aber süße und daher leichte Eismeerwasser auf der Oberfläche, während das warme, salzige und daher schwerere Wasser des Atlantischen Ozeans unter das Eismeerwasser untertaucht. Und alles, was es auf seinem Rücken trägt, wird abgeschäumt und bleibt längs der Grenzlinie liegen, so daß wir diese auf weite Entfernung wie einen scharfen Schaumrand sehen können, wo die Wasserfläche zittert und wirbelt. Tiefer unten sind die verschiedenen Schichten durcheinandergeschoben, abwechselnd warme und kalte.

Heute nacht machten wir gerade in dieser Strömung eine Lotungsstation, in der wir wie üblich eine vertikale Reihe von Temperaturbeobachtungen anstellten und von der Oberfläche bis zum Meeresboden Wasserproben entnahmen. Die Temperatur konnte hier an der Oberfläche in ein paar Minuten von 3 Grad bis zu 10 Grad Wärme ansteigen.

Es war geplant, mehrere Stationen zu machen und dann nach Island zurückzukehren. Aber das Wetter ist gut, wir müssen es ausnützen und weiterkommen. Der Kurs wird daher nördlich von Island bis nach Jan Mayen gesetzt.

Südlich von uns liegt Island, vor einer Weile im Sonnenschein, jetzt im Nebel. Ein paar herrliche Tage hatten wir dort gehabt, ein sonniges Leben. Von den Nebeln kamen wir und zu ihnen kehren wir zurück....