[18] Hudibrasischen [geht auf eine komische Person aus dem Spottgedicht „Hudibras“ des S. Butler].
[19] Soziale Revolution.
[20] Lebe wohl und bleib’ mir gut.
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Manchester, 6. Juni 1853, abends.
Lieber Marx!
Ich wollte Dir heute per erste Post schreiben, wurde aber bis 8 Uhr durch Kontorarbeiten aufgehalten. Die beiden Erklärungen Weydemeyers und Cluß’ in der Kriminal-Zeitung gegen Willich wirst Du erhalten haben, das heißt von Amerika direkt, wo nicht, so schreibe mir gleich. Vater Weydemeyer ist wie gewöhnlich zu breit, weiß die Pointe nur stellenweise zu finden, stumpft sie auch dann durch seinen Stil ab und entwickelt seinen bekannten Mangel an Verve mit seltener Gelassenheit. Trotzdem hat der Mann sein möglichstes getan, die Geschichte mit dem „Waffengefährten“ Henze und der von anderen inspirierten Schreibart des Hirsch richtig gedreht; sein hahnebüchener Stil und seine Gelassenheit, die dort für Impassibilität gilt, wird dem Philistertum zusagen, und im ganzen kann man mit seiner Leistung zufrieden sein. Die Erklärung von Cluß dagegen gefällt mir ausgezeichnet. Der homme supérieur,[1] der seiner Überlegenheit durch die „persönliche Berührung“ mit Willich sich sozusagen physisch bewußt geworden, lacht aus jeder Zeile hervor. An Leichtigkeit des Stils ist das Ding das Beste, was Cluß je geschrieben, auch nicht eine holperige Wendung drin, keine Spur von gêne[2] oder Verlegenheit. Wie gut steht ihm der fingierte Biedermann mit der Miene des bonhomme, der aber doch überall den Teufel durchblicken läßt, der ihm im Nacken sitzt. Wie famos ist die Wendung mit dem „Schwindel, wie Revolutionsagenturen sind“, von denen er lebe, wie Willich behaupten soll. Der Ritterliche wird sich gewundert haben, unter den rohen „Agenten“ einen Kerl zu finden, der so flott, so geschickt, so von Natur offensiv und zu gleicher Zeit so unprätentiös nobel auftritt, und der ihn so fein, viel feiner und gewandter als er selbst, seine eigenen Finten à tempo stößt. Wenn der Willich nur Geschmack genug hat, das herauszufinden; aber ich hoffe, der Ärger und das notwendige Spintisieren werden ihm schon ein gewisses Verständnis eröffnen. –
Wenn Lassalle Dir eine gute, gleichgültige Adresse in Düsseldorf gegeben hat, so kannst Du mir hundert Exemplare schicken. Wir werden sie in Twistballen durch hiesige Häuser verpacken lassen; aber sie dürfen nicht an Lassalle selbst adressiert sein, da die Pakete nach Gladbach, Elberfeld oder so gehen und von da, als postpflichtig, per Post nach Düsseldorf gehen müssen. Ein Paket an Lassalle oder die Hatzfeldt können wir aber keinem hiesigen Hause geben, denn 1. ist in jedem dieser Häuser hier mindestens ein Rheinländer, der den Tratsch kennt, oder 2. wenn das gut geht, so wissen die Empfänger des Ballens drüben Bescheid, oder 3. im günstigsten Falle sieht sich die Post die Sachen an, ehe sie sie abgibt. In Köln haben wir eine gute Adresse, kennen aber leider die Leute nicht besonders, die hier die Haupteinkäufer für das Kölner Haus sind, und können ihnen daher keinen Schmuggel zumuten. Wir sagen hier den Leuten nämlich, die Pakete enthielten Präsente für Damen. –
Die Abwesenheit des Grundeigentums ist in der Tat der Schlüssel zum ganzen Orient. Darin liegt die politische und religiöse Geschichte. Aber woher kommt es, daß die Orientalen nicht zum Grundeigentum kommen, nicht einmal zum feudalen? Ich glaube, es liegt hauptsächlich im Klima, verbunden mit den Bodenverhältnissen, speziell mit den großen Wüstenstrichen, die sich von der Sahara quer durch Arabien, Persien, Indien und die Tatarei bis ans höchste asiatische Hochland durchziehen. Die künstliche Bewässerung ist hier erste Bedingung des Ackerbaus, und diese ist Sache entweder der Kommunen, Provinzen oder der Zentralregierung. Die Regierung im Orient hatte immer auch nur drei Departements: Finanzen (Plünderung des Inlandes), Krieg (Plünderung des Inlandes und des Auslandes) und travaux publics (Sorge für die Reproduktion). Die britische Regierung in Indien hat Nr. 1 und 2 etwas philiströser geregelt und Nr. 3 ganz beiseite geworfen, und der indische Ackerbau geht zugrunde. Die freie Konkurrenz blamiert sich dort vollständig. Diese künstliche Fruchtbarmachung des Bodens, die sofort aufhörte, wenn die Wasserleitungen in Verfall kamen, erklärt die sonst kuriose Tatsache, daß jetzt ganze Striche wüst und öde sind, die früher brillant bebaut waren (Palmyra, Petra, die Ruinen in Jemen und Lokalitäten in Ägypten, Persien und Hindustan); sie erklärt die Tatsache, daß ein einziger Verwüstungskrieg ein Land für Jahrhunderte entvölkern und seiner ganzen Zivilisation entkleiden konnte. Dahin gehört, glaube ich, auch die Vernichtung des südarabischen Handels vor Mohammed, die Du sehr richtig als ein Hauptmoment der mohammedanischen Revolution ansiehst. Ich kenne die Handelsgeschichte der sechs ersten christlichen Jahrhunderte nicht genau genug, um urteilen zu können, inwieweit allgemeine materielle Weltverhältnisse den Handelsweg durch Persien nach dem Schwarzen Meer und durch den Persischen Meerbusen nach Syrien und Kleinasien dem übers Rote Meer vorziehen ließen. Aber jedenfalls war nicht ohne bedeutende Wirkung die relative Sicherheit der Karawanen im persischen, geregelten Sassanidenreich, während Jemen von den Abessiniern von Anno 200 bis 600 fast fortwährend unterjocht, überfallen und geplündert wurde. Die zur Römerzeit noch blühenden Städte des südlichen Arabien waren im siebenten Jahrhundert wahre Wüsten von Ruinen; die benachbarten Beduinen hatten in 500 Jahren rein mythische, fabelhafte Traditionen über ihren Ursprung sich angeeignet (siehe den Koran und den arabischen Geschichtschreiber Novairi), und das Alphabet, in dem die dortigen Inschriften geschrieben, war fast total unbekannt, obwohl kein anderes da war, so daß sogar de facto das Schreiben in Vergessenheit geraten. Dergleichen Sachen sehen neben einem durch etwaige allgemeine Handelsverhältnisse veranlassten superseding[3] auch noch eine ganz direkte gewaltsame Zerstörung voraus, wie sie nur durch die äthiopische Invasion zu erklären ist. Die Vertreibung der Abessinier geschah um 40 Jahre vor Mohammed und war der erste Akt des erwachenden arabischen Nationalgefühls, das außerdem durch persische Invasionen vom Norden her, die fast bis nach Mekka drangen, gestachelt war. Ich werde die Geschichte Mohammeds selbst erst dieser Tage vornehmen; bis jetzt scheint sie mir aber den Charakter einer beduinischen Reaktion gegen die ansässigen, aber verkommenden Fellahs der Städte zu tragen, die damals auch religiös sehr zerfallen waren, und mit einem verkommenen Naturkultus ein verkommenes Judentum und Christentum vermischten.
Die Sachen vom alten Bernier sind wirklich sehr schön. Man freut sich ordentlich, einmal wieder etwas von einem alten nüchternen, klaren Franzosen zu lesen, der überall den Nagel auf den Kopf trifft sans avoir l’air de s’en apercevoir.[4]