»Unmöglich, wir haben jetzt kaum Platz für unsere Gäste – alle Boardinghäuser sind überfüllt.«
Noch steht der Fremde unschlüssig am Eingang, er weiß aber, daß wenn er auch zu einem andern Hause gehen wollte, sich die Verhältnisse ziemlich gleich bleiben, wirft sein Päckchen auf das ihm angewiesene Bett und – ist eingezogen.
»Haben Sie denn wohl einen ruhigen Platz, wo ich einen Brief schreiben könnte?« fragt er jetzt nochmals den Barkeeper, der eben im Begriff ist die steile Treppe wieder hinunter zu klettern.
»Unten im Zimmer, wo die Übrigen sind!« sagt dieser, »das ist der einzige Platz im ganzen Haus.« In jenes Zimmer führt er jetzt seinen Gast und zeigt ihm in der einen Ecke einen Tisch, an welchem eben ein freundlicher Oldenburger emsig beschäftigt ist, zu dem morgenden Sonntag seine Stiefeln zu wichsen.
»Du mußt damit hinausgehen!« fährt er diesen an, »das gehört sich nicht in der Stube! wir sind nicht mehr auf dem Schiffe!« Schweigend räumt der also Abgefertigte seinen Platz ein und der Fremde sieht sich vergebens nach irgend einem Gegenstand um, mit welchem er den staubigen Tisch abwischen könne!
»Warten Sie, ich will Ihnen etwas bringen,« sagt der Barkeeper und geht in das Schenkzimmer zurück; unterdessen hat jener aber vollkommen Zeit den Raum zu betrachten, in welchem er sich jetzt befindet.
Es ist ein geräumiges Zimmer mit einem großen, gußeisernen Gestell in der Mitte, das ein Mittelding zwischen Ofen und Kamin zu sein scheint, denn es hat wohl die Gestalt des erstern, entspricht aber ganz dem Zweck des letztern, da es die Hitze nicht erst durch Röhren, sondern gleich durch die vorn im Rost sichtbaren Kohlen verbreitet. Um dieses haben sich in allen möglichen Stellungen und Lagen die verschiedenen Gäste des »Kaffeehauses zur Schlacht am Bunkers Hill« versammelt, und befinden sich alle in einer sehr heitern Stimmung, lachen und erzählen und machen einen Lärm, daß die Gläser auf dem zweiten Tische zittern. Einige, die im Anfang gekommen sein mochten, hatten noch Stühle gefunden, die später Eintreffenden schon mit zwei grünlackirten Holzbänken, denen ähnlich, die in der Schenkstube standen, vorlieb nehmen müssen, und die letzten konnten einzig und allein stehend an der Gesellschaft und zu gleicher Zeit am Ofen Theil nehmen. Unser Gast war gezwungen, sich auf irgend eine Art einen Stuhl zu verschaffen, und mit den Sitten solcher Häuser schon ziemlich vertraut, blieb er einige Minuten am Feuer, bis einer der Sitzenden aufstand, welchem er dann ohne weitere Umstände den kaum verlassenen Stuhl entführte und an seinen Tisch trug. Diesen mußte er übrigens, da der Barkeeper nicht wiederkehrte, mit seinem eigenen Taschentuche abstäuben.
Jetzt klingelt es plötzlich im nächsten Zimmer, und der lang ersehnte Ruf »supper, supper!« (Abendessen) übertönt und erstickt bald den frühern Lärm; alles strömt in das Speisezimmer und der Barkeeper trägt den Davondrängenden die zurückgelassenen Stühle nach, da an der Table d'hote noch einige fehlen. Eine lange Tafel steht dort gedeckt, an welcher etwa 30 Personen Raum und die mit mehrern Fleischarten, Kartoffeln, Eiern, Butter und Käse besetzt ist. Jeder Gast findet neben seinem Teller eine eingeschenkte Tasse Thee, die er, wenn geleert, bloß empor zu heben braucht, um sie augenblicklich wieder von einem jungen Mädchen, das die Aufwartung besorgt, gefüllt zu bekommen; doch sieht es der Wirth nicht gern, wenn das öfter als zweimal geschieht.
Das Essen ist gut und schmackhaft zubereitet, und nach der Mahlzeit, von der jeder, sobald er fertig ist, aufsteht, ohne sich weiter mit Wort oder Blick um seinen Nebenmann zu bekümmern, versammeln sich die Gäste wieder um den kaum verlassenen Ofen, an welchem jene jetzt die besten Plätze einnehmen, die am schnellsten essen konnten.
Die Gesellschaft ist übrigens keineswegs uninteressant, denn nicht allein verschiedene Nationen, sondern auch verschiedene Stände treffen sich hier, und die gebildetere Classe der Deutschen, als Advocaten, Ärzte, Theologen, Kaufleute etc., die größtentheils wenigstens für den Augenblick noch gezwungen waren, eine ihren frühern Beschäftigungen gerade nicht entsprechende Arbeit zu übernehmen, um ehrlich und ordentlich in der neuen Welt durchzukommen, findet sich bald zusammen und verplaudert die langen Abende.