»Da fand ich zuerst Leben und Bewegung wieder und stieß einen lauten, durchdringenden Hülferuf aus, denn jetzt durchzuckte mich wie mit Blitzesschnelle der Gedanke: dort steht der wirkliche Mörder und Dich wird man dafür bestrafen, wenn Du ihn nicht ergreifst und festhältst. In demselben Augenblick aber begann auch der finstere Fremde sich zu regen; der schwere, keulenartige Stock fiel noch einmal mit dumpfem Schall auf den schon zerschmetterten Schädel des unglücklichen jungen Mannes nieder, und eilenden Laufes entfloh dann der feige Mörder in das Dickicht. Mir aber ward es in diesem Augenblicke klar. »Er oder Du!« rief ich mir zu, und mit einer Schnelle, die ich damals selber nicht begreifen konnte, folgte ich dem Flüchtling in das wildeste Dickicht der Niederung.«

»Wohl erinnere ich mich, wie ich dabei über meine eigene Kenntniß der Waldpfade erstaunte, ich, der ich sonst kaum zwanzig Schritte weit den gebahnten Weg zu verlassen wagen durfte, aus Furcht, mich zu verirren. So folgte ich dem Mörder, dessen leichte Gestalt immer in gleicher Entfernung vor mir blieb, den ich aber nicht zu erreichen vermochte, bis es mir endlich vorkam, als ob ich ihm, zwar langsam, aber doch sicher, näher und näher rücke.«

»Eine Stunde waren wir auf diese Art, wie mir träumte, gerannt, als wir eine Gegend erreichten, die mir bekannt schien, und ich sah bald, daß wir in einem weiten Bogen Seneka umlaufen hatten. Wir befanden uns nicht weit von der großen Straße nach Pittsburg, gerade da, wo die beiden tiefen Höhlen in den Berg hineingehen, und der Verfolgte mußte wohl in einer derselben Schutz suchen wollen, denn ich war ihm jetzt dicht auf den Fersen und hatte schon die Axt erhoben, um ihn vielleicht zu treffen und nieder zu werfen – – als Sie, ehrwürdiger Herr, an die Thüre klopften. Ich fuhr erschreckt empor und – erwachte. Der Traum war verschwunden und anstatt frei im Walde, auf der Spur des wirklichen Thäters, fand ich mich wieder gebunden und eingekerkert, wie ein zur Schlachtbank bereit gehaltenes Opferthier.«

Mac Ferson warf sich stöhnend auf sein Lager zurück und der Prediger stand tief erschüttert neben dem Unglücklichen, den er nicht einmal zu trösten vermochte. Da mahnte ihn das wiederholte Klopfen des Sheriffs an die ihres Opfers harrende Gerechtigkeit und er schritt schnell zur Thür, diese zu öffnen. Rasch hatte er aber auch seinen Entschluß gefaßt, und dem eintretenden Beamten den Gefangenen überlassend, rief er diesem nur mit wenigen Worten zu, noch nicht zu verzagen, der alte Gott lebe noch, und eilte dann flüchtigen Schrittes dem Executionsplatz zu, wo schon die ungeduldig harrende Menge an zu murren, ja an zu toben fing, daß man die versprochene Hinrichtung so lange – verschiebe. – Dieselben Männer, die noch nicht einmal recht von der Schuld des Verurtheilten überzeugt waren, murrten, daß sie eine Viertelstunde länger seinen Tod erwarten sollten.

Da kam schnellen Schrittes der Prediger herbei – er bestieg das Schaffot, mit kurzgefaßten aber klaren und zum Herzen dringenden Worten rief er von dem todmahnenden Gerüst seine Überzeugung herab, daß der Angeschuldigte das Verbrechen nicht begangen, Gott selbst aber ihm durch einen wunderbaren Traum den Mann gezeigt, ja offenbaret habe, der schuldig und zum Tode reif sei.

Mit wenigen Worten erzählte er nun den ganzen Traum Mac Fersons, und wenn auch zwei gerade anwesende presbyterianische Geistliche sehr mitleidig darüber mit den Köpfen schüttelten, so war doch das Volk selbst nur zu gern bereit, einer so geheimnißvollen Enthüllung eines Verbrechens Glauben zu schenken und mit Jubelruf wurde der jetzt herbeigeführte Gefangene empfangen. Zwar hielten die Constabel die Masse zurück und ließen sich den ihnen Überlieferten nicht entreißen, aber dem ganzen Andrang der Menge konnten sie nicht widerstehen. Alles tobte und schrie:

»Nach den Höhlen! – nach dem Schlupfwinkel des Mörders! Gott selber hat seinen Versteck dem rächenden Arme des Gerichts verrathen! nach den Höhlen – fort nach den Höhlen!«

Und den Gefangenen in der Mitte, von dem Baptistenprediger angeführt, wogte die Menge dem etwa drei Meilen entfernten Gebirgszweig zu, an dessen Fuß sich jene, in der Ansiedlung genugsam bekannten Höhlen befanden, in die, wie der Traum gesagt, der Verbrecher geflohen war. Die breitausgehauene Countystraße führte auch in kaum fünfhundert Schritten daran vorüber und auf dieser hin wälzte sich der Zug in unaufhaltsamer Eile. Dort aber angelangt, wo die Männer die befahrene Straße verlassen und die pfadlose Wildniß betreten mußten, hielt sie ein alter Backwoodsman, ein Freund des erschlagenen Kentuckiers, auf und erklärte, daß sie, wenn sie auf solche Art noch weiter vorrückten, den Flüchtling im Leben nicht einholen würden, der ja schon eine halbe Stunde vor ihrer Ankunft den Lärm hören mußte, den sie machten, und dann natürlich nicht warten werde, bis sie herankämen und ihn einfingen. Er schlage daher vor, daß man sechs oder acht Jäger voranschicke, die sich anschleichen und das Terrain vorher recognosciren sollten; bemerkten diese dann vor den Höhlen und in der Nachbarschaft derselben nichts Verdächtiges, dann war es ja noch Zeit, die ganze Masse herbeizurufen.

»Haben wir nachher den Raum umzingelt,« fuhr der rauhe Backwoodsman in seiner Rede fort, »so kann uns nichts Lebendes, was in den Höhlen steckt, entgehen, denn die mitgebrachten Fackeln werden Licht genug geben; und finden wir ein solches Subject, wie unser Gefangener hier im Traum gesehen haben will, nun gut, so mag der seine Stelle einnehmen, denn wenn er ein gutes Gewissen hätte, triebe er sich nicht in den Schluchten und Felsecken herum. Finden wir aber Nichts, wie es mir fast am wahrscheinlichsten vorkommt, so schlag' ich vor, daß wir dann mit dem Wunder sehenden Mosje keine weiteren Umstände machen, sondern ihn an die erste beste Eiche aufhängen, denn umsonst soll er uns doch, beim Teufel, nicht in den April geschickt haben.«

Dieser Plan schien allgemein anzusprechen, schnell und geräuschlos wurden die Männer ausgewählt, die den Grund und Boden vorher recognosciren sollten, und der Sprecher, zum Führer ernannt, ordnete systematisch, wie bei einer Treibjagd, den Plan zum Vordringen.