Der Wald bestand hier größtenteils aus Nadelholz, mit sehr wenig Unterholz vermischt, der Boden war deshalb auch fast einzig und allein mit Fichtennadeln bedeckt, und geräuschlos – hier und da die niedergebrochenen, trockenen kleinen Äste und Zweige vermeidend, um sich nicht durch das Knacken derselben zu verrathen – schlich der geübte Jäger dem Eingang der ersten Höhle näher und immer näher. Gerade auf dem Kamm der ziemlich flachen Anhöhe lag jedoch eine umgestürzte Fichte, mit der Wurzel der verdächtigen Stelle zu, und sich vorsichtig um den Wipfel herumbiegend, glitt er am Stamme hin und befand sich nun hinter dem Erdwall, der in den durch den Sturz der Riesin mit ausgerissenen Wurzeln hängen geblieben war. Hier aber kauerte er mehrere Sekunden lang laut- und regungslos nieder – das Herz schlug ihm schwer und ängstlich in der Brust, und er getraute sich kaum den Kopf zu heben, um über das niedere Bollwerk hinwegzuschauen. Dort sollte er ja das Wesen sehen, das er, er wußte selbst nicht weshalb, zu den Überirdischen rechnete, weil seine Existenz einem Sterblichen durch ihm unbegreifliche Mittel verrathen war, und lange konnte er sich nicht entschließen, das mit eigenen Augen zu erblicken, was zu glauben sein Verstand sich sträubte. Endlich faßte er ein Herz, hob leise den Kopf empor und – hätte vor Überraschung fast laut aufgeschrieen, denn in kaum zweihundert Schritten Entfernung – das Gesicht ihm zugewandt – saß – Zug um Zug – die von dem Gefangenen beschriebene Gestalt.
Ein schmächtiger, bleicher junger Mann, mit rabenschwarzem Haar, einer breiten Binde um das linke Auge, die das halbe Gesicht verdeckte, und mit einem gelben, breitrandigen Strohhut auf den dunkeln Locken – dazu der helle Rock und die blauen Beinkleider – es war der im Traum gesehene Mörder, bis auf das Kleinste, Unbedeutendste der Beschreibung herab. Selbst seine Stellung verrieth die That, die er begangen, denn ängstlich, halb vorgebeugt saß er, wie zum Sprunge bereit, neben dem Feuer, und schien die Gegend, in welcher sich Leslie gerade befand, mit seinem Blick zu überfliegen, als ob er von dorther Jemanden erwarte oder zu sehen fürchte.
»Weshalb, um aller guten Geister Willen, lagert das Menschenkind hier?« frug sich Leslie unwillkürlich – »und ist es überhaupt ein Menschenkind?« fuhr er dann leise schaudernd fort. »Doch Alles eins – Mensch oder Teufel – Du bist der, welcher meinen Freund erschlagen hat, und fort kommst Du nicht mehr.«
Mit dem Adlerblick des Jägers überflog er die ganze Gegend und sah bald, daß der Flüchtling, nach dem wie er seine eigenen Leute postirt hatte, ihnen nicht mehr entgehen konnte. Auf der einen Seite starrte steil und kahl der nackte Felsenkamm empor, in dessen Fuß sich die Höhlen befanden; zur Linken tobte der kleine, durch die Bergwasser angeschwellte Strom; und hätte er diesen auch durchschwimmen wollen, so erwarteten ihn doch drüben die wackeren Männer von Seneka, die bei solchen Gelegenheiten gerade nicht mit sich spaßen ließen. Alle andern Schluchten und Anhöhen waren ebenfalls von den Jägern und Backwoodsmen besetzt, und Leslie, darüber beruhigt, schlich nun eben so leise zurück als er gekommen, ließ den jungen Mann, der ihn begleitet hatte, die Übrigen von seinem Plane in Kenntniß setzen, und auf sein gegebenes Zeichen brachen von allen Seiten zugleich die in dunkles Hirschleder gekleideten Gestalten aus dem Dickicht hervor und sprangen, flüchtigen Panthern gleich, mit vorgehaltenen Büchsen auf den Fremden ein. Dieser aber, durch das Plötzliche des Überfalls betäubt, stieß einen gellenden Angstschrei aus und warf sich dann, ohne weiter einen Versuch zur Flucht oder zum Widerstand zu machen, mit dem Antlitz auf die Erde nieder. Er schien jeder Hoffnung auf Rettung entsagt zu haben und die Männer, die ihn zuerst erfaßten und vom Boden emporrissen, fühlten, wie seine Glieder zitterten und seine ganze Gestalt erbebte.
»Hund!« schrie der kräftige Leslie aber jetzt, und hob die eiserne Faust zum Schlage auf – »Hund – feiger – nichtswürdiger Hund, der Du bist – Du also hast es gewagt, die Hand an den kräftigsten Burschen zu legen, den je Kentucky's Boden getragen? Du – Gedanke von einem Manne, den man erst träumen muß, um seiner habhaft zu werden.«
Der Fremde hob die Arme flehend empor und wimmerte »Gnade!« Leslie aber schien wenig geneigt, ihm diese angedeihen zu lassen; denn seine hammerartige Faust sollte eben auf seinen Schädel niederfallen, und wer weiß, ob der Sheriff dann nicht bei der ganzen Verhandlung unnütz gewesen wäre; der eine Constabel aber lenkte den Schlag des Erzürnten zur Seite, daß er machtlos an der Schulter des Knieenden niederglitt, und rief:
»Schämt Euch, Leslie – wollt uns Leute vom Gericht um das Unsrige bringen – der ist dem Strick verfallen – so gönnt ihm den auch.«
Ehe aber noch Leslie ein Wort darauf zu erwidern vermochte, drängte sich die übrige Masse der Männer und Frauen herbei, die es nicht länger ausgehalten hatten, das Resultat in Ungewißheit zu erwarten. Den Gefangenen führten sie in ihrer Mitte und schon von weitem riefen einzelne Stimmen:
»Ist er es? ist es der Mörder, den Mac Ferson im Traum gesehen?« Kaum aber hörten sie das antwortende »Ja« – das »kommt schnell – wir haben ihn – er fleht um Gnade!« da stieg ein wildes Jubelgeschrei in die Luft und Alles drängte jetzt in wilder Eile vor, den zu sehen, der durch Gott selbst den Gerichten überliefert worden. Den bisherigen Gefangenen beachtete Keiner mehr; nur ein Knabe von zehn oder eilf Jahren, auch ein Irländer, der mit Mac Ferson auf einem Schiff herübergekommen war, hatte sich bis jetzt dicht zu ihm gehalten, und als er nun, von Allen zurückgelassen, allein stehen blieb, da ihm seine auf den Rücken zusammengebundenen Hände nicht verstatteten, so schnell fortzukommen, glitt er schnell hinter ihn, schnitt ihm mit einem haarscharfen Messer die Bande durch, drückte ihm in der nächsten Secunde den Griff des Stahls in die Hand und folgte dann in flüchtigen Sätzen den Übrigen. Mac Ferson aber, ohne die mindeste Neugierde zu bezeigen, wie der Mann im wirklichen Leben aussähe, den er schon einmal im Traum erblickt, warf sich, als er kaum seine Hände frei und zugleich bewaffnet fühlte, hinter einem umgestürzten Baumstamm, der ihn den Blicken der Übrigen entzog, lief gebückt, aber so schnell er konnte, hinter diesem hin, kroch über den Kamm der Anhöhe hinweg, bis er diese zwischen sich und seinen bisherigen Feinden wußte, rannte dann, so schnell ihn seine Füße trugen, den Abhang hinunter in das angrenzende Dickicht, sah sich hier einen Augenblick etwas ängstlich um, schien aber bald das, was er suchte, gefunden zu haben – ein Pferd, das hier gesattelt und aufgezäumt, wie des Reiters harrend, stand, schwang sich auf dessen Rücken und sprengte, ihm die Hacken in die Seiten bohrend, in vollem Carriere gen Süden.
Wie eine zürnende Fluth ergoß sich jetzt die wogende Menschenmasse der Stelle zu, wo der so wunderbar Entdeckte noch immer wie in gräßlichster Angst und Verzweiflung auf den Knieen lag. Man riß ihn vom Boden auf und aus den wildverworrenen Fragen, die fast von jeder Lippe an ihn gerichtet wurden, schien er nicht eine einzige verstehen zu können oder zu wollen, denn er warf zuerst einen scheuen Blick im Kreis umher, und barg dann auf's Neue das Antlitz in den Händen.