»Unglückliche, Du hast einem Verbrecher zur Flucht verholfen und mußt nun selbst dafür seine Strafe leiden – Du kanntest die Gesetze des Landes nicht und bist in Dein eigenes Verderben gegangen. Ich verhafte Dich hiermit im Namen der Gesetze – Mrs. Mac Ferson,« fuhr er dann mit ernster, tiefer Stimme fort, indem er seine Hand nach ihrer Schulter ausstreckte – »Mrs. Mac Ferson – Sie sind meine Gefangene!«

Judith Mac Ferson hatte aber, wenn auch erst kurze Zeit in Amerika, die Charaktere der Frauen kennen gelernt, unter denen sie lebte und auf deren Schutz vertrauend sie das gefährliche Spiel gewagt. Mit schnellem Druck des Constabels Arm zurückschiebend, trat sie zwischen die erstaunt zu ihr aufblickenden Frauen und rief:

»Weg von mir, Sir – weg von mir! Ihr habt keinen Theil an mir. Habe ich ein Verbrechen begangen? Es war mein Mann – der Vater meines Kindes, den ich befreite; ist eine hier unter den Frauen von Pensylvanien, die nicht unter gleichen Verhältnissen ein Gleiches gethan hätte? Ist Eine hier von Müttern oder Weibern, die nicht willig ihr Leben daran setzen würde, den Geliebten zu befreien? Keine – ich weiß es, und kein Gericht des Landes wird mich deshalb strafen können. Werden aber die Frauen von Pensylvanien zugeben, daß ich einem Gericht ausgeliefert werde?«

»Nein – nimmermehr – den wollen wir sehen, der ihr etwas zu Leide zu thun sollte,« rief es von allen Seiten, und um das junge, heldenmüthige Weib schaarten sich besonders die Presbyterianischen Frauen, voller Freude, daß den Baptisten ein solcher Sieg mißlungen sei.

»Ladies – auf Ihre Verantwortung,« rief der Sheriff – »Sie müssen mir für die Dame haften, übrigens wird ihre Gefangennehmung wohl nicht nöthig sein, denn Leslie ist mit seinem Rappen auf Mac Fersons Fährten, und wir kennen Alle miteinander Leslie genug, um nicht zu wissen, daß der nimmer zurückkehrt, ehe er den Flüchtigen eingeholt hat. Einen besseren Renner giebt's in ganz Pensylvanien nicht, als sein Rappe.«

Judith erbleichte, die Frauen aber ließen ihr gar keine Zeit sich zu besinnen, nahmen sie in ihre Mitte und führten sie im Triumphe fort. So eifrig sie früher die Hinrichtung Mac Fersons gewünscht hatten, so sehr interessirten sie sich jetzt für seine Flucht, und selbst die Baptistinnen konnten die Frau nicht tadeln, die ihren Mann befreit habe.

Um so mehr eiferte der Baptistenprediger, der jetzt mit mehren Anderen, mit denen er Mac Fersons Spuren aufgesucht, zurückkehrte, dagegen. Er sah in dieser lügenhaften Eingebung eines rettenden Traumes, zu dem sich die beiden Eheleute verabredet hatten, eine Blasphemie des Göttlichen und forderte ernst und bestimmt die Auslieferung beider Gotteslästerer. Der eine war aber, Niemand wußte wo, und die Andere wurde, nun sich der Baptist so fest dagegen erklärte, von den Presbyterianerinnen nur um so mehr vertheidigt und in Schutz genommen. Bald erreichte man die Stadt wieder, und hier erboten sich augenblicklich drei junge Leute, Mrs. Ferson mit ihrem Kinde, das indessen bei einer Landsmännin geblieben war, hinzubegleiten, wohin sie gebracht zu sein wünsche. Das nahm Judith mit herzlichem Danke an, verschwieg aber natürlich den verabredeten Ort, wo sie ihren Mann wieder zu treffen hoffte, denn der kleine Irländer, der Mac Fersons Bande durchschnitten, hatte ihr ebenfalls zugeflüstert, wie dieser auf schnellem Roß seine Flucht bewerkstelligt, und sie verlangte nur an den Ohiofluß gebracht zu werden, von wo aus sie ihre Bahn selbst verfolgen wolle. Das geschah denn auch noch an demselben Nachmittage, und während der Sheriff mit den zwei Constabeln und dem Baptistenprediger berieth, was in diesem Falle zu thun sei, und ob man erst die Rückkunft Leslie's mit dem Entflohenen abwarten solle, sprengte Judith Mac Ferson, auf einem schlanken Zelter, das Kind im Arm, die Begleiter an ihrer Seite, die Fahrstraße hinunter, die dem schönen Ohioflusse zuführte.

Doch jetzt wollen wir Mac Ferson folgen, der, sobald er das Pferd erreicht und sich hinaufgeschwungen hatte, mit kaum unterdrücktem Jubelschrei einen kleinen Holzpfad entlang flog, welcher ihn endlich zu der Hauptstraße führen mußte. Er ritt ein wackeres Thier, und hatte gegründete Ursache zu glauben, daß der von seinem treuen Weibe so glücklich erdachte Plan gelingen müßte. Einige Meilen vom Ohio noch entfernt, wollte er nämlich absteigen, das Pferd laufen lassen, um etwaige Verfolger irre zu führen, und dann seinen eigenen Weg bis zu einer Stelle am Ohiofluß fortsetzen, wo er früher schon einmal zwei Nächte mit seiner kleinen Familie gelagert hatte. Dort sollte er Judith erwarten, und dann konnten sie von da aus leicht eine neue Heimath im fernen Westen aufsuchen, wohin ihre Verfolger schwerlich vordringen würden, selbst wenn sie den Aufenthaltsort erfahren sollten.

Fröhlich gallopirte daher Mac Ferson, von diesen Gedanken erfüllt, die Straße entlang, und mochte etwa sechs oder sieben englische Meilen zurückgelegt haben, als sein Pferd, das über einen im Wege liegenden, umgestürzten Baumstamm wegsetzen wollte, in einer trockenen aber noch zähen Schlingpflanze hängen blieb, stürzte, den Reiter weit ab gegen einen Baum schleuderte und dann, unfähig sich wieder zu erheben, liegen blieb.

Wie lange diese Bewußtlosigkeit Mac Fersons gedauert haben konnte, wußte er selber nicht, als er aber nach ziemlich langer Zeit wieder zu sich kam, fühlte er, wie ihm Jemand die Schläfe mit kaltem Wasser wusch und erkannte, als er die Augen aufschlug, den Mann, der, wie er wußte, sein grimmigster Feind war.