Ging nun alles gut, d. h. segelte das Schiff ohne seine Matrosen wieder bekommen zu haben, so bekümmerte sich die Polizei entweder gar nicht mehr um sie, oder war besondere Ordre zu diesem Zweck vom Capitän hinterlassen worden, so wurden sie im schlimmsten Fall auf kurze Zeit hingesetzt und sahen sich dann wieder frei, Arbeit anzunehmen wo sie es für gut hielten. Die besorgte ihnen aber dann ihr sogenannter »Schlafbaas«, und sah sich wohl vor, daß er vor allen Dingen seine Kost und sein Logis bezahlt bekam, indem er den ersten oder die beiden ersten Monate Löhnung, die besonders Schiffe in solchem Falle stets vorauszahlen müssen, in Empfang nahm. Bekam er das, so konnten die Leute ihre Sachen wieder bekommen, geschah das nicht, so waren sie ihm verfallen und er hatte immer reichlich seine Kosten gedeckt.

In den meisten Fällen verdienen diese Schlafbaasen, die in solcher Weise gewissermaßen eine Art Seelenhandel treiben, schönes Geld. Hundertmal ist es schon dagewesen, daß sie zuerst die Matrosen selbst überreden ihr Schiff zu verlassen, und sie dann, so wie nur ein richtiger Preis auf ihren Fang gesetzt wird, dem Capitän des Schiffes oder am häufigsten den Polizeidienern selber anzeigen, mit denen sie zwar den Raub theilen müssen, aber auch gegen die Folgen vollständig gedeckt sind.

Man sagte, daß der Wirth im goldenen Kreuze auf solche Art und Weise ebenfalls sein ganzes Vermögen zusammengeschlagen habe, und den armen Matrosen ein wirkliches Kreuz gewesen sei. Er hatte auch stets eine ganze Zahl solcher Leute, die bei ihm in Kost gingen, und in seinem eignen Hause wohnten. Dorthin kamen sie aber erst, wenn er von dem Gesetz nichts mehr zu fürchten brauchte – bis dahin wußte er bessere und sicherere Plätze für sie. An einen solchen Ort hatte er denn auch die Leute vom Boreas geschickt, die sich jetzt noch unter keiner Bedingung in der Stadt durften sehen lassen.

Es war am 22. August, ziemlich spät am Abend, und schon seit drei Tagen hatte das Gerücht in der Stadt Umlauf gefunden, der Boreas habe Mannschaft und wolle in See gehen. Nichtsdestoweniger durfte noch keiner der Leute aus seinem Versteck, und Polly hatte es besonders Jean, der sich bis dahin an solche Verordnungen wenig gekehrt, sehr streng anbefohlen, sich unter keiner Bedingung in der Nähe des goldenen Kreuzes sehen zu lassen.

Diesem Verbot gehorchte Jean auch auf das pünktlichste, keine Seele wurde ihn in der Nähe des Platzes, der für ihn die größte Anziehungskraft hatte, gewahr, aber im goldenen Kreuz selber stellte er sich jeden Abend pünktlich ein, gab Polly das verabredete Zeichen und schlüpfte dann zwei Treppen hinauf in das kleine Hinterstübchen, wo er doch wenigstens manchmal, wenn sie unten für kurze Zeit abkommen konnte, ein paar Worte mit ihr plaudern mochte. Jean hatte Polly, der Sicherheit wegen, sein ganzes Geld zum Aufheben gegeben, und sie ihm dafür, sobald der Boreas erst einmal fort sei, ihre Hand versprochen.

Jean wollte mit einem Landsmann, den er in Sydney getroffen, ein kleines Geschäft anfangen und die Aussichten waren dazu gerade in dieser Zeit vortrefflich.

Er wie seine Cameraden wohnten indessen gerad über der Bay drüben, am sogenannten North Shore in einem kleinen abgelegenen Häuschen, an einer Stelle im dichten Busch, die selten jemand betrat, und wo gewiß niemand entflohene Matrosen gesucht hätte.

Denselben Abend um acht Uhr stand Polly mit unserem alten Bekannten Charles von der Wasserpolizei im Hausflur – im Schenkzimmer war es fast ganz leer heut Abend – Mr. Mac Carther lehnte hinter der Bar und schlief, und Madame saß und strickte, und betrachtete nur dann und wann mit ziemlich verdrießlichen Blicken zwei Kunden, die schon seit einer halben Stunde hinter dem Tische saßen und an einem »nobbler brandy« zogen. Polly wurde nicht vermißt.

»Also es bleibt bei unserer Verabredung«, sagte Charles gerade in diesem Augenblicke und reichte Polly die Hand zum Einschlagen, die er nachher fest in der seinen behielt – »es bleibt dabei und – keine Ausnahme

»Ich weiß nicht«, sagte Polly piquirt, »was du immer mit der Ausnahme meinst, daß du die mit einem so bedeutenden Ton erwähnst. – Wenn ich einmal etwas sage, so kannst du dich darauf verlassen.«