»Werft die Bramsegelfalle los,« schrie aber jetzt auch der Capitän, der auf einmal fand daß ihn das Wetter ganz plötzlich überrascht hatte. – »Bramsegel fest – schnell – Falle los – Donnerwetter, Zimmermann, laßt den Burschen jetzt stehen und werft die Taue los.«

Die Leute sprangen, froh dem peinlichen Schauspiel enthoben zu sein, blitzesschnell auf ihre verschiedenen Posten, und im nächsten Augenblick schien alles nur Verwirrung in den gelösten Tauen und flatternden Segeln. – Niemand kümmerte sich um den Gefangenen, der noch mit entblößtem Oberkörper an den Wanten hing.

Ueber die See kam es indessen in dumpfem, hohlem Brausen herangestürmt. – Noch standen die Wolken tief am Horizont, aber die Luft wurde schon dick und düster, und das Wasser fing an sich vor der andrängenden Gewalt zu kräuseln und zu gähren. Die leichteren Segel waren indessen, so rasch es die schwache Mannschaft nur irgend erlaubte, festgemacht, die Marsraaen rasselten jetzt zum Reefen nieder, und in das monotone Heulen der Matrosen, die an den Reeftaljen hingen und die schweren Segel zum Reefen aufholten, mischte sich schon das Brausen des Sturmes, und die Segel schlugen dabei an die von den Brassen gelösten Raaen, als ob sie der kommenden Windsbraut ängstlich entfliehen und hinaus ins Weite wollten.

Hier besonders zeigte sich jetzt der Nachtheil einer zu schwachen Bemannung. – Sämmtliche Mannschaft wurde gebraucht ein einziges Segel zu reefen – und war selbst dazu kaum stark genug. Ehe sie denn auch das Vormarssegel fest bekommen konnten, brauste der Sturm heran, riß das große Marssegel mit einem Schlag, wie aus einer Kanone geschossen, von einander, und in der nächsten Secunde peitschten schon die Streifen davon um die Raaen. Der Capitän stampfte ingrimmig mit dem Fuß.

»Soll ich Hans lieber losbinden, daß er mit hilft?« sagte der erste Mate zum Capitän, mit dem er allein auf dem Verdeck stand – der zweite Mate war mit oben auf der Marsraae. –

»Verdammt! nein,« rief aber dieser »ich traue dem Burschen nicht, und er soll nicht sagen, daß er oder das Wetter mir seine Strafe abgetrotzt. Das Segel ist nun doch einmal beim Teufel, und mit den anderen werden sie schon fertig werden. So wie der Zimmermann herunterkommt, soll er ihm seinen Theil auflegen und dann wieder marsch hinunter in sein Loch. Wenn er so mordlustige Gedanken hat, wollen wir den Wolf doch lieber nicht aus der Falle herauslassen.«

Der Wind, der indessen eher an Stärke zugenommen als nachgelassen hatte, war erst ganz nach Norden herumgegangen, und bis die Leute mit Reefen fertig waren, neigte er sich sogar so weit gegen Nord-Ost daß der Capitän, der in den letzten beiden Tagen keine Observation bekommen, und die Nacht vor der Thür sah, der Nähe der Riffe nicht mehr traute, und lieber gleich zu wenden befahl.

Jetzt war aber der Angebundene wirklich im Weg, und da der Capitän auch wohl einsehen mochte, daß unter den jetzigen Umständen und während der Sturm über die aufgeregten Wogen heulte, die Vollziehung der Strafe unter den Leuten weit eher einen bösen Eindruck machen, als sie vor ähnlichen Vergehungen zurückschrecken würde, befahl er dem jetzt wieder an Deck gekommenen zweiten Mate ihn abzubinden und nach unten zu führen – »bis das Wetter besser geworden wäre.«

Der Mate, ein gutherziger Bursche, hatte wohl kaum einen Befehl seines Oberen mit größerer Freudigkeit befolgt als eben diesen. Er sprang rasch nach unten, warf ihm sein Hemd wieder über und stieg mit ihm die Luke hinunter.

»Es kann sich noch alles machen, Hans,« sagte er ihm hier freundlich, als er ihn in sein kleines Behältniß wieder eingebracht hatte – »Zeit gewonnen alles gewonnen, und wenn wir morgen glücklich in die Riffe einlaufen, denkt der Alte vielleicht gar nicht mehr an die ganze Geschichte.«