Der Zimmermann mußte den Gefangenen heraufbringen, und auch der Steward war indessen aus dem Bett geholt. Obgleich er ächzte und stöhnte als ob er am Spieße stäke, half ihm das diesmal nichts. Kaum hatte er aber einen Blick über See und Takelwerk geworfen, und nach den donnernden Riffen hinüber gehorcht, als er auf einmal so gesund schien, als ob ihm im Leben nichts gefehlt hätte. Er war lange genug zur See gewesen, um bald einzusehen wie die Sachen hier standen.
Als Hans an Deck kam, warf er einen einzigen flüchtigen Blick über Segel und Luft, im nächsten Moment schlug aber schon das dumpfe, jetzt ganz deutliche Donnern der Brandung an sein Ohr, und ein leichtes, fast triumphirendes Lächeln überflog seine bleichen Züge.
»Nehmt ihm die Eisen ab, Zimmermann,« sagte der erste Mate rasch, als ob er befürchte, daß vom Capitän wieder Einsprache geschehen könnte – »und dann rasch ans Werk, mein Bursche. Wir arbeiten heute Morgen alle nur für uns selber, denn wer den Hals nicht voll Seewasser haben will, mag zusehen daß er seinen Mund noch eine Weile über hoch Wassermark behält. – Rasch mit dem Segel, Ihr Jungen, das dauert ja eine Ewigkeit.«
»Mr. Black,« sagte aber in diesem Augenblick Hans, der dem Zimmermann seine Hände wieder entzogen hatte, daß er ihn noch nicht frei machen konnte – »ehe ich einen Finger dazu aufhebe, dies Schiff vom Untergang mit frei zu arbeiten, will ich erst wissen ob der Capitän die – Prügelstrafe, die er mir zudictirt, zurückgenommen. – Ist das der Fall, so soll er wahrlich keinen willigeren Mann als mich an Bord haben, und er mag mich nachher geduldig wieder in Eisen legen. – Ist das aber nicht der Fall, so – ist mir's lieber wir treiben auf die Klippen. – Ich für meinen Theil ersaufe nun einmal lieber als daß ich mich peitschen lasse.«
»Das ist Unsinn, Mann,« rief aber der Mate – »macht keine Flausen, und seid froh, daß man Euch Gelegenheit giebt Euer eigenes Leben mit retten zu helfen. – Erst einmal von der Küste ab – das andere findet sich nachher?«
»Was? – will sich der Hund noch widersetzen?« schrie aber der Capitän jetzt, auf das Mitteldeck springend und eine Handspeiche, die beim Oeffnen der Luke gebraucht war, aufgreifend – und ehe ihn jemand daran verhindern konnte, schlug er sie dem Gefangenen der wehrlos und mit gefesselten Händen vor ihm stand, über den Kopf, daß er besinnungslos zu Boden stürzte. Bill und Karl wollten ihm zu Hülfe springen und ihn aufrichten. Der Capitän schrie sie aber an bei ihrer Arbeit zu bleiben und sich nicht zu rühren, warf dann die Handspeiche auf Deck, und befahl Timor den »Körper« aus dem Weg und auf die Seite zu ziehen.
Mr. Black – sonst wohl ein rauher Gesell, aber keineswegs mit solcher unnöthigen Grausamkeit einverstanden, wartete diesmal auf keine weiteren Befehle von seinem Capitän, sondern rief dem ihm nächsten Matrosen – es war Bill – den Bewußtlosen aufzuheben und hinunter in das Zwischendeck zu schaffen. Dort legten sie ihn auf ein paar der da aufgestapelten Heuballen und ließen ihn liegen – es war nicht möglich in diesem Augenblick weiter etwas mit ihm vorzunehmen.
Der Capitän sah dies wohl, da aber Mr. Black, und wie es schien ziemlich entschlossen, selber dabei betheiligt war, ließ er ihn gewähren und ging mürrisch nach hinten.
Das Segel war indessen an Deck dicht gereeft und fest zusammengeschnürt. An einem Ende an die Taille befestigt zogen es die Leute mit leichter Mühe in den großen Mars. Zwei von den Leuten hatten indessen die Reeftalje von den Marsraanocken bis hierher niedergeholt, schlugen diese an beiden Seiten durch eine der Reefkausen, und holten nun das Segel nach Steuer- und Backbord aus. Eine andere Talje um die Mitte geschlagen, brachte es dicht unter die Raae und die ganze jetzt über die Raae vertheilte Mannschaft zog mit unendlicher Schwierigkeit zwar, aber doch sicher und gut das Segel mit den ersten Reefbändern an seine gehörige Stelle, und festigte es dort mit allen Bändern.
Nach kaum einer Viertelstunde schlug das Segel, von den beiden Tauen befreit, auf. Mit der Geschwindigkeit von Affen glitten aber auch die Leute zu gleicher Zeit an Wanten und Pardunen nieder, die Schoten auszuziehen, und hoch flog die wilde Spritzsee über den Bug des Schiffes aus und schleuderte förmliche Wellen über Deck weg, als die neue Gewalt das ächzende Fahrzeug gegen die anstürmende Wassermasse trieb.