»Schufte,« schrie aber der Capitän wüthend – »Ihr zu gut haben? Ihr seid dem Schiff noch schuldig für das, was ich in Sydney für Euer Wiedereinfangen Belohnung zahlen mußte. – Glaubt Ihr Euer Schlaf-Baas hätte Euch umsonst verrathen?«
»Also Mr. Mac Carther hat uns den freundlichen Streich gespielt,« sagte Bill lachend. – »Nun das bleibt sich gleich, aber die Gewehre behalten wir, und ich will mich lieber später einmal, wenn es dazu noch kommen sollte, auf sechs Wochen von irgend einem Gerichtshof einsperren, als hier von den Wilden fangen und auffressen lassen. – So – das ist das Lange und Kurze davon.«
Mr. Black flüsterte leise einige Worte mit dem Capitän. Dieser blieb einen Augenblick noch wie unschlüssig stehen; da aber die drei Matrosen, mit ihren Gewehren in der Hand, ruhig seinen wild und boshaft auf sie gerichteten Blick aushielten, und die anderen, die noch an Deck waren, zu ihnen traten und ihnen herzlich die Hand schüttelten, drehte er sich mit einem Fluch um und wollte eben die Fallreepstreppe hinunter ins Boot steigen. Da wurde unten im Raum ein Fall in das, jetzt bis ins Zwischendeck hinaufsteigende Wasser gehört, und gleich darauf tönte ein gellender Hülfeschrei zu ihnen auf. Alles was in der Nähe war drängte sich um die Luke, um hinunter zu sehen. Unten auf dem erregten Wasser schwamm ein Strohhut.
»Das war Hans!« schrie Jean erschreckt – »er ist ins Wasser gestürzt!«
»Nein, Hans habe ich selber eben ins Logis gebracht,« sagte der erste Mate, »und ihm dort die Eisen abgenommen. Wie ich fortging, war er dabei seine Kiste aufzuschließen.«
»Wo ist Timor?« rief aber jetzt der Capitän, der einen Blick in sein Boot hinuntergeworfen und den Jungen dort vermißt hatte, schnell und erschreckt aus – »wo ist Timor?«
»Vor ein paar Secunden stand er hier an der Luke« – betheuerte der Steward, der ein Packet mit seinen eigenen Kleidungsstücken und noch einige andere Sachen unter dem Arm trug, mit denen er dem Capitän ins Boot hinunter folgen wollte. – »Timor!« rief der Capitän noch einmal, als ob er gar nicht glauben könnte, der arme kleine Bursche sei hier hineingestürzt – »wo steckt der Schlingel?« und er sah sich ängstlich dabei nach allen Seiten um. Jean aber, rasch entschlossen wie er immer war, hatte schon alles was er trug dem neben ihm stehenden Bill in die Hände gedrückt, und glitt jetzt mehr als er stieg, an der steilen Leiter in den Raum hinunter. Einen Augenblick faßte er auf dem Rande des Zwischendecks festen Fuß, dann verschwand er in der Fluth die kaum über dem ihm vorangegangenen Körper zu kreisen aufgehört hatte.
Alles stand in sprachloser Erwartung um die Luke her und schaute auf die unheimliche Fluth in den Raum nieder. Jeder andere Hader, jeder andere Gedanke war vergessen, und jedes Auge hing nur in peinlicher Spannung an den da unten jetzt langsam aufsteigenden Luftblasen, welche die Thätigkeit des Untergetauchten verkündeten.
»Bei Gott, der kommt auch nicht wieder,« rief François endlich mit vor Angst fast erstickter Stimme. – »Jean – um Gotteswillen, Jean.« –
»Da ist er!« tönte es plötzlich von den erleichterten Herzen der Schaar, aus deren Brust sich ein tiefer Seufzer aufrang. – Sie hatten in der Zeit nicht einmal zu athmen gewagt. – Das kohlschwarze, sonst so lockige, jetzt straff niederhängende Haar des jungen Franzosen wurde sichtbar, gleich darauf sein todtenbleiches Gesicht. Mit einer einzigen Armbewegung war er an der Leiter und hob sich, auf eine der Sprossen tretend, in die Höhe und mit den Schultern aus dem Wasser. – Er war allein.