»Kämst du nur zu bald zu seiner Quelle, wo all' die Schrecken und Gefahren einer Wüste beginnen,« unterbrach ihn Hans kopfschüttelnd. »Wir können uns ein Beispiel an dem Deutschen, an Dr. Leichhardt, nehmen, der diesen Landstrich allerdings, aber Gott weiß auch mit welchen Mühseligkeiten und Gefahren durchzogen, und auf einer zweiten Reise sein Leben dennoch eingebüßt hat. Mit allem Nöthigen zu einem solchen Marsch ausgerüstet, mit der Kenntniß des Landes, die er auf der ersten Tour erworben, mit Muth und Ausdauer, wie sie nur je ein Mensch bewiesen, mußte er doch in den entsetzlichen Wüsten, die das Innere dieses weiten Landes bilden, elendiglich umkommen, und seine Gebeine bleichen jetzt vielleicht neben irgend einer Salzquelle, vom Sand der Wüste bedeckt. Ich bin sonst wahrlich nicht furchtsam, aber ein heimliches Grausen durchrieselt mich jedesmal, wenn ich auf das Innere dieses ungeheuren räthselhaften Landes blicke, das seinen kühnen Bewohnern noch immer hartnäckig die starre Sandwüste entgegenhält. Trotz allen Versuchen das Innere zu erforschen, trotz aller Aufopferung, trotz allem Todesmuth, es blieb vergebens, und wer weiß ob es je den Menschen gelingen wird, die ganze Insel zu durchwandern.«

»Es hat aber auch einen eigenen Reiz in solche, noch unbetretene Wildniß vorzudringen,« sagte Jean, der, auf sein Gewehr gestützt, lange und sinnend nach Süden hinabgeschaut hatte. »Fast unwillkürlich treibt und drängt es uns vorwärts, und – der Drang wird um so mächtiger, wenn gerade dahinter das Ziel unseres ganzen Lebens liegt, und unseren ausgestreckten Armen fast erreichbar scheint.«

»Dir steckt die Dirne aus dem goldenen Kreuz noch im Kopf,« lachte François, »aber ich weiß nicht, ob ein paar tausend Meilen Sand und Salzwasser nicht selbst die heißeste Liebe, ich will nicht gerade sagen abkühlen, aber doch wenigstens auftrocknen könnte. Wenn ich meinestheils ein ganzes Pensionat von lauter Geliebten in Sydney sitzen hätte, es würde mir nicht einfallen, so parteiisch für mein Herz, Magen und Kehle auf eine so entsetzliche Weise zu behandeln.«

»Bah,« sagte Jean leicht erröthend, »du bist reiner Materialist, François und hast keine Idee davon was wirkliche Liebe ist. Der allein glaub ich auch, wäre es nur möglich, alle solche Schwierigkeiten zu besiegen, die uns bei ruhigem Blut, bei kalter Ueberlegung geradezu unüberwindlich scheinen.«

»Es giebt für solche Zwecke ein noch mächtigeres Gefühl, Jean,« nahm aber Hans jetzt das Wort – »und zwar der Ehrgeiz. Es ist das die mächtigste, aber auch furchtbarste Gewalt unseres ganzen Systems, und kann sich selber nur in solchem Falle übertreffen, wo er sich mit der Liebe vereinigt, und das arme Menschenherz dann zu Sieg und Ruhm oder – zu ewigem Verderben mit fortreißt. – Ich habe in meiner Zeit von beiden Beispiele erlebt, die –«

Ein wilder, merkwürdiger Laut unterbrach ihn plötzlich, und alle drei griffen wie unwillkürlich nach ihren Gewehren.

»Ku-ih!« tönte es aus dem Wald heraus, das den oberen Hügelhang begränzte, »Ku-ih!« und der gleiche Ruf antwortete von zwei verschiedenen Stellen im Thal.

»Was für ein Thier war das?« frug François leise, als die Töne endlich schwiegen, indem er vorsichtig nach dem nächsten Dickicht hinüberhorchte.

»Vielleicht unsere Freunde von heut' Morgen,« lachte Hans endlich, mit den Blicken den Waldrand nach jener Richtung hin musternd, von woher der Laut zum erstenmal getönt. – »Jedenfalls waren es Eingeborne, denn das ist ihr Ruf. Möglich kann es auch sein, daß es als eine Art telegraphische Meldung beabsichtigt wurde, den Cameraden unten im Thal wissen zu lassen, daß wir bis hier oben glücklich angelangt seien.«

»Wir reisen ja da ordentlich wie die hohen Herrschaften in Europa,« lachte Jean, »von denen auch die Zeitungen jeden Schritt und Tritt, jeden Bissen den sie essen, jeden Schluck den sie trinken, melden, und – noch mehr melden würden, wenn sie sich eben nicht genirten. Aber – ich muß aufrichtig gestehen, ich mache mir für den Augenblick nichts aus einer derartigen Berühmtheit, und wenn ich wüßte daß ich die Rolle auch gut durchführen könnte, hätte ich gar nichts dagegen mich, so lange ich hier an Land wäre, schwarz anzustreichen und incognito zu reisen.«