Vom Bord des Kasuar stieg der Jubelruf des Zimmermanns empor, die Matrosen aber beobachteten mit schweigendem Entsetzen die Folgen dieses so unheilvollen Schusses, denn kaum hundert Schritt von dem umgeschlagenen Canoe entfernt, wurde im nämlichen Augenblick die Haiflosse wieder sichtbar; deutlich konnten sie dabei erkennen, wie sich das Ungeheuer der Tiefe mehr und mehr den, jetzt eben wieder emportauchenden Unglücklichen näherte, und ihr Athem stockte, da sie das Fürchterlichste fast unvermeidlich sahen, und doch nicht im Stande waren zu helfen.

Das Canoe selbst konnte übrigens, seiner eigenen Leichtigkeit wegen, nicht ganz zum Grunde gehen, sondern trieb nur, die Ränder kaum über der Oberfläche zeigend, langsam in der Strömung hin. Ned, der dicht daneben wieder auftauchte, versuchte allerdings seinen Arm darunter zu schieben, um dadurch vielleicht einen Theil des Wassers auszuwerfen, fand aber gar bald, daß er solcher Arbeit allein nicht gewachsen sei. Rasch sah er sich nach dem Kameraden um – da fiel sein Blick über diesen hinweg, auf die nicht ferne Brandung der Riffe – großer allmächtiger Gott – jener dunkle Punkt auf dem sonnenhellen Meer – ein wilder, stechender Schmerz durchzuckte sein Hirn, und unwillkührlich fast maß das Auge die Entfernung zum Schooner. Es war das aber auch nur ein Moment, denn hätte er selbst in seine Ketten zurückkehren wollen, jetzt konnte er nicht mehr; er vermochte ja nicht solche Strecke gegen die Strömung anzuschwimmen.

»Ned,« stöhnte da dicht neben ihm sein Kamerad – »Ned – ich bin verwundet – heiliger Patrick – der Mann hat mich durch die Schulter geschossen, – laß uns – laß uns das Boot flott machen – noch habe ich Kräfte, aber ich fühle, wie ich mit jeder Sekunde schwächer werde.«

»Wir sind nicht im Stande das Boot auszuschöpfen!« rief Ned rasch und seine Pulse stockten, als er die Spitze der Flosse gerade auf sie zugewandt sah – hatte sie der Hai gewittert, so war Einer von ihnen verloren – »komm Bill – wir müssen dem Ufer zuschwimmen – es ist ein Hai in der Nähe.«

»Ein Hai?« ächzte der Ire, und es war fast, als ob nicht jene Kugel, sondern erst dieses Wort ihm den Todesstoß gegeben. Es ist das Fürchterlichste für das Ohr des Schwimmenden, und seine Wirkung trifft wie ein lähmender, vernichtender Schlag. »Ein Hai« – wiederholte er zitternd und faßte krampfhaft nach dem, unter seinem Gewicht versinkenden Boot, »heilige Jungfrau, wir sind verloren!«

Ned zögerte noch einen Augenblick – sollte er das Canoe verlassen und in seiner eigenen Kraft die Rettung suchen? – aber sein Kamerad – da fiel sein Blick auf den Unglücklichen, der sich, von dem, wenigstens etwas Widerstand leistenden Holz gestützt, über die Oberfläche der See erhob und mit bleichem, stieren Antlitz nach dem nahenden Feind hinüber starrte; zu gleicher Zeit sah er, wie ein rother, verrätherischer Blutstrom von ihm ausging und die See schon auf mehrere Schritte im Umkreis färbte.

Länger bei ihm zu verweilen, wäre sicherer Tod gewesen – der gierige Hai, vielleicht schon durch den Schuß, wie durch den Schrei des Opfers aufmerksam gemacht, kam in kurzen Gängen heran und wurde, sobald er nur einmal das Blut witterte, zum erbarmungslosen Vernichter. Nicht einmal die gewöhnliche, und sonst nicht selten mit Vortheil angewandte List, wie das Schlagen mit Armen und Beinen und Schreien und Plätschern, konnte ihn mehr zurückschrecken. Ohne also auch nur ein Wort weiter auf den Hülferuf dessen zu erwiedern, der sich doch eigentlich nur seiner Leitung vertraut hatte, glitt er, so schnell und geräuschlos als möglich, von ihm fort, und strich in langen kräftigen Zügen aus, dem Lande zu. Die Schooner-Männer sahen seine Bewegung, und ihr wilder Schrei der Entrüstung verrieth nur zu deutlich, daß seine Absicht, wie die Ursache derselben, an Bord deutlich erkannt sei.

Dieser Schrei rief aber auch den unglücklichen Iren zu dem ganzen, fürchterlichen Bewußtsein seiner Lage zurück; ein einziger Blick verrieth ihm die feige Flucht seines Kameraden, dem er nicht einmal nachrufen durfte, wenn er nicht den grimmen Feind auf seine Spur bringen wollte. Verzweiflungsvoll starrte er jetzt nach dem Schooner zurück, und selbst in dem Gedanken schon drängte er die breite kräftige Brust der Strömung entgegen, das Unmögliche zu versuchen. – Umsonst, die Fluth, die dem Lande zustrebte, führte ihn weiter und weiter zurück, und mit dem warmen, quellenden Lebensstrom wich auch seine Kraft; die Sehnen, jetzt nur noch durch Todesangst und Noth in Spannung erhalten, schlafften in der übernatürlichen Anstrengung.

Näher und näher kam indessen der Hai – witterte er wirklich das Blut seines Opfers in so großer Entfernung? – noch schien er unschlüssig wohin er sich wenden solle, denn die Matrosen auf dem Schooner, obgleich der Arme unter der Zeit weit abwärts getrieben war, und trotz dem, wild dagegen protestirenden Zimmermann, schrieen und schossen mit Pistolen und Gewehren, um die Aufmerksamkeit des Unthiers von seinem Opfer abzulenken. Der Hai beschrieb auch, dadurch vielleicht irre gemacht, mehrere weite Kreise und strich einmal schon dem matt zu ihm herüber tönenden Lärmen entgegen, so nahe war er aber zugleich dem gesunkenen Canoe gekommen, daß ihm die von dort langsam herüber drängenden Ringwellen auch den Blutgeruch mit zuführen mußten. Plötzlich hielt er mitten in seinem Zug regungslos still – die Flosse stand unbeweglich fest, und wieder senkte sich ein Strahl von Hoffnung in O'Learys Herz, vielleicht nahm der Hai eine andere Richtung und er selbst trieb indessen dem Lande zu. – Da hatte der Raubfisch seine Witterung gespürt – nach rechts und links kreuzte er hinüber, als ob er die genaue Lage desselben erst ergründen wolle – jetzt hielt er wieder, und regungslos stand er wohl eine halbe Minute still, bis er sich endlich, wie seines Siegs gewiß, mit solch' entsetzlicher Kraft nach vorne schnellte, daß die Hälfte seines glatten, blitzenden Körpers in der hochaufspritzenden Fluth erschien; im nächsten Moment schoß er pfeilgeschwind der Richtung zu, wo der Unglückliche, immer noch mit der einen Hand krampfhaft das gesunkene Canoe erfaßt hielt, und zitternd nach dem Fürchterlichen hinüber starrte.

Da erkannte er das Nahen des Todesboten, sah, daß jetzt jede menschliche Hülfe vergebens sei, und von letzter, verzweifelter Angst, fast seiner Sinne beraubt, wandte er sich zur unmöglichen, trostlosen Flucht. Weit in die Bai griff er aus, den Kopf scheu dabei nach dem Verfolger zurück gedreht – aber seine Kräfte waren erschöpft – kaum vermochte er noch, sich über Wasser zu halten, dennoch ließ er nicht nach – der Kopf sank ihm, aber die Glieder arbeiteten fort, und nicht einmal mehr der Richtung bewußt, die er nahm, strebte er jetzt gerade dem Feind entgegen. Das Ungeheuer der Tiefe schoß herbei – der weiße, silberglänzende Bauch wurde sichtbar – ein Schrei, von dem Todesgurgeln erstickt, rang sich aus der Brust des Unglücklichen, und wenige Secunden später verrieth nur noch das vom Blut gefärbte Meer und das Kochen der aufsprudelnden Wasser die Stelle, wo eben ein Mensch geendet.