Und der flüchtige Sträfling? sah er noch den Tod seines unglückseligen Gefährten? – nein, sein Blick konnte jene Stelle nicht mehr überschauen; der gellende Nothschrei aber drang bis zu ihm hinüber, und sagte ihm mit fürchterlicher Schnelle, welcher Gefahr er selber ausgesetzt sei, wenn andere Hai's, durch den Blutgeruch herbei gelockt, die Bucht durchkreuzten. In wilder Verzweiflung strebte er jetzt dem Lande zu, das sich, nur noch kurze Strecke entfernt, vor ihm ausbreitete – er wandte auch den Kopf nicht mehr zurück; mehr noch fast, als das gefräßige Unthier des Oceans selbst, fürchtete er die lähmende Angst, die ihn bei dessen bloßem Anblick ergreifen und vernichten mußte, denn nur in Schnelle und Ausdauer lag noch seine Rettung. Er schwamm um sein Leben, und als er endlich die schwache Brandung erreichte, als ihn die Wogen faßten und hoben und hinüber trugen auf den rettenden Sand, da vergingen ihm die Sinne, er hatte nicht einmal mehr Kraft genug behalten, sich hinauf, dem höher liegenden Ufer zuzuschleppen, und fühlte nur noch, wie ihn hülfreiche Arme erfaßten, aufhoben und forttrugen. Er wollte schreien, doch die Stimme versagte ihm, er wollte die Augen aufschlagen, aber er vermochte es nicht mehr, ein toller Schwindel bemächtigte sich seiner Sinne, und ohnmächtig und bewußtlos brach er zusammen.

Wie lange er so gelegen, wußte er nicht; als er aber nach wildem, wunderlichen Traum die Blicke aufschlug, und zu den wehenden, grünen Wipfeln schattiger Bäume emporschaute, da sah er auch, wie er von Eingeborenen umgeben war, und ein hoher, stattlicher Insulaner, mit einem langen, sonderbaren Stab in der Hand und ein paar Falkenflügeln an beiden Seiten des Kopfes, stand vor ihm, und starrte ihm fest und finster ins Angesicht. Einzelne der Wilden begannen jetzt, als sie nun sahen, daß er wieder zu sich kam, ihn mit Fragen zu überhäufen, Ned verstand aber ihre Sprache nicht, und blickte nur scheu von Einem zum Andern, bis der Mann mit den Raubvogelflügeln, und wahrscheinlich auch der Führer der Schaar, ihn in gutem, flüssigen Englisch anredete, und zu wissen verlangte, was er hier an dieser Küste, suche. Auf diese Frage war aber der Sträfling schon vorbereitet, denn natürlich konnte er denken, daß er unter Eingeborene gerathen müsse, wenn er, der Küste folgend, die erste europäische Ansiedelung aufsuchen wollte; er hatte denn auch eine ziemlich glaubwürdige Erzählung bereit, und sagte, er wäre auf jenes, dort vor Anker liegende englische Fahrzeug gepreßt und unmenschlich behandelt worden, und hätte sich, ehe er ein solches Schicksal länger ertrüge, lieber mit der Gefahr, von Haifischen gefressen zu werden, zu den Eingeborenen dieser Insel geflüchtet.

»Ist die gelbe Jacke die Matrosentracht der englischen Fahrzeuge?« frug der Häuptling ruhig, als jener sein Märchen beendet hatte.

»Die gelbe Jacke?« wiederholte der Sträfling, und blickte überrascht und etwas außer Fassung gebracht zu ihm auf, dieser aber schien das nicht zu bemerken und fuhr nur fort, während er sich halb von ihm abwandte, und nach der Waldspitze deutete, wo der Ta-po-kaï mündete:

»Wem gehört jenes Boot, und wo sind die Männer die es hierher gerudert?« –

Ned zögerte mit der Antwort – er dachte an den Schatz und wußte nicht, ob er durch eine Enthüllung alles dessen, was ihm bekannt, des Häuptlings Vertrauen erwecken, oder selber suchen solle, den Schatz an sich zu bringen. Wie das aber? als er seinen Plan zuerst gemacht, hatte er auf des Iren Hülfe gerechnet, jetzt stand er allein – wäre es ihm möglich gewesen, unbewaffnet auch nur das Mindeste gegen drei starke Männer zu unternehmen? Nein, vielleicht half ihm aber die Entdeckung desselben zu der Freundschaft des Indianers, und ohne dessen kalt und ruhig auf ihm haftenden Blick zu begegnen, versprach er eine für diesen höchst wichtige und nützliche Enthüllung machen zu wollen, die ihm reiche Beute brächte, wenn ihm sein eignes Leben dabei gesichert würde.

Der Insulaner sagte ihm das zu, und der Sträfling, dadurch kühner gemacht, forderte nun auch noch, in seinen Stamm aufgenommen, und von diesem selbst gegen die Verfolgung der Weißen geschützt zu werden. Das aber wies der Häuptling unwillig von sich.

»Ich sicherte Dir Dein Leben!« rief er finster »und brauchte selbst das nicht zu thun. Liebe zu uns hat Dich nicht hergeführt, und Deine Hülfe brauch' ich kaum, denn seit jene Dreie gelandet, folgen ihnen meine Späher, und ihr Boot ist in meiner Gewalt; doch bist Du wahr gegen mich, so sei ein Theil der Beute Dein – thue dann damit, was Du willst. Die Gier der Weißen geht nach Gold – das mag Dir genügen.«

Freudig ging der Sträfling in diesen Vorschlag ein, den er gar nicht zu machen gewagt, da er kaum geglaubt hatte, daß die Wilden je wieder ein erbeutetes Gut herausgeben würden. Er erzählte nun aber auch Alles, was er erlauscht; daß der Eine der Weißen – die Pest über ihn, er hatte ihn stets wie einen Hund behandelt – als Indianer verkleidet, das Gesicht aber mit einer Matte verhangen, das Ufer betreten habe und eine Landverschreibung mit sich führe, die seiner Aussage nach Heki selbst unterzeichnet hätte.

Der Häuptling, der im Anfang kaum den Worten gelauscht, horchte hoch auf, und schien dem Erzählenden das Wort von den Lippen zu stehlen, mit keiner Sylbe unterbrach er ihn aber, und erst nachdem Ned Alles das, was er an Bord erhorcht, gebeichtet, that er ihm einige Fragen nach der Gestalt, dem Aussehen, den Augen, Zügen und dem ganzen Wesen jenes Mannes, der unter dem falschen Schutz ihres heiligsten Gesetzes dieses Ufer betreten habe. Ned gab das so gut er konnte, und der Neuseeländer nickte dabei ingrimmig lächelnd mit dem Kopf. Endlich zog er sich eine Zeitlang zu den Seinen zurück, und der Sträfling konnte jetzt nur nach den wilden lebendigen Gestikulationen, mit denen sie die, ihm fremden Worte begleiteten, schließen, daß es ein reges Interesse sei, was die düstern Gestalten jetzt bewegte und ihren Augen ein soviel wilderes, unheimlicheres Feuer verlieh.