Niemand kümmerte sich mehr um ihn, stundenlang lagerten die Krieger in dem kühlen Waldesschatten, und die Sonne hatte schon geraume Zeit den Zenith überschritten, während weiße, wehende Nebelstreifen am südlichen Horizont heraufstiegen, und ihre milchigen Strahlen weit hin über das Firmament schossen, als plötzlich die Büsche raschelten und ein einzelner Krieger, das dunkle, tättowirte Gesicht von einigen, kaum geheilten Narben fürchterlich entstellt, aus dem Dickicht sprang, an dessen äußerstem Rande sie lagerten. Was er berichtete, konnte Ned nicht verstehen, doch mußte seine Mittheilung von Wichtigkeit sein. Auf jeden Fall war sie lang erwartet, denn von mehren Seiten kehrten jetzt augenscheinlich früher ausgestellte Posten zurück, und die Schaar, die aus etwa fünfzehn Männern bestand, theilte sich in zwei ziemlich gleiche Haufen.

Der Eine von diesen zerstreute sich in den benachbarten Büschen, der Andere aber schlich langsam am Waldrand hin, der Mündung des Ta-po-kaï zu. Der Sträfling blieb unter der Aufsicht zweier Krieger und mußte der letzten Schaar folgen, doch schien man nichts von ihm zu fürchten, oder keine weiteren Vorsichtsmaßregeln für nöthig zu halten, denn er durfte frei neben seinen Begleitern hergehen, deren ganzes Aeußere ihn aber dennoch überzeugte, daß Flucht, wenn er daran wirklich noch gedacht hätte, hier ganz hoffnungslos gewesen wäre. Rasch schritt er denn auch an ihrer Seite fort, und wie der letzte in den laubigen, dunkelschattigen Büschen verschwunden war, lag der Platz wieder so einsam ruhig da, als ob ihn noch nie ein menschlicher Fuß betreten oder menschliche Leidenschaft seinen heiligen Frieden gestört habe.


Still und heimlich rauschten die hohen, majestätischen Wipfel des düsteren Urwalds, und flochten ihre riesigen Arme fest, fest in einander, daß die sengenden Strahlen der Sonne nicht Eingang fänden in ihr heiliges Dunkel, und die zarten Kinder ihrer Sorgfalt, die jungen saftigen Palmen und die wuchernden, blumigen Moose nicht erreichen und welken könnten. Es war Mittagszeit – heimlich drückten sich die munteren Waldvögel in den kühlen, duftigen Schatten der Sträuche, und die schillernde Eidechse nur glitt geräuschlos an Stämmen und Zweigen hin, und schaukelte sich an schwanken Ruthen oder haschte auch nach vorbeifliegenden Insekten und Käfern.

Still und heimlich rauschten aber auch die hohen, majestätischen Wipfel um eine einzige, kleine Lichtung, die an der sanften, grasigen Abdachung eines niederen Hügels lag, und jetzt nur von astigen Fruchtbäumen und einzelnen, früher vielleicht gepflegten Palmen beschattet wurde. Es war ein neuseeländischer Pah, die Wohnung, aber auch zugleich das Fort Eines der Eingeborenen, ganz nach Art der, über die Insel zerstreuten Befestigungswerke mit starken spitzen Pallisaden umgeben, und im Innern durch niedere Fenzen wiederum in einzelne, jedoch mit einander in Verbindung stehende Höfe abgetheilt. Inmitten desselben lag das flache, breitausgedehnte, niedere Wohnhaus, mit phantastisch geschnitzten Holzsäulen und kühler, luftiger Veranda. Schmale Bänke zogen sich im Innern dicht an den Wänden des Hauses hin, und zwischen zwei der Säulen hing, regungslos und leer, eine einzelne, von den Fasern des neuseeländischen Flachses gewebte Hängematte. Aber kein lebendes Wesen ließ sich sehen – Alles schien ausgestorben und öde, ja die Nebengebäude, großentheils nur Schuppen und Ställe, standen offen und leer, das Kochhaus, das sich früher dicht an das Wohnhaus geschmiegt, war auf der rechten Seite niedergebrochen und verfallen, die Hängematte hing in Streifen nieder, am Dach fehlten ganze Stücke; die Umzäumungen lagen theils niedergeworfen, theils von Moosen überwachsen; kein Hausthier belebte den Hof, und nur ein Habicht, der vielleicht in der Nähe horstete und hier, in den stillen, öden Gebäuden nach Nahrung gesucht, stieg jetzt kreisend empor, stand mit schnellem, kräftigem Flügelschlag wohl eine Minute lang still über dem, für ihn zur Heimath gewordenen Platz, und strich dann, den schönen Kopf noch immer zurückgebogen, langsam dem Meeresufer zu.

Er hatte seinen Feind, den Menschen, gewittert, und kaum verschwand er auch hinter den hohen, laubigen Bäumen, als eine wilde Gestalt die niederen Büsche theilte, die sich dicht an die halbniedergebrochenen Pallisaden anschmiegten, ja sogar einen Theil derselben schon mit ihren weitausgreifenden Schmarotzerpflanzen wie mit einem blumendurchwebten Laubnetz überzogen.

Es war Dumfry der, das Gesicht wieder dicht mit der Matte verhüllt, die Büchse fest und im Anschlag in der Hand, die Lichtung betrat und ernst und schweigend den Schauplatz früherer Zeiten überschaute, der – seine Wohnung getragen. Und wo hinaus hatte das Schicksal die gestreut, die früher die Waldeseinsamkeit mit ihm getheilt? wo weilten die Lieben, die auch eine Wildniß im Stande sind zum Paradies zu wandeln – welcher Boden war es, der ihre Fährten trug und ihnen Nahrung gab? Oder hatte Dumfry freundlos und allein hier gelebt? wurde kein Auge naß, als er seine neue Heimath verließ, harrte kein hoffender Blick mit freudiger Zuversicht seiner Wiederkehr? – Niemand wußte es – sein Mund schwieg über die Vergangenheit, und wer ihm später in Sidney befreundet gewesen, vermied es gern, auch nur die Erinnerung an frühere Zeit in ihm zu erwecken, denn finstere Geister waren es, die dadurch heraufbeschworen wurden.

Welche Gefühle mußten da aber jetzt sein Herz bestürmen, als er Alles das wieder vor sich sah, was in lebendiger Frische das Andenken an vergangene, und wohl kaum vergessene Stunden erneute – was die kaum vernarbten Wunden wieder aufriß und sein Auge fest und stier an jene Stelle fesselte, wo er –

»Gift und Tod!« murmelte er durch die fest zusammengebissenen Zähne vor sich hin, und stampfte unwillig und in ausbrechendem Grimme den Boden – »was kümmert's mich, wenn sie den Platz meiden und ihr wahnsinniges Gesetz den Ort selbst öde legt und verlassen. Um so besser – desto sicherer bin ich und desto unbewachter.«

Rasch glitt er in das Dickicht zurück, wo die Gefährten seiner harrten und ein Zeichen bedeutete sie ihm zu folgen, wohin er sie führen würde. Ihr Pfad, der bis jetzt durch die wildeste und rauhste Waldung geführt, wurde aber jetzt ebener; eine Art ausgehauener Weg, wenn auch allem Anschein nach lange nicht begangen, zog sich, wie Tomson glaubte, in ziemlich paralleler Richtung mit der See fort, und die Hügel hatten sie ebenfalls verlassen, oder hielten sich wenigstens nur noch am Fuß derselben hin, wo sie zweimal kleine, sprudelnde Bäche überschritten, und plötzlich auf einer sanften Abdachung des hohen Landes einen kleinen, vielleicht zwanzig Fuß steil emporsteigenden Erdaufwurf erreichten, dessen Gipfel ein eigenes, wunderliches Denkmal zierte.