Die Hälfte eines quer durchschnittenen Canoes stand dort wie ein Schilderhaus aufgerichtet; die beiden Seiten desselben waren mit weißen, schwarzen und grellrothen Farben bunt bemalt, und den oberen Theil schmückten hohe, wehende Federn, wie sie wohl sonst das Haupt des Kriegers und Jägers als stolzen Kopfputz zieren. Besonders prangten einzelne hohe, weiße Federn des Albatroß, die den Mittelpunkt des Busches bildeten, und eine bunt gefärbte Matte hing von oben herab und verdeckte den inneren Theil dieses eigenthümlichen Zierraths.

Die Fremden konnten, als sie den offenen Platz erreichten, das eben beschriebene Bauwerk leicht übersehen, desto schwieriger aber schien es hinaufzugelangen, denn hohe und fest eingerammelte spitze Pallisaden, auch keineswegs verfallen, wie die, der früheren Wohnung, sondern allem Anschein nach in gutem und trefflichem Stand erhalten, umgaben den Erdhügel. Der innere Raum zwischen diesem und seiner Verschanzung war von üppiger Vegetation dicht überwuchert, und es ließ sich unmöglich unterscheiden, ob der von Bäumen allerdings leere Platz früher bebaut, oder nur von dem hohen Holz befreit worden sei, um jenes Gestell auf dem Gipfel desto freier und besser herauszuheben.

Die Männer hatten, bis dahin noch von einer kleinen Gruppe palmenartiger Farrenbäume verdeckt, den stillen wunderlichen Ort in lautlosem Schweigen eine Zeitlang beobachtet, endlich flüsterte Van Broon, dem es hier unter den hohen Bäumen und vor dem einzeln dastehenden, indianischen Bau, der wie eine Schildwache das Herz der Waldung zu bewachen schien, anfing unheimlich zu werden:

»Ist dies denn nun endlich der Ort, zu dem wir jetzt, Gott weiß, wie viele Meilen durch Dornen und Schlingpflanzen gerannt sind, als ob uns der böse Feind auf den Hacken säße?«

Dumfry nickte, noch immer ohne ein Wort zu erwiedern, einfach mit dem Kopf.

»Der Eingang wird wohl an der andern Seite sein,« meinte Tomson, und richtete sich auf den Zehen empor, um soviel Raum als möglich übersehen zu können.

»Gentlemen!« wandte sich jetzt Dumfry plötzlich und mit leiser, unterdrückter Stimme, aber mit freudig blitzenden Augen, an seine Begleiter – »die Zeit unseres Handelns ist gekommen, wir haben den lang erstrebten Platz erreicht, aber all die Gefahren, die ich gefürchtet, ja fest erwartet, sind ausgeblieben. Die Gegend ist menschenleer, die Entfernung zum Meer, ja zu der Stelle, wo unser Boot verborgen liegt, beträgt von hier aus kaum tausend Schritt – dort, wo jener helle Fleck die Waldung lichtet, mündet der Bach, in dessen heimlichen Schatten wir eingelaufen. In einer halben Stunde können wir unten sein, und unsere Ruder tragen uns dann rasch dem sicheren Fahrzeug entgegen.«

»Warum gehen wir denn aber nicht an die Arbeit?« frug Van Broon ungeduldig; »zum Henker noch einmal, mir wird's nicht behaglich zu Muthe, so lange ich diesen cannibalischen Boden unter mir fühle; es ist mir immer, als ob uns die Bäume ordentlich so mit einer Art von Gier und Gefräßigkeit ansähen, und mit dem größten Vergnügen das Holz dazu hergeben würden, uns zu braten. Wo hat denn dieses Monument, oder was es sonst sein mag, seinen Eingang?«

»Nirgends,« erwiederte ihm Dumfry, aber immer noch mit vorsichtiger Stimme – »es ist ringsherum auf solche Art umgeben – Manawatus Begräbnißplatz liegt unter dem geheiligten Gesetz des Tabu, nur wenn Einer aus seinem Geschlecht wieder stirbt, erlischt das Verbot. Nach der bestimmten Zeit und der Feier der Tangi[15] bringen die »weisen Männer« die Gebeine hierher und wiederum verschließt das Gesetz den Eingang Jedermann.«

[15]: Bei dem Tod eines Häuptlings oder eines sonst angesehenen Indianers entsteht ein großes Wehklagen, das die Neuseeländer Tangi nennen. Die Frauen zerschneiden sich Arme, Gesicht und Brust mit scharfen Muscheln, und die Kleider und das Eigenthum des Verstorbenen wird dann gewöhnlich in das Grab desselben gelegt – in den sogenannten wahi tapu, und muß dort mit ihm verwesen.