»Wie kommen wir aber hinüber?« brummte Van Broon – »wir wollen wohl hier warten, bis Jemand kommt, um nachher die ganze Bevölkerung bei der Hand zu haben. Gebt dem Volk nur einen Vorwand, und wir stecken noch heute Abend Alle mit einander am schönsten Bratspieß, den sie auftreiben können.«
Dumfry wandte sich von ihm ab, glitt eine kurze Strecke rasch zwischen, ja fast unter den hohen Farrenkräutern hin, die das Stacket dicht umschlossen, prüfte einige der Pallisaden mit der Hand, und kam auch bald an eine, die weniger fest in der Erde stack als die übrigen. In diese schlug er mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft, indem er sich mit dem Rücken an die nächsten dicht daneben stellte, seinen Tomahawk, daß der Stiel nach oben kam. Der scharfe Stahl fuhr in das, durch die Jahre ziemlich weich gewordene Holz bis ans Heft hinein, und er gewann dadurch eine Handhabe, den sonst nicht gut erreichbaren Stamm anzufassen, und aus seinem Bett zu heben. Nach einigen, vergeblichen Versuchen gelang ihm dieß auch endlich, was einen schmalen Eingang in das Innere herstellte.
Van Broon, obgleich er die Größe der Gefahr, der sie hier ausgesetzt waren, gar nicht kannte, ja nicht einmal ahnte, er wäre sonst wahrlich nicht so geduldig dabei stehen geblieben, fühlte doch eine gewisse, ihm selbst kaum erklärliche Angst, als er die Vorsicht und unverkennbare Scheu des sonst so kecken, trotzigen Mannes sah. Dumfry, der ihnen winkte, dort zu bleiben, wo sie gerade standen, kroch nämlich rasch und vorsichtig in das tollste Gewirr des hier dicht verschlungenen Oberholzes, und kein Laut wurde weiter von ihm gehört, kein Zeichen gab er, bis plötzlich seine Gestalt, aber weiter unterhalb, wieder auftauchte. Er trug jetzt das zusammengeheftete Fell irgend eines ihnen unbekannten Thieres im Arme und lief mehr als er ging, dem engen Ausgange der Pallisaden zu, durch die er sich mit fast ängstlicher Hast ins Freie drängte. Kaum hatte er jedoch den inneren Raum verlassen, so legte er schnell seinen Pack auf den Boden nieder, stieß die früher herausgehobenen Pallisaden an ihren Ort zurück, und schien jetzt erst jedes Gefühl, was ihm bis dahin vielleicht Herz und Seele beengt haben mochte, stark und freudig von sich abzuschütteln.
Hochauf athmete er, aus tiefer, voller Brust, und ein triumphirendes, fast höhnisches Lächeln zuckte um seine Lippen.
»Nun fort,« rief er, und hob seine Last rasch wieder vom Boden auf, »fort, in wenigen Minuten sind wir am Ufer, dann zu Schiff und einem frohen, freudigen Leben entgegen!«
»Und ist das Alles?«, frug Tomson erstaunt, »Alles was wir zu thun haben? Darum die entsetzlichen Vorbereitungen und Zurüstungen?«
»Kommt! an Bord unseres guten Kasuar sollt Ihr Alles erfahren, nur jetzt von diesem Boden fort, der mir unter den Füßen zu brennen anfängt.«
Und ohne weiter auch nur eine Antwort abzuwarten, warf er einen flüchtigen Blick zu der jetzt von dem gestiegenen Nebel fast umdüsterten Sonne empor, die den Schleier mit ihrem rothen Gluthenlicht kaum zu durchdringen vermochte, und eilte so flüchtigen Schrittes rechts in das Dickicht hinein, daß ihm seine beiden Begleiter kaum zu folgen vermochten. Wohl eine Viertelstunde behielten sie diese Richtung bei, und jetzt zwar fortwährend thalab, die Hügel hinter sich lassend. Die Lichtung, auf die sie Dumfry schon am Begräbnißplatz aufmerksam gemacht, trat denn auch immer deutlicher und heller hervor, und einer kleinen, schmalen Anhöhe folgend, die als Scheide zweier Bäche dem Ufer entgegenlief, erreichten sie dieses, kaum zweihundert Schritte von der nämlichen Stelle, wo sie es betreten hatten, doch mehr seitwärts von der Mündung des Baches, und an einer von Holz fast freien, sandigen Fläche, die sich zwischen da, wo sie sich jetzt befanden und dem Ta-po-kaï ausdehnte.
Dumfry überflog mit prüfenden Blicken das Terrain, nirgends aber ließ sich auch nur das mindeste Außergewöhnliche oder gar Gefährliche entdecken; kein lebendes Wesen war zu sehen, nur ein paar Albatrosse strichen mit langsam bedächtigen Flügelschlägen über die Bai, und dort hinten – gerade vor dem hellglänzenden, weißen Streifen, der den Eingang der Bucht wie mit einem schimmernden Zirkel umgab, lag still und regungslos, die schneeigen Segel fest gegen die Masten geschlagen, der Kasuar, wie ein müder Seevogel, der nach langer, mühseliger Fahrt den Kopf unter die Flügel steckt, und sich schaukeln läßt von den krystallhellen, leise schwellenden Wogen – seiner Wiege und Heimath.
»Bei Gott!« brach da Tomson das Schweigen, und schaute ängstlich nach dem südlichen Horizont hinüber, den er erst von hier aus recht überblicken konnte – »es wird Zeit, daß wir an Bord kommen – Dumfry, dort hinten steigt ein Wetter herauf, und, wenn uns das hier noch in der Nähe jener Riffe erwischt, so können wir uns auf das Schlimmste gefaßt machen. Es wäre ein Spaß, wenn wir nachher wieder an die Küste geworfen würden.«