»Sollten jene weißgrauen Streifen Böses deuten?« frug der Verkleidete, und schien sie scheu und finster zu betrachten –
»Gutes auf keinen Fall,« brummte der Seemann, »will's wünschen, daß wir mit 'nem blauen Auge davonkommen.«
»Gentlemen beabsichtigen vielleicht, hier am Waldrand heute Abend Thee zu trinken,« unterbrach sie aber hier der ungeduldig werdende Holländer – »zum Henker auch, sollen wir etwa hier stehen bleiben, bis das Alles eintrifft, was Sie beide jetzt befürchten? – Wo liegt unser Boot?«
»Gerade dort drüben in jener Waldecke,« erwiederte ihm Dumfry – »aber Sie haben recht, ein Ueberlegen könnte hier ohnedieß nichts frommen, jetzt müssen wir durch – kommen Sie« – und wiederum zog er die Matte über sein Gesicht, die er, seit sie den Begräbnißplatz verlassen, fast fortwährend zurück geworfen getragen hatte, und schritt den beiden Freunden rasch voran, zuerst in die niedere Sandfläche hinab, die in Zeit der Fluth von den Wogen bedeckt wurde, und dann einen grasigen Anwuchs wieder hinauf, der sich der Waldspitze zuzog und überhaupt den ganzen, bewachsenen Küstenstrich mit einem hellgrünen freundlichen Kranz umgürtete.
Je weiter sie aber jetzt den Wald hinter sich ließen, desto freieren Ueberblick gewannen sie über den, mit jedem Augenblick drohender werdenden Himmel, und Tomson blieb, als sie etwa die Mitte der Sandfläche erreicht, stehen, um das Aussehen der Wolken besser beobachten zu können. Da fiel sein Auge, vielleicht durch einen sich dort regenden Gegenstand hingezogen, auf den hellgrünen Rand des Waldes, und ein Ausruf der Ueberraschung entfuhr fast unwillkürlich seinen Lippen, als er gerade da, wo sie eben die Holzung verlassen, mehre in bunte Matten gekleidete Indianer erblickte, die eben den Baumschatten verließen, und langsam ihren Fährten zu folgen schienen.
Dumfry und Van Broon drehten sich rasch nach ihm um, die dunklen Gestalten traten aber zu deutlich aus dem lichten Hintergrund hervor, als daß es noch einer Erklärung bedurft hätte. Van Broon wollte sich denn auch, sowie sein Blick nur auf den Federschmuck der Krieger fiel, ohne weiteres davon machen, Dumfry aber erfaßte seinen Arm und flüsterte ihm schnell und heftig zu:
»Halt, Sir, keine Uebereilung – wenige hundert Schritt von hier entfernt liegt unser Boot, fliehen wir jetzt, so erregen wir Verdacht, gehen wir aber ruhig fort, bis wir nur erst die Büsche zwischen uns und jenen haben, so gewinnen wir entweder hinlänglichen Vorsprung uns einzuschiffen, oder – wir haben Feuergewehre genug, jene kleine Schaar unschädlich zu machen. Langsam, Gentlemen, langsam sehen Sie, dort vorne – ha!« schrie er und riß sein Gewehr entsetzt empor, denn auch vor ihnen, gerade dort, wohin ihr Weg gerichtet war, und wohin er deutete, theilten sich die Büsche, und sieben oder acht braune, trotzige Gestalten, mit Büchsen und Streitkolben bewaffnet, ja Einzelne sogar mit der, ihm nur zu gut bekannten, langhaarigen Kriegsmatte bekleidet, traten ihnen entgegen, und hielten somit genau den Pfad besetzt, der sie allein zu ihrem Boote führen konnte.
Van Broon stieß einen Schrei des Entsetzens aus, Tomson aber, der schon aus dem Benehmen Dumfry's ersehen hatte, daß ihnen in der That mehr Gefahr drohe, als dieser eigentlich gestehen wollte, griff nach seinen Pistolen, untersuchte, ob die Zündhütchen noch festsäßen, rückte den Griff seines Cutlaß ein klein wenig mehr nach vorn, und schien dann ruhig den Erfolg abwarten zu wollen. Dumfry selbst war wohl ebenfalls nur durch die erste Ueberraschung außer Fassung gebracht, denn auf ein Zusammentreffen mit Indianern hatte er sich ja schon durch seine angenommene Tracht vorbereitet; fester nur zog er die Matte über sein Gesicht nieder, flüsterte seinen beiden Begleitern leise Muth zu, und schritt dann, die Richtung ein klein wenig verändernd, der äußersten Waldspitze zu, um, wenn die Indianer ihre Jölle etwa noch nicht gefunden hätten, wenigstens nicht selbst zu voreilig deren Lage zu verrathen. Hatte er aber zugleich gehofft, von den Eingeborenen unbeachtet zu bleiben, so sah er sich darin jedenfalls getäuscht, denn diese wandten sich, sobald sie seinen veränderten Curs bemerkten, ebenfalls langsam der Waldspitze zu, und Dumfry, der nun wohl fand, daß er nicht im Stande sein würde, ihnen auszuweichen, suchte jetzt nur so unerschrocken als möglich aufzutreten. Hielten ihn die Neuseeländer, was auch von vornherein seine Absicht gewesen, für einen, unter dem Tabu stehenden Führer der Weißen, so hatten sie nichts zu fürchten, denn noch waren diese uncivilisirten Stämme zu wenig mit Weißen in Berührung gekommen, die Pflicht der Gastfreundschaft gegen Fremde ganz vergessen zu haben.
Rasch näherten sie sich den Insulanern, die nun ihrerseits die drei Fremden ruhig erwarteten; Dumfry aber, so keck und zuversichtlich er früher gewesen schien, schrack doch, als er nahe genug kam, die Züge des Häuptlings zu erkennen, augenscheinlich zurück und sprach, anstatt die erste Begrüßung diesen Herrn des Bodens zu geben, kein einziges Wort. Die Wilden ihrerseits, die, hier noch dazu in der Mehrzahl, eine solche Artigkeit wohl erwarten zu können glaubten, schwiegen ebenfalls und Tomson, durch Dumfry's Betragen zuerst überrascht, trat endlich vor, streckte dem, den er für den Häuptling hielt, die Hand entgegen und sagte mit seinem offenen und ehrlichen Ton:
»Gott zum Gruß, Gentlemen, ich weiß freilich nicht, ob Sie englisch verstehen, thut aber auch nichts – werden schon wissen –«