»Der arme Draper; also half ihm seine kleine Nothlüge nicht einmal?«
»Kleine Nothlüge, Mr. Hennigs?« sagte die Matrone mit größerer Strenge, als sie es sonst wohl gewohnt war, »Sie reden da recht böse, recht unendlich böse Worte; abgesehen davon, daß der Augenblick, wo er sich mit seinem Gott beschäftigen sollte, keine Nothlüge zuließ, so giebt es gar keine Nothlügen; es darf Nichts in der Welt einen frommen Menschen zu einer Lüge bewegen, nicht einmal die Noth; denn das Herz, was nicht wahr und treu ist, kann dem Herrn kein wohlgefälliges Opfer bringen.«
»Aber beste Mrs. Draper,« entgegnete ihr Hennigs, »Sie werden mir doch gewiß zugeben, daß es Fälle im menschlichen Leben giebt, wo eine Nothlüge nicht allein keine Sünde, sondern sogar gut und –«
»Nein, das gebe ich Ihnen nicht zu,« unterbrach ihn die Matrone schnell, »das kann ich Ihnen nicht zugeben, und schon ein solcher Gedanke ist Unrecht.«
»Wenn aber nun zum Beispiel Ihr Mann, oder eines von Ihren Kindern recht lebensgefährlich krank wäre,« demonstrirte Hennigs, »und wenn Sie nun wüßten, daß jede Aufregung für sie oder ihn die traurigsten, nachtheiligsten Folgen haben könnte, würden Sie da nicht, wenn nun etwa ein lieber Freund des Kranken eben gestorben wäre und er darnach früge, ihm den Todesfall verheimlichen? würden Sie da nicht lieber zu einer Nothlüge Ihre Zuflucht nehmen, ehe Sie das Ihnen theure Leben aufs Spiel setzten?«
»Mr. Hennigs, Sie bauen da eine ganze Menge von Voraussetzungen zusammen, um nur eine, Ihren Ansichten günstige Antwort zu hören. Das sind die Fallstricke, die uns der Teufel legt, um uns irre zu führen in dem, was recht und gut ist, und reichen wir ihm dann einen kleinen Finger, so hat er bald die ganze Hand und mit ihr die Seele des ihm Verfallenen. Draper nannte auch den frommen Mann einen Hypokryten.«
»Hm, ja, Mrs. Draper; aber Draper sagte mir, er hätte an dem Gebet volle sieben Viertelstunden gelesen, das ist doch ein Bischen stark.«
»Es war sehr erbaulich, und er gedachte aller unserer Sünden, da mußte es schon lange werden,« erwiederte die Frau.
»Wollen Sie nicht mit uns zur Campmeeting gehen, Mr. Hennigs?« frug jetzt Sally den jungen Mann, und sah ihn bittend mit ihren großen dunkeln Augen an.
»Gewiß, gewiß!« rief dieser schnell. »In so angenehmer Gesellschaft führ ich selbst mit zur – Campmeeting,« verbesserte er noch zur rechten Zeit, da ihm schon ein sehr sündhaftes Wort auf den Lippen schwebte, »aber wahrhaftig,« sagte er, jetzt sich in dem kleinen Raume umschauend, »Draper muß ver – muß ungemein fleißig gewesen sein; er hat sich in den vier Wochen, die er hier ist, schon wirklich ganz behaglich eingerichtet; das Dach kann ja kaum vierzehn Tage liegen.«