»Mr. Draper ist auch in der That sehr fleißig gewesen,« erwiederte die Matrone, »wie lange wird's aber dauern, da packt ihn die leidige Wanderlust wieder an, und Knall und Fall verkauft er für wenige Dollar das, was ihm jahrelange Arbeit gekostet hatte, und zieht westlich, immer weiter westlich, und immer tiefer in den Wald zwischen wilde Menschen und Thiere hinein.«

»Nun, viel weiter westlich kann er jetzt nicht mehr gehen,« meinte Sally ganz ernsthaft, indem sie dem Gast einen Stuhl zum Feuer rückte; »Vater hat ja selbst gesagt, er wäre nun nicht mehr weit vom indianischen Gebiet, und in dem dürfen sich keine weißen Leute ansiedeln. Ueberdieß,« fuhr sie schelmisch lächelnd fort, »ist ja Mr. Hennigs ebenfalls hier in den Wald gezogen, und da muß die Gegend doch wirklich Vorzüge besitzen, die man ihr auf den ersten Anblick hin gar nicht zutrauen möchte.«

Lucy wandte sich ab und setzte ihre Arbeit an dem großen Baumwollenspinnrade fort.

»Das Wandern müssen Sie uns schon zu Gute halten,« erwiederte Hennigs, der ebenfalls Sally's Anspielung vermeiden zu wollen schien und jetzt in aller Verlegenheit mit seinem Taschenmesser an dem Stuhle herumschnitt, auf dem er saß. »Dafür sind wir ja eben Pionniere oder Squatter, wie uns der Ost-Amerikaner nennt. Amerika braucht aber gerade solche Leute, die weder wilde Thiere noch wilde Menschen fürchten, sondern keck hineinziehen mitten in ihr Bereich, und der Natur den Boden abtrotzen, der ihnen und ihrem Fleiß, nach Aussage aller klugen Leute, nun doch einmal gehört.«

»Ja, ja, das ist schon Alles recht schön und gut,« meinte Mrs. Draper, »aber lieber wäre ich denn doch in Illinois geblieben.«

»Was, in Illinois? in den ungesunden dürren Steppen? zwischen Prairie-Hühnern und Prairie-Wölfen, und in der Gesellschaft der wirklich weltberühmten Corncrackers!«[3] rief Hennigs erstaunt aus: »nein, da lobe ich mir das Kraftland unserer Niederung, das ist nicht todt zu machen, und wollen wir wirklich Prairien haben, nun, dann finden wir sie westlich von hier, schöner und herrlicher, wie sie der ganze Osten mit all seinen so hochgepriesenen Vortheilen aufweisen kann.«

[3]: Spottname für die Bewohner von Illinois.

»Das mag wahr sein,« entgegnete ihm Mrs. Draper; »aber Illinois ist doch kein Sclavenstaat, und, mag dieß Land so schön und gut sein, wie es will, es ist mir fürchterlich auch nur mit Menschen zusammenleben zu müssen, die ihre Brüder und Schwestern wie das Schlachtvieh verkaufen.«

»Ach Gott, ja, Madame, es mag viel Wahres daran sein,« meinte Hennigs kopfschüttelnd, »manchmal, wenn ich so recht allein darüber nachdenke, kommt's mir auch fast so vor, als ob es nicht ganz recht wäre, daß wir die Neger feilbieten und ebenso für sie, wie für andere Waaren, den möglichst höchsten Preis zu erhalten suchen. Für Sünde kann's aber doch auch nicht gelten; denn unsere Väter und Großväter haben's gethan, das Gesetz hat den Sclavenhandel geheiligt und die Bibel selbst scheint die Sache als etwas sehr Natürliches zu betrachten, wenigstens habe ich neulich einmal mit dem presbyterianischen Geistlichen, der auch Sclaven hält, darüber gesprochen und der behauptet, Gott selbst habe das so eingesetzt, daß die heidnischen Völker den Christen dienen müßten; das klingt auch eigentlich vernünftig genug.«

»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte Mrs. Draper, »sie vertheidigen die Sclaverei, selbst aus der heiligen Schrift, aber nur Gott kann erkennen ob sie daran Recht thun; ich möchte nicht ein voreilig Urtheil fällen. Wir Frauen fühlen uns aber auch vielleicht weit näher darin berührt als die Männer; mir thut's ja schon in der Seele weh, wenn ich ein junges Huhn geschlachtet habe, und sehe nun, wie die alte Henne gluckend den ganzen Raum, den sie sonst zu begehen pflegt, durchläuft und das Verlorene sucht; wie vielmehr muß ich Mitgefühl mit einer Mutter haben, der fremde Menschen das Kind aus den Armen reißen, um es für wenige Dollar zu verkaufen, während sie selbst gern das eigene Herzblut dafür hingäbe, und doch zu arm ist es zu bezahlen. – Ich wollte, wir wären in einem Freistaat geblieben.«