»Ach, Mr. Hennigs, werde ich dem Prediger so frei ins Auge sehen können?« sagte Mrs. Draper seufzend.

»Frei und klar!« rief der junge Mann, »wie Sie Ihr Auge zu dem heute ebenso rein auf uns niederlächelnden Himmel heben können. Wir haben zwar Alle gegen die Gesetze des Staates, aber, wie ich es fest überzeugt bin, nicht gegen die Gesetze Gottes gehandelt, und die einzige Bedenklichkeit, die ich jetzt bei der ganzen Geschichte habe ist die, daß wir nicht entdeckt werden. Doch auch das hat keine Gefahr, und so wollen wir uns die schöne Zeit nicht selbst mit unnützer Sorge und Noth verderben. – Ist denn Lucy jetzt mit mir zufrieden?« flüsterte er dann, und bog sich leise zu dem schönen Mädchen nieder.

»Sie sind ein guter, guter Mensch!« sagte die Jungfrau, und reichte ihm erröthend die kleine Rechte.


Acht Wochen mochten etwa nach den oben beschriebenen Vorfällen entschwunden sein, der junge Hennigs hatte um Draper's ältestes Töchterlein angehalten, und dieses auch, da in dem schönen Lande der Freiheit die Herzen, die sich lieben, nicht erst eine hohe Polizei zu fragen brauchen, ob sie auch einander angehören dürfen, als sein braves Weib in die selbstgegründete Heimath geführt. Um aber nicht so weit entfernt von den Schwiegereltern zu wohnen, so waren die beiden Männer übereingekommen, das einmal von Draper durch seine erste Niederlassung in Beschlag genommene Land gemeinschaftlich anzubauen, und die schweren Aexte der wackeren Hinterwäldler hatten sich denn auch schon recht tief und erfolgreich in den stillen Frieden des Waldes hineingearbeitet.

Mit Hülfe des Feuers, das die niedergeworfenen Riesenstämme verzehren mußte, dehnte sich ein recht stattliches Feld zwischen den beiden einander gegenüber stehenden Blockhütten aus, und von den Nachbarn angekauftes Vieh theilte der kleinen Farm jene eigenthümliche, gemüthliche Lebendigkeit mit, ohne die selbst die bedeutendste Niederlassung doch nur eine Einöde sein würde.

Da hielt eines Sonntags Morgens, gerade als sich die kleine Familie um den reinlich gedeckten Tisch gesetzt hatte, auf dem saftiges Hirschfleisch, braun gebackenes Maisbrod und die dampfende Kaffekanne zum leckeren Mahl einluden, ein Reiter vor der Thüre der Hütte, und beide Männer sprangen gleich schnell und erstaunt von ihren Sitzen auf; denn kein Anderer war es, als Squire Pitt auf – seinem Goldfuchs.

Er wurde augenblicklich hereingenöthigt, und sollte nun schnell erzählen, wo er das Pferd wieder bekommen habe, das seit jenem stürmischen Abend nirgends wieder gesehen worden war; Pitt aber, der schon mehrere Stunden geritten sein und nicht unbedeutenden Hunger verspüren mochte, wollte sich auf keine Erläuterungen einlassen, ehe nicht das Tischtuch abgeräumt wäre; ein Stuhl ward ihm also rasch herbeigerückt, und unser Friedensrichter ließ dann auch der Kochkunst der jungen Frau alle nur mögliche Gerechtigkeit widerfahren. Dann erst, als das Geschirr beseitigt und der Tisch zurückgeschoben worden, löste sich seine Zunge, und halb in Entrüstung über die Frechheit des Erlebten, halb aber auch froh darüber, sein vortreffliches Pferd, und noch dazu in so gutem Zustande wieder erhalten zu haben, theilte er jetzt den ihm aufmerksam Zuhorchenden mit, auf welche wunderliche Art er wieder zu seinem Eigenthume gekommen sei.

»Denken Sie nur, Ladies,« erzählte er, »gestern Abend sitze ich ruhig in meinem Zimmer und bin entsetzlich müde; denn ich hatte mich den ganzen Tag im Sattel herumgetrieben, da knurrt auf einmal mein kleiner Feist, der bei mir im Hause schläft, und ehe ich nur aufstehen kann, tritt auch schon, wer anders als der Postmeister vom nächsten Städtchen drüben, zu mir herein. Erst glaubte ich, er käme aus der westlichen Ansiedelung und wollte zu Hause reiten; aber Gott bewahre, er sagte, er brächte mir etwas, faßt mich beim Arm, führt mich vor die Thür und zeigt mir – meinen eigenen Fuchs, der leibhaftig vor mir steht und mich anwiehert. Ladies, es ist zwar nur ein Vieh, aber ich fiel ihm vor lauter Freuden um den Hals und wollte eben anfangen zu fragen, wem in aller Welt ich das Wiedererlangen meines Eigenthums verdanke, als er mir einen Brief übergab und mir sagte, ein Mulatte hätte das Pferd da nach St. Louis gebracht, dort sich nach unserm Postoffice erkundigt und dann einen Boten gemiethet, der Beides – Pferd und Brief – in unsere Ansiedelung brachte. Das war nun schon an und für sich merkwürdig, das Merkwürdigste aber ist der Brief.«

»Von wem?« riefen Alle zugleich.