Eier lieber Sohn

Veitel.

Der Klöppeldistrict des sächsischen Erzgebirges.

Es ist seit langen Jahren, und besonders seit der Zeit, wo ich die Vereinigten Staaten von Nordamerika kennen gelernt, immer ein Lieblingswunsch von mir gewesen, die unglücklichen Proletarier unseres so sehr übervölkerten Vaterlandes nach jenen fruchtbaren Gefilden der neuen Welt hinübergeschafft und sie so ihrem fürchterlichen Elende gewissermaßen mit einem Gewaltstreich entrissen zu sehen. Bis jetzt ist das freilich noch ein frommer Wunsch geblieben; die Idee einer solchen Auswanderung durchzuckte mir auch nur manchmal in form- und gestaltlosen Bildern das Hirn, ich hatte mir selbst noch keine Rechenschaft darüber gegeben oder das Für und Wider solcher That geprüft und erwogen. Als uns aber der wieder und immerwieder kehrende Jammer jener Gegend stets zu neuer Hülfe und Unterstützung rief, als ein Nothschrei nach dem andern aus den Bergen drang, da stieg der alte Wunsch in mir immer lebendiger und kräftiger auf und im Geiste sah ich schon die Schaaren fröhlicher Auswanderer auf wogender See einem neuen, glücklichen Leben entgegeneilen.

Wohl sprach ich mich jetzt gegen Freunde und Bekannte darüber aus und suchte zu erfahren, auf welche Art ein solcher Schritt möglicher Weise zu realisiren wäre; die Leute schüttelten aber fast Alle mit dem Kopf und sagten einfach: »Das geht nicht – das thut's in den Gebirgen nicht – der Bergbewohner klebt an der Scholle und ist nicht fortzubringen, ja kann nicht einmal in seiner nächsten Umgebung verwendet werden; überdies sind sie schwächlich und entnervt und würden unmöglich die schwere Arbeit des Landurbarmachens ertragen können.« – Und gleich danach kamen unzählige Beispiele von Dienstmädchen, die es wundergut bei ihren Herrschaften hatten und doch nicht aushielten, sondern wieder zurück in's alte Elend liefen, – von Knechten, die entweder ihrer Arbeit nicht gewachsen, oder aus anderen Gründen nicht zu bewegen gewesen waren außer dem Gebirge auszuhalten, und das Resultat blieb stets das nämliche: ein solcher Versuch wäre unnütz – die Leute hielten es nicht aus.

Dem konnte ich nicht mehr widersprechen, denn ich kannte die Menschen ja nicht, über die ich solches Urtheil hörte; der Gedanke ließ mir aber keine Ruhe und ich beschloß einmal selbst hinauf zu wandern und mich an Ort und Stelle von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen. Allerdings war es damals gerade Winter und das Erzgebirge wird in dieser Jahreszeit von den Bewohnern des flachen Landes gewöhnlich für eine Art von Sibirien gehalten. Das schien mir aber auch in sofern die passende Zeit, als ich die Familien mehr zusammenfand und mich eher davon überzeugen konnte, ob die »Stubenhocker« auch wirklich für jede andere Arbeit untüchtig und verloren wären. Angenehm war es mir, daß ich mit einem Spitzenhändler Hrn. H., die Reise wenigstens zum Theil gemeinschaftlich machen konnte; ich wurde dadurch gewissermaßen in jene Gegend eingeführt und brauchte meine Zeit nicht mit langem Suchen zu verlieren.

Am ersten Tag erreichten wir Eibenstock, eine aus lauter Eckhäusern bestehende Stadt, und ich fand mich hier, wenn auch noch nicht mitten unter ihnen, doch schon im Bereich der Unseligen, die den Titanenkampf gegen englische Fabrikate kämpfen.

In und um Eibenstock wohnen eigentlich mehr die Tambourirer als Klöppler, aber auch hier hat das Elend schon seine Vertreter; bleiche abgemagerte Gestalten, die von Morgens, bis Abends spät, über dem Stickrahmen beugen und mit geschäftigen Händen die Erhaltung ihres Lebens, wenige Neugroschen, zu erstreben suchen. Durch den freundlichen Eifer des Herrn Oberförster Thiersch ist erst jetzt ein Arbeitshaus errichtet, wo die Kinder ganz armer Eltern wenigstens in warmer Stube und bei freiem Lichte arbeiten können. Manches arme Kind, das bis dahin bettelte, verdient doch jetzt wenigstens etwas die Woche; aber die Preise sind heruntergedrückt, eine gute Arbeiterin kann mit aller Noth wirklich nur wenige Groschen verdienen, und Sorge und Mangel furcht die bleichen farblosen Wangen.

Auch eine Schwefelholzfabrick – von lauter Kindern – ist in Eibenstock. Hier werden Streichhölzchen fabricirt – die gewöhnlichen Streichhölzchen in Papierkapseln, unten mit Sand beklebt. – Die Kapsel, die vielleicht 60 bis 80 Stück enthält, zu – einem Pfennig. Und die Kinder leben und athmen die ganze Zeit in dem Phosphordampf – einzelne Eltern behielten sogar die Kleinen zu Hause, weil sie »den Geruch nicht aushalten konnten,« den jene mitbrachten; – die Noth zwang sie aber doch bald wieder dazu, sie an die Arbeit zu schicken und – sie gewöhnten sich endlich daran.

Von Eibenstock brachte uns am nächsten Tage ein vierstündiger Marsch, oder eigentlich mehr Spatziergang, durch prächtigen schneegefüllten Nadelwald und malerische Schluchten und Thäler, bergauf und ab nach Breitenbrunn. Aber schon unterwegs kamen wir durch einzelne Klöppeldörfer und die Fenster füllten sich überall, wie sie die fremden Männer vorbeigehen sahen, mit einer wahren Unmasse von kleinen Köpfen. Jedes einzelne Haus sah aus, als ob es eine Kinderbewahranstalt wäre.