Mir graute es im Anfang davor, eines derselben zu betreten; die niederen Stuben sahen von Außen alle so dumpfig und gedrückt aus; wie erstaunte ich aber, als ich mich endlich überwand, über die Reinlichkeit und Ordnung, die in diesen Räumen der Noth und des Elends herrschten. Das erste derartige Zimmer, was ich sah, war in Sosa, einem kleinen Dorfe zwischen Eibenstock und Breitenbrunn. Mehre Familien, wie das im Erzgebirge gewöhnlich der Fall ist, wohnten darin, und ein paar junge Mädchen waren noch mit ihren Tambourir- und Stickrahmen aus der Nachbarschaft zum Besuch gekommen – d. h. nicht etwa zum Kaffee und zum Plaudern, die Armen haben keine unnütze Zeit zu versäumen und keinen Kaffee zu trinken, sondern um gemeinschaftlich im warmen Zimmer die mühsame Arbeit zu fördern. Nur einige von diesen tambourirten, die übrigen klöppelten, und ich hörte hier zum ersten Male das monotone, unheimlich raschelnde Geräusch der hin und hergeworfenen Klöppel.

Es waren weiche, schwächliche Gestalten, aber ihre Gesichter sahen nur bleich, nicht kränklich aus – die Stubenluft und die sitzende Arbeit lähmte ihnen nur die Körper- und Geisteskraft, und hatte sie noch nicht ertödtet. – Die unheilvolle Ursache einmal beseitigt, und nicht ausbleiben würde die segensreichste Wirkung; nur das gutmüthige Lächeln, mit dem sie die Fremden empfingen, hatte etwas Leidendes. Das Ganze war mir aber noch zu neu – ich schämte mich zu fragen, ich hielt es für Sünde, diese Armen, Unglücklichen auch noch durch, wie sie doch jedenfalls glauben mußten, bloße Neugierde zu kränken; erst später verlor sich das, als ich Hütte nach Hütte betrat und an den Jammer gewöhnt, endlich auch Worte fand, seinen Grund zu erfahren, ohne mehr zu fürchten, den Gefragten wehe zu thun.

In Hütte nach Hütte aber fand ich dieselben Gestalten, fand ich dasselbe Leid – ein Dorf glich darin dem anderen, und nur manchmal, wo das Elend seinen höchsten Grad erreicht, wo die Unglücklichen nicht allein kein Bett, sondern nicht einmal einen Platz hatten ihr Stroh trocken hinzulegen, auf dem sie Nachts die erschöpften Glieder ausstrecken, so daß dieses also in den Stuben bleiben mußte, sahen dieselben unordentlich und dadurch unreinlich aus. Die natürliche Folge davon aber ist, daß der Staub und Schmutz ihre Arbeit unansehnlich macht, und sie nun auch noch mit den Preisen gedrückt werden.

Die Klöppelarbeit erfordert nämlich die größte und möglichste Reinlichkeit, da die Spitzen nicht mehr gewaschen werden, sondern gleich von den Kissen weg zum Verkauf kommen; die Klöppler und Klöpplerinnen haben denn auch feine weiße Hände, ihre wohl oft zerissene und tausendmal geflickte Wäsche ist schneeweiß, die Diele und das Hausgeräth auf das Sauberste gescheuert – keine Spinnenwebe in der Stube, kein Schmutz unter dem Ofen oder in den Ecken, auch das wenige irdene Geschirr – Gott weiß es, es ist wenig genug – reinlich aufgewaschen und an seinen gehörigem Ort.

Rührend ist es dabei, mit welcher Liebe der arme Erzgebirger an seiner Heimath hängt; Jeder, der mit ihm nur je in Verbindung kam, weiß Beispiele zu erzählen, wie die Söhne und Töchter der ärmsten und elendesten Familien doch nicht unter besseren Verhältnissen, aber von den Ihrigen getrennt, aushalten wollten, und lieber wieder in den alten Jammer zurück flohen, lieber das Leid zu Hause mit den Ihrigen theilten. Mir kommt das aber, was bei diesen Menschen Heimweh genannt wird, eher wie eine Krankheit, wie eine Angst vor, die sie in der ihnen fremden Umgebung erfaßt. Es ist das Alles wahr, daß die Erzgebirger nicht unter fremden Leuten ausharren wollen, daß Knechte wie Mägde guten Lohn und nahrhafte Kost verlassen und lieber an ihren Klöppelkissen oder bei der heimischen Arbeit, aber mit den Ihrigen doch zusammen, hungern und Noth leiden. Aber nicht Faulheit ist daran Schuld, wie es ihnen nur zu oft aufgebürdet wird, nicht Widerwillen ist die Schuld, den sie gegen härtere, als die gewohnte Arbeit, fühlen sollen, denn die Klöpplerin arbeitet auch von Morgens früh bis spät in die Nacht, und der Mann verrichtet im Sommer die gewiß nicht leichte Waldarbeit und bestellt sein Feld. Nein, es ist einestheils die Furcht, die das Mädchen wieder aus ihrem Dienst treibt, sich die weichen Hände zu verderben und dann zum Klöppeln nicht mehr tauglich, für immer aus ihrem Familienkreis ausgeschlossen zu bleiben; es ist das unbehagliche Gefühl, das den Knecht ergreift, wenn er sich seines linkischen ungeschickten Benehmens wegen verlacht und verachtet sieht oder auch nur glaubt, und dann in der That nicht im Stande ist, mit seinem, durch keine gesunde Nahrung gekräftigten Körper eben so viel und so gute Arbeit liefern zu können, als seine Kameraden. Ist dann auch der Herr nachsichtig mit ihm, will er ihn nach und nach gewöhnen und heranziehen, so fühlt der Erzgebirger nur zu gut, wie er indessen von seinen Mitarbeitern verachtet wird, und muß vielleicht auch noch rohe Reden darüber hören, daß er eben so viel ißt, eben so viel Lohn erhält als ein Anderer und nur halb so viel dafür leistet.

Woher kommt aber diese Weichlichkeit des Geschlechts? Woher kommt dieser abhängige, schüchterne Charakter eines Bergvolkes? Noth und Mangel hat es nach und nach entnervt. Die ewige vegetabilische Nahrung, und diese nicht einmal in einem gesunden und genießbaren Zustand, hat an seinem Mark und Leben gezehrt. Und haben diese Leute denn eigentlich wirklich gelebt? heißt das ein Leben führen? sind das mit Vernunft und Gefühl begabte Wesen, wie sie da bei dem monotonen Klappern der hölzernen Klöppel zusammenkauern und Woche aus und ein für wenige Groschen an einem vorgezeichneten Muster arbeiten, nur um zu existiren? Nein, es sind nur lebendige Maschinen, die blos da zu sein scheinen, eine gewisse Quantität Spitzen – so und so viele hundert Ellen – anzufertigen, um dann wieder zu denen, die sie zu Mangel und Jammer der Welt gegeben, in die steinige Erde gelegt zu werden.

Und könnten sie noch wirklich dabei existiren – – wären sie im Stande, wenigstens so viel zu verdienen, daß sie nicht allein das Leid, nein auch die Freude des Lebens genössen, so möchte es noch sein; aber so blieb ihnen selbst nicht einmal Zeit in ihrer Jugend mehr als die einfachsten Schulkenntnisse zu erwerben, denn sie müssen ja schon zu Hause, selbst als Kinder, mit an dem ganzen gemeinschaftlichen Tagewerke schaffen, um nicht gemeinschaftlich mit zu verhungern. Allerdings ist von der Regierung viel für Schulen gethan, so viel vielleicht, als es für einen so ausgebreiteten Strich des Elends möglich war; aber diesen Versuchen einer wohlthätigen Belehrung haben die Verhältnisse selbst, und leider mit nur zu vielem Erfolg, entgegengearbeitet.

Die Dörfer des Erzgebirges, besonders die ärmsten, wie Breitenbrunn und vorzüglich Rittersgrün, liegen über weite Bergflächen zerstreut und es ist z. B. in dem letzteren Dorfe den armen Kleinen dadurch förmlich unmöglich gemacht, bei tiefem Schnee die unten im Thal liegende Schule zu besuchen – selbst wenn sie, was leider nur zu oft nicht der Fall ist, Kleidung hätten, die sie vor Wind und Wetter schützte. Aber auch wirklich den Fall angenommen, daß sie im Stande wären, die Schule, und zwar regelmäßig zu besuchen, was haben die armen, durch ihre sonstige Umgebung in keiner Weise angeregten Kinder dann gelernt? nothdürftiger Weise etwas Lesen, Schreiben, Rechnen und – Bibel- und Katechismusverse. – Die letzteren sagten ihnen auch am meisten zu – das Hersagen solcher Verse und Lieder und das einförmige Geräusch der Klöppel paßte vortrefflich zu einander, aber dadurch zog sich der kaum entzündete Funke von Geist wieder mehr und mehr in sich zurück, und verlöschte endlich nach kurzer Zeit in dem weiten Meer des Elends, wo er mit dem Ringen nach einem Lebensunterhalte langsam aber sicher versank und keine Spur mehr in den bleichen ausdruckslosen Zügen zurück ließ.

Welchen Begriff hat ein solcher Unglücklicher von der Welt? keinen – er kennt nur den Jammer der ihn umgiebt, und nicht einmal die Hoffnung kann ihn trösten, denn was soll er hoffen? das Grab – nur im künftigen Leben, hat ihm sein Pfarrer gesagt, blüht der Lohn für sein Ausdauern und Harren und er harrt, – aber dauert nicht aus, denn er geht nach und nach physisch und moralisch zu Grunde.

In Breitenbrunn, wo wir bei dem dortigen Pastor Hrn. Uhlmann freundliche Aufnahme fanden, besuchte ich Abends die Klöppelschule. Am Tag arbeiten dort auch Erwachsene, so spät aber trafen wir nur noch Kinder; Kinder von sieben bis zwölf und vierzehn Jahren, meistens Mädchen. Je sechse saßen auf einer Art von Fußbänken um einen hölzernen Schämel herum, auf dem eine einfache Blechlampe brannte; sie hatten nicht das Gesicht dem Schämel zugedreht, sondern hockten von der Seite immer Eine hinter der Anderen im Kreis, während eben so viele mit Wasser gefüllte Glaskugeln, wie sie die Schuhmacher bei ihrer Nachtarbeit gebrauchen, den scharfen, blendenden, aber schmalen Lichtstrahl nur eben auf den Punkt ihrer Klöppelarbeit warfen, wo sie ihn gebrauchten. Und so sitzen diese Kinder Tag aus Tag ein; des Morgens haben sie einige Stunden Schulunterricht, der Nachmittag findet sie wieder im lauten Geklapper ihrer Arbeit. Spiel und Erholung kennen sie nicht – sie rasten nicht – und doch – doch rasten sie manchmal – der Klöppellehrer erzählte uns mit leiser Stimme, »die armen kleinen Dinger hätten schon mehr male mit Arbeiten aufgehört und gemeint: sie könnten nicht mehr – sie wären so hungrig.« Der arme Teufel konnte ihnen selbst nichts geben, er verdient mit seiner Frau auch nur 2½ Thlr. die Woche und hat fünf Kinder.