Und doch sind diese Klöppelschulen ein Segen für die Unglücklichen – sie haben doch wenigstens eine warme Stube und freies Licht und bekommen Geld für ihre Arbeit. Aber nicht in allen Klöppelschulen ist das der Fall – das teuflische Drucksystem fängt auch im Erzgebirge wieder an aufzublühn, und das fehlt jetzt nur noch, die Bewohner desselben ganz zur Verzweiflung zu bringen. Fast alle die Factoren oder Verleger von Spitzen legen dort oben noch neben ihrem Geschäft kleine Ausschnittläden an, und wenn auch Manche brave rechtliche Leute sind, die keinen Mißbrauch damit treiben, so giebt es doch auch wieder gewissenlose Menschen unter ihnen, welche die Noth der Armen benutzen, nicht allein die Preise herunter zu drücken, sondern ihnen auch noch werthlose Waare aufzudringen, mit der sie nachher Tagelang umherlaufen müssen, um sie nur, natürlich wieder mit Verlust, anzubringen.
Breitenbrunn wie Rittersgrün sind mit die ärmsten Dörfer des Erzgebirges; Hunderte von armen Familien leben dort, ja das letzte Dorf besteht fast einzig und allein, und mit nur sehr wenigen Ausnahmen, aus solchen Unglücklichen. Die Pastoren derselben sind denn auch in der That mehr Armenpfleger als Seelenhirten; sie müssen mehr Zeit darauf verwenden, die Körper als den Geist ihrer Beichtkinder zusammen zu halten, denn der Arme hat ja weiter Niemanden als gerade seinen Pastor, der ihm die ewige Barmherzigkeit Gottes predigt – dieser allein giebt ihm eine, wenn auch weit hinaus geschobene Hoffnung auf ein künftiges Leben – ach es ist die Einzige, die der Unglückliche kennt, und er blickt nun vertrauend zu dem Mann empor, der ihn zu trösten und aufzurichten sucht.
Die Pastoren könnten hier von vielem und großem Einfluß sein, und Manche sind es auch, andere aber wieder, und vielleicht in ganz guter Absicht, quälen ihre Pfarrkinder noch mit dem, was eigentlich freiwillig aus innerstem Herzen springen sollte, mit der Religion und dringen darauf, daß »Gottes Tempel« nicht allein in »gutem Zustande« sei, sondern auch »anständig aussehe.« In den ärmsten Dörfern, wo Hunderte von Einwohnern wie die Schafe zusammengepfercht und in elenden Hütten, oft ohne Betten liegen, wird das stets unter die »nothwendigsten Ausgaben« gerechnet, daß die Kirche restaurirt werde. Sogar in Rittersgrün, wo mir der Pastor selber sagte, daß sein ganzes Dorf wie ein einziges Armenhaus dastehe, verlangt er zwölf- oder vierzehnhundert Thaler für die Herstellung der etwas baufälligen Kirche, und wollte zu diesem Zweck eine Pfennigsteuer erheben. Die Menschen können auf faulem Stroh liegen, aber der liebe Gott darf nicht mit einem gewöhnlichen und billig hergestellten Bethaus, wie ich es vorschlug, abgespeist werden. – »Das Dorf kann doch nicht ohne Kirche sein?« rief er erstaunt. Und der Mann meint es sicherlich gut, denn er hat schon unendlich viel für die Armen gethan, wenn er auch die etwas bevorzugt, die am regelmäßigsten zur Communion gehen und die Kirche besuchen.
Die Erzgebirger sind arm, aber ehrlich, Diebstähle fallen nur höchst selten bei ihnen vor; selten, aber doch manchmal. So war ich in Rittersgrün in einer Hütte, wo auch Gott weiß wie viel Personen in einem engen Käfterchen zusammenstaken, die übrigens Alle zu einer Familie, wenigstens zu einer Verwandtschaft gehörten; unter diesen saß eine schwangere Frau, vielleicht acht und zwanzig Jahre alt – oder wohl auch jünger, denn die Noth altert vor der Zeit – der liefen aber die Thränen über die Backen, als der Pastor, der uns begleitete, ein paar Worte mit ihr sprach. Böse Menschen (in Rittersgrün meinten sie, die Diebe müßten von der nicht fernen böhmischen Grenze herübergekommen sein) hatten ihr vor einigen Tagen das einzige Bett gestohlen, was sie mit ihren Kindern bis dahin getheilt. – Schwanger – unausgesetzte Arbeit den Tag über, Hunger und Sorge um die Kinder – und nicht einmal ein Bett, auf dem sie Abends die müden Glieder ausstrecken konnte. Vor der Thür der Hütte lagen auf dem Schnee drei weißgewaschene Hemden zum Trocknen; weiß gewaschen waren sie wohl, aber nur mit Mühe hielten noch die unzähligen kleinen Lumpen zusammen.
Mit Sonnenuntergang verließen wir Rittersgrün und wanderten durch eine Gegend, die im Sommer paradiesisch sein muß, am Schwarzwasser entlang auf Raschau zu.
Am nächsten Morgen trennte ich mich von meinem bisherigen Reisegefährten und wanderte allein das Dorf entlang, der Straße nach Annaberg folgend. Ich weiß nicht, wie die Dörfer zu anderer Zeit dreinschauen mögen; aber jetzt, von dem weißen blendenden Schnee umgeben, sahen sie alle mit ihren blank gehaltenen Fensterscheiben reinlich und sauber aus; der hie und da vom Eis befreite Bach rauschte und murmelte dabei fröhlich durch's Dorf hin und neugierige Kindergesichter blickten hie und da aus den Fenstern zu mir herüber, immer jedoch augenblicklich wieder und blitzesschnell verschwindend, sobald ich nur den Kopf zu ihnen hinwandte. Raschau kam mir im Ganzen nicht so ärmlich vor, als die früheren Orte die ich gesehen, dennoch fehlte es wahrlich nicht an den Hütten der Noth und des Elends. In einer von diesen fand ich eine freundliche Familie beisammen – die Mutter mit zwei erwachsenen Töchtern und drei oder vier anderen kleineren Kindern.
Die Leute schienen wenigstens das Nothdürftigste zu haben, die Stube war hell und geräumig, ihr Anzug, wenn auch einfach, doch wenig geflickt und von größter Sauberkeit, und die Kinder sahen, wenn auch bleich, doch nicht gerade so hohläugig darein, wie ich das leider bei so vielen gefunden. Der Mann war Bergmann und stak jetzt irgendwo in der Erde, die Frauen aber saßen gar eifrig an ihren Klöppelkissen und förderten die klappernden Spuhlen. Und was verdienten sie mit dieser Arbeit? – Für drei Viertel Zoll breite, sauber geklöppelte Spitzen bekommen sie von dem Händler für zehn Ellen fünf gute Groschen vier Pfennige, für zehn Ellen, an denen eine erwachsene Person mehrere Tage arbeiten und auch noch das Leinengarn zugeben muß. Die Leute hielten mich für einen Spitzenhändler und boten mir ihre Waare, als ich sagte, daß ich eine Kleinigkeit zu kaufen wünsche, um diesen Preis an. Ich kaufte an demselben Tag noch schmalere Spitzen – etwas über ein Drittel Zoll breit, die mir die Frau für fünf Neugroschen für zwanzig Ellen anbot. Als sie hörte, daß ich kein Spitzenhändler sei und nur ein einzelnes Stück kaufen wollte, setzte sie dann schüchtern hinzu: »so dürfen Sie mir schon ein paar Pfennige mehr geben – es ist gar wenig.«
In Oberscheibe, links und rechts zwischen ärmlichen Gebäuden hin, sah ich einen bleichen, krank aussehenden Mann, der mit einer Axt auf der Schulter eben in eine niedere Thür eintreten wollte; er blieb, als er mich herankommen sah, stehen und es kam mir vor, als ob er mich anzureden beabsichtigte – wenn das aber wirklich der Fall gewesen, so müßte er sich anders besonnen haben, denn er grüßte nur und verschwand in der Thür. Der Mann sah recht leidend aus – er hinkte auch, wie mir vorkam – die Männer waren sonst alle größtentheils auswärts an irgend einer Arbeit – ich hatte noch wenige zu Hause getroffen und beschloß diesem zu folgen. Rasch trat ich nach ihm in einen engen dunkeln Gang, der in den hinteren Theil des Gebäudes führte; er blieb stehen und sah sich erstaunt nach mir um, als er mich kommen hörte.
»Darf ich einmal mit Euch eintreten, Freund, und einige Worte mit Euch sprechen?«
»Ach Gott ja,« sagte der Mann und sah mich verlegen an; »aber – es ist gar eng bei uns und – und sieht nicht besonders aus –.«