»Mutter – Mutter« rief aber in diesem Augenblick die Tochter und flog in die ihr noch halb zweifelnd entgegengestreckten Arme – »Mutter – o mein Gott!«
Schmerz wie Freude wirken gleich stark, das Uebermaß der Gefühle macht das Blut stocken und lähmt die Thätigkeit der Nerven. Aber die Freude tödtet nicht so leicht, in ihr selbst liegt schon wieder die Heilung des ersten vielleicht zu mächtigen Schlages und der Augenblick des Erwachens ist auch der Augenblick der Rettung. Louisens Mutter war, von dem Uebermaß des Glückes ohnmächtig zu Boden gesunken, jetzt aber, unter den vereinten Bemühungen des Gatten und Kindes, die lachend und weinend die Schläfe der Bewußtlosen rieben und alle möglichen anderen Belebungsversuche anwandten, kam sie bald wieder zu sich und hielt nun, kaum im Stande ihr Glück zu begreifen, ja nur zu glauben, das lang entbehrte und ach, so geliebte Kind fest, fest umschlossen, als ob sie es nie im Leben wieder von sich thun und lassen wolle.
Doch welche Feder vermöchte die Gefühle der Mutter – die Empfindungen dieser drei Glücklichen zu beschreiben; lange Zeit fanden sie gar keine Worte und hielten sich nur still und selig umfaßt. Endlich aber, nach dem ersten Sturm der Grüße und Küsse frug Schwabe, was sie denn eigentlich hier herunter nach Louisiana gebracht, und wie es gekommen sei, daß sie Wagner überhaupt frei gegeben habe? Der Eltern Erstaunen läßt sich denken, als sie erfuhren, daß ihr Kind allein den ganzen weiten Weg die beiden mächtigen Ströme hinunter, allein auf dem großen Dampfboot, zwischen lauter fremden Leuten, zwischen dem rohen Volk des Zwischendecks hierher gekommen sei. Aber wir wollen sie selber reden und ihre Flucht erzählen lassen.
»Ach Vater« sagte sie, »wie weh mir um's Herz war, als Sie mich an jenem Morgen verließen –«
»Laß den Morgen Kind,« unterbrach sie hier lächelnd der Vater, »laß das Vergangene sein, wir haben Dich ja jetzt und alle Noth ist vorüber – aber noch eines – nicht mit dem kalten höflichen Sie mußt Du uns anreden, wie bei vornehmen Leuten Sitte sein mag, ich bin Dein Vater, das ist Deine Mutter und Du bist unser Kind; da gehört sich weiter Nichts als Du und Du, so haben wir's von je gehalten, und so soll's bleiben.« Die Tochter drückte den Eltern mit einem thränengefüllten Blick die Hand und fuhr leise fort:
»Ich muß doch wohl den Morgen noch einmal erwähnen, lieber Vater, denn in dem Augenblick, wo ich Dich so erschüttert davoneilen sah und Zeuge sein mußte, wie häßlich und unfreundlich Dich Herr Wagner behandelte, da war es, als ob ich zum ersten Male fühle, wie unrecht ich gethan hatte, nicht mit Dir, zu Euch, zur Mutter zu gehen. Und als ich nun endlich gar Dein Bild, liebe Mutter, und Deinen herzlichen Brief fand, und als ich mir sagen mußte, wie Du Dich grämen würdest, wenn ich nicht mit dem Vater heim käme, da habe ich die Nacht, und die folgende und alle Nächte geweint und geweint und wußte mir keines Rathes und hatte Niemand, mit dem ich mich aussprechen, gegen den ich mein ganzes Herz ausschütten konnte. Dabei mag ich wohl manchmal meine Pflicht versäumt haben, denn es war mir zu weh um's Herz und ich dachte an Nichts weiter als an Euch – und Missis Wagner schalt mich und Herr Wagner wurde auch unfreundlich, denn er meinte, die Gäste in der Hinterstube würden sich kein Glas mehr von mir einschenken lassen, wenn ich immer feuerrothe, verweinte Augen hätte. Unter jenen Gästen waren aber auch recht böse Menschen, die ein paar Mal sogar mit Messern nach einander stachen, ja einmal trugen sie sogar Einen todt fort, und Herr Wagner stieß fürchterliche Drohungen gegen mich aus, wenn ich auch nur eine Sylbe darüber redete.«
»Ich glaubte ich wäre verzweifelt, wenn ich länger hätte dort oben bleiben müssen, und dennoch wußte ich nicht was ich thun, was ich lassen sollte. Da kam zufällig, vor etwa acht Tagen eine Dame von Columbus zu uns, die am nächsten Morgen nach New-Orleans wollte und bei uns übernachtete. Das Dampfboot ging um 10 Uhr ab, und ich mußte ihr eine Hutschachtel und einen Reisesack hinunter tragen: sie hatte sich aber mit dem Anziehn ein wenig verspätet, wir kamen kaum noch zur rechten Zeit – die Planken sollten schon eingezogen werden – ich trug ihr die Sachen in die Cajüte hinauf, lief wieder zurück und wollte an's Land. Da, Mutter, da war es mir plötzlich, als ob eine Stimme, als ob Deine Stimme mich bittend anrief zu bleiben, der Gedanke an Dich, daß mich dieß Boot in wenigen Tagen in Deine Arme führen könne, zuckte mir durchs Herz und zaudernd, unschlüssig stand ich noch und wußte nicht, ob ich vor oder rückwärts sollte, als die Glocke des Bootes zum letzten Mal tönte. In dem nämlichen Moment rissen aber auch die Matrosen die Planken ein, die Maschine fing an zu arbeiten und wenige Secunden später befand ich mich, jetzt mit keinem freien Entschluß mehr von brausenden Wassern umgeben, von meiner bisherigen Heimath fortgerissen, auf dem breiten, gewaltigen Strom.«
»Erlaßt mir die Beschreibung dessen, was ich die ersten Tage unter den fremden Menschen litt und ausstand. Auf dem Boot waren sie unfreundlich mit mir, weil ich die Passage nicht gleich bezahlen konnte, glücklicherweise trug ich aber ein kleines goldenes Kreuz, das ich damals von Missis Wagner bekommen, als ich sie nach dem Nervenfieber so lange gepflegt. Dies verkaufte der Schiffsschreiber in Louisville für mich, bestritt davon meine Passage und gab mir auch noch einen Dollar heraus, wofür ich mir Brod kaufen konnte, unterwegs davon zu leben. – Ich mußte eine recht traurige Zeit verleben, und bin fast in Angst und Sorge vergangen, jetzt aber – jetzt ist Alles gut, ich habe Euch – Dich meine liebe Mutter, meinen Vater wieder und nun – nicht wahr, nun seid Ihr auch nicht mehr böse auf Euer Kind, daß es die fremden Menschen so lange lieber hatte als Euch, und nicht fort wollte von ihnen.«
Was braucht es weiterer Schilderung der glücklichen Familie, eine Stunde entfloh ihnen im Austausch ihrer Mittheilungen und Gefühle mit Zauberschnelle und erst die Meldung, daß der Eagle of the West bei Waterlow sichtbar wurde, mahnte Schwabe an die beabsichtigte Reise. Aber nicht in Cincinnati lag jetzt ihr Ziel, nein in Arkansas, in den fruchtbaren Thälern des noch wilden Staates; nicht bis zur Mündung des Licking, nur bis zu der des Arkansas hinauf wollten sie mit dem Boote gehn. Ohne weiteres Zögern trieb denn auch der Vater zum Aufbruch; ihr Gepäck lag schon am Ufer; nur noch die nöthigen Kleidungsstücke für Louise kauften sie rasch bei einem der deutschen Juden an der Landung ein, bestiegen das gleich darauf heranbrausende Boot, auf dem jetzt Schwabe in aller Freude seines Herzens keineswegs Zwischendeck-, sondern Cajütenpassage für sich und die Seinigen nahm, und erreichten eilf Tage später das kleine Städtchen Ozark, von dem aus sie in kaum vier und zwanzig Stunden ihre neue Heimath betreten konnten.