Nun wußte Schwabe, nach all dem Vorhergegangenen wohl gut genug, daß Wagner rechtlicher Weise keine Ansprüche mehr auf irgend eine Vergütung für seiner Tochter dortigen Aufenthalt machen konnte; er wollte es sich aber auch nicht einmal nachsagen lassen, undankbar für etwas gewesen zu sein, das ihm doch wenigstens im Anfang als Wohlthat erschienen. Er schrieb deshalb, und zwar so bald sie auf ihrer neuen Farm eingetroffen waren, einen Brief an Wagner, worin er ihn von seiner Tochter Ankunft in Kenntniß setzte und zugleich aufforderte, offen und ehrlich zu sagen, was er glaubte für die Erhaltung des Mädchens in den ersten Jahren beanspruchen zu können, (denn für die letzten dürfe er schon deßhalb nichts rechnen, weil er sie ja nicht einmal gutwillig habe wieder fortlassen wollen). Er versprach dabei den Forderungen zu genügen, soweit das in seinen Kräften stände und bat ihn auch dem Kinde nicht zu zürnen, das ihn ja nur deshalb verlassen habe, um in die Arme seiner Mutter zu eilen.

Auf diesen Brief erhielt er keine Antwort; ebenfalls nicht auf einen zweiten und dritten und erst im nächsten Jahre erfuhr er von einem neuen Ansiedler, der bis dahin in Cincinnati gelebt und Wagner recht gut gekannt hatte, die Ursache dieses räthselhaften Schweigens.

Die Geschichte der in seinem Hause verübten Mordthat, die auch Louise schon erwähnt, war ruchbar geworden, andere Klagen trafen noch mit dieser zusammen, das Halten einer heimlichen Spielhölle an und für sich unterwarf ihn schon der peinlichsten Strafe der Amerikanischen Gesetze und Wagner entging nur durch die freundliche Warnung eines Deputy Sheriffs, der ebenfalls mit zu dem Spielklubb gehörte, der Verhaftung und vielleicht – dem Zuchthaus. Er verschwand in derselben Nacht aus der Stadt und man hat nie wieder weder von ihm noch seiner Frau etwas gehört – sie blieben Beide spurlos verschwunden.

Am Fuß der Ozarkgebirge blüthe und gedieh aber indessen eine kleine wackere deutsche Colonie. Schwabe hatte sich in jenem herrlichen und noch so wenig gekannten Landstrich des fernen Westen niedergelassen, und üppige Maisfelder schmiegten sich an den Fuß, saftige Weingärten an die Hänge der Berge, zahlreiche Heerden weideten in den nicht fernen Prairien.

Aber ein ganz neuer Geist war auch über den jetzt glücklichen Vater gekommen, der mit unermüdlichem Eifer daran ging nicht mehr für sich allein, nein jetzt auch für sein Kind, für sein liebes, so lange verlorenes Kind eine neue und wohnliche Heimath zu gründen. Hier fand er dazu den vollen Spielraum für seine unermüdete Thätigkeit, für sein Schaffen und Wirken, und deutscher Fleiß, deutsche Mäßigkeit verwandelte bald das in ein Paradies, was noch vor wenigen Jahren öde trostlose Wildniß gewesen.

Schicksale einer Nacht.

»Nummero 15 – Schloßgasse!« rief ich dem am Schlage harrenden Kutscher zu, warf meinen Reisesack in die eine, mich selbst in die andere Ecke des kaum gepolsterten Wagens und fort ging's über das schauderhafte Pflaster der Residenz vom Bahnhofe aus in die innere Stadt, wo ich jetzt eigentlich im vollen Ballcostüme – o, der Gedanke allein schon machte mich rasend – beim rauschenden Chor jubelnder Melodien – sie – sie im Arme, in wirbelnder Seligkeit mich, Salon, Erde, Himmel und Weltall hätte vergessen sollen.

Aber nein, da rasselte ich noch in diesem Marterkasten zwischen düstern fremdglotzenden Häusermassen hin, denn gerade heute, als ob mir selbst die Locomotiven nicht einmal den Gefallen thun könnten schneller als Lohnkutscher zu fahren, waren wir erstlich wie die Schnecken über die glattbeeisten Schienen hingekrochen, an jeder Station ewig lange haltend, und zuletzt gar, um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, in einer Schneewehe eine volle Glockenstunde lang stecken geblieben. Deshalb trafen wir denn aber auch anstatt um sieben, um halb neun Uhr an Ort und Stelle ein, und es ließ sich wohl entschuldigen, daß ich in peinlicher Ungeduld zehn Mal unterwegs an die Fenster klopfte und dem Kutscher bald Flüche in die Ohren donnerte, bald Trinkgelder bot, bis dieser endlich in voller Verzweiflung auf sein darüber zum Höchsten erstauntes Pferd loshieb und wir nun, wie ein böhmisches Ungewitter durch die Straßen rollend, »daß Kies und Funken stoben,« bald darauf vor dem bezeichneten Hause anhielten.

»Ich habe gar nicht mehr geglaubt, daß Du kämst!« rief mein Freund, der erst heute Morgen meinen Brief erhalten hatte und mich jetzt, als er die Droschke herantoben hörte, in der Thüre erwartete, »wo hast Du nur so lange gesteckt?«

Zu Erklärungen war es aber keine Zeit mehr, rasch faßte ich meinen Reisesack, drückte dem Kutscher das schon in Bereitschaft gehaltene Geld in die Hand und flog mehr als ich ging die Treppe hinauf und in das von Meier bezeichnete Zimmer. Hier warf ich meinen Hut ab und erzählte und klagte dem Freunde – während dem ich den kleinen Reisesackschlüssel in allen Taschen mit immer größerer Hast zwei Mal suchte und zuletzt in der, in welcher ich angefangen hatte, fand – wie mich das Unglück verfolgt, ja wie ich überhaupt ein solcher Unglücksvogel sei, daß ich die Welt förmlich als Pechreisender durchziehen und die glänzendsten Geschäfte machen könne.