Es stand ja aber auch heute gerade mein ganzes Lebensglück auf dem Spiele – heute sollte ich, nach zweijähriger Trennung die wieder sehen, ohne die ich mir die Welt nur als eine öde trostlose Wildniß denken konnte – heute Abend durfte ich ja hoffen von ihren Lippen das süße Geständniß ihrer Liebe zu hören oder wenigstens doch in ihren Augen Leben oder Tod für mich zu lesen. Mit ihr, Leben in seiner sonnigsten Lust, im Freudenrausche wonnetaumelnder Sphären, ohne sie –

»Was zum Teufel hast Du denn da eigentlich in Deinem Reisesacke?« rief Meier und ich, der ich, während Himmel und Hölle in meinem Herzen mit Hoffnung und banger Todesfurcht rangen, das kleine Schloß des messingenen Bügels geöffnet und eben hineingegriffen hatte meine »Unaussprechlichen« herauszuziehen – den Frack trug ich nämlich, um ihn vor dem Zerdrücken zu bewahren, schon unter dem Burnus – ich denke mich rührt der Schlag, als ich gleich obenauf einen Schnürleib, ein Paar Schachteln, ein Schminkbüchschen und in immer wachsender Verzweiflung und Wuth eine ganze Unmasse solchen Plunders herausziehe und um mich her auf Boden und Stühle streue.

Meiers dämonisches Lachen brachte mich erst wieder zur Besinnung.

»Hahahaha!« schrie er und die Thränen liefen ihm in ununterdrückbarem Jubel über das breite, rothgeschwollene Gesicht – ich hätte ihn erwürgen können, »hahaha – hast einen falschen Reisesack erwischt – das ist göttlich – das ist unbezahlbar.«

»Da!« rief ich und schleuderte den geleerten nichtswürdigen Reisebeutel mit wildem Wurfe hinter den Ofen, »da lieg und verdirb. – Was fang ich an? Ich kann doch wahrhaftig nicht in meinen blau- und graucarrirten den Ballsaal betreten? – Heilige Dreifaltigkeit, habe ich denn nicht recht, wenn ich mich für das unglückseligste Geschöpf halte, das zweibeinig zwischen Himmel und Erde herumläuft? Jetzt sitze ich hier; Emilie wartet indessen mit ihrer Engelsgeduld stundenlang auf mich, den Treulosgeglaubten, kann aber endlich den dringenden Bitten nicht länger widerstehen und muß sich zuletzt auf den ganzen Abend engagiren.«

»Aber wie war das nur möglich?« fragte Meier, nachdem er sich von seinem bestialischen Lachkrampf in etwas erholt. »Jedermann behält doch unterwegs seinen Reisesack bei sich und da begreife ich gar nicht –«

»Begreifen – begreifen,« knurrte ich ärgerlich und lief dabei händeringend in der Stube auf und ab, – ich war damals zwanzig Jahr alt und der Ball mir zur Lebensfrage geworden, – »ich begreife es recht gut. Auf der letzten Station, wo man im Wagen schon keine Hand mehr vor den Augen sehen konnte, stieg noch eine Dame in unser Coupée und drückte sich, da in der Ecke gegenüber ein dickbepelzter vermaledeiter polnischer Jude saß und gar nicht daran dachte der Neuhinzukommenden Raum zu machen, dicht neben mich. – Ich bin von diesem Augenblicke an mit Leib und Seele gegen die Emancipation. – Daß sie auch einen Reisesack bei sich hatte, wußte ich natürlich gar nicht und als der Zug hielt, sprang ich, in Eile wie ich war und jetzt auch noch in der Angst vielleicht nicht einmal eine Droschke zu bekommen, rasch und ohne mich weiter um die Dame und ihr Gepäck zu bekümmern, aus dem Coupée und dem Droschkenplatze zu. Ich muß dabei wahrscheinlich ihren Reisesack erfaßt haben und sie hat dafür den meinigen. Meier, es wird bei Gott zu spät. – Wo bekomme ich andere Ballhosen her? wenn ich noch länger zögere ist Emilie auf den ganzen Abend versagt und ich kann nachher ihre dicke Tante im Saale herumschleppen.«

»Nun, wenn es weiter nichts ist,« meinte Jener gutmüthig, »da kann vielleicht noch Rath werden –, hier mache nur schnell Toilette und ich will unterdessen hinausgehen und sehen ob ich Dir nicht aus meiner Garderobe ein Paar zur Aushülfe herausfinden kann – wir sind ja ungefähr von einer Größe.«

Guter Mensch, der Meier! ich drückte ihm herzlich die Hand und während er hinausging besorgte ich meinen übrigen Anzug, brachte meine etwas in Verwirrung gerathenen Haare in Ordnung und war wenige Minuten später bereit in jedes Paar Beinkleider hineinzufahren, das sich mir bieten würde. Meier kam aber nicht so schnell wieder und ich unterhielt mich indessen damit, die Thüre jede halbe Minute zwei Mal auf- und zuzumachen, oder die Schachteln und Büchsen zu untersuchen, die mir ein tückisches Schicksal in den Weg geschleudert.

Damenplunder, Schminke, Puder, ein Paar falsche Locken, getragene Handschuhe und Strümpfe.