Es dauerte nun allerdings geraume Zeit, ehe ich im Stande war ihnen meine gänzliche Harmlosigkeit darzuthun, noch dazu da die früher gehörte Stimme von oben herunter ununterbrochene Drohungen von Galgen, Rad, Zuchthaus und Galeeren niederrief, und dadurch das Trifolium natürlich in dem Glauben erhielt, es sei Fürchterliches geschehen. Endlich mochte sie mein Ballcostüm, in dem ich mich producirte, beruhigen; es war wenigstens nicht wahrscheinlich, daß irgend ein vernünftiger Mensch bei solcher Kälte in schwarzem Fracke, weißen Glacéhandschuhen und Schuh und Strümpfen versuchen solle einzubrechen. Mein Freund im Schafspelze erkannte mich auch wieder, wollte sich aber, obgleich ich mich endlich mit den Leuten in soweit verständigte, daß sie mich für keinen Raubmörder hielten, in keinerlei Weise weiter mit mir einlassen, versicherte, daß er keinen Menschen Namens Meier kenne und in seinem Leben gekannt habe, schloß, dabei immer noch mit mißtrauischem Seitenblicke, die Hausthüre so schnell als möglich wieder auf und ich fand mich wenige Secunden später – und noch froh nicht etwa gar als fremder Ruhestörer irgend einem freundlichen Nachtposten überliefert zu sein – gerade vor derselben Pforte, vor der ich kurze Zeit früher Gott weiß was darum gegeben hätte, um nur gleich und schnell hineinzukommen.

Allerdings suchte ich mich jetzt augenblicklich und während innen noch der unausbleibliche Riegel mit größter Sorgfalt wieder vorgeschoben wurde, von der Identität der Hausnummer zu überzeugen; die letzte Laterne war jedoch indeß verlöscht, die Straße menschenleer und der Schnee fiel in großen kältenden Flocken nieder; ich selbst aber zitterte vor Frost an allen Gliedern und fürchtete wohl nicht ohne Grund eine bösartige Erkältung, wenn ich, so leicht bekleidet, auch nur eine Minute länger auf freier Straße blieb, als ich nothgedrungen mußte. Unter diesen Umständen blieb mir denn also nichts weiter übrig als den Versuch, in solcher Dunkelheit und Kälte das rechte Haus zu finden, aufzugeben, und ich lief rasch die Straße hinab, das erste Hôtel oder Gasthaus zu benutzen, was sich mir bieten würde.

Glücklicher Weise brauchte ich nicht lange zu suchen; wenige hundert Schritte weiter unten erkannte ich die goldglänzenden Riesenbuchstaben eines Schildes, die Hausglocke saß an der richtigen Stelle und ich fand – wirklich kaum noch im Stande mich auf den Füßen zu erhalten – ein eiskaltes Zimmer, aber ein warmes Bett, in dem ich mich von dem Elend und Leid dieser Nacht erholen konnte. Zum Tode erschöpft schlief ich natürlich augenblicklich ein und erwachte erst wieder, als mir das helle Tageslicht in die Fenster schien und der Kellner mit dem um acht Uhr bestellten Kaffee in die Thüre trat.

Wie ein düsteres Traumgebilde lag die Erinnerung der vergangenen Nacht auf meinen Nerven, der Kaffee übte jedoch seinen wohlthätigen Einfluß auch auf mich aus; ich schüttelte alle bösen Gedanken ab und mit dem festen Entschlusse Emilien auf immer zu meiden – ich bin bis jetzt noch nicht recht mit mir im Klaren, ob mich damals die falschen Locken oder die bedauernswerthe Ansicht über meine Gedichte am meisten dazu bestimmte – zog ich meinen Burnus wieder über, setzte den Hut, den mir das tückische Spiel des gestrigen Abends bescheert, auf, bezahlte die kleine Rechnung und öffnete meine Thüre, die auf einen schmalen Gang hinausführte.

»Nun, da hätte ich mir allerdings bis heute Morgen die Hände vor meinem Fenster wund klatschen können,« sagte in diesem Augenblicke eine Stimme dicht neben mir und aus der benachbarten Thüre trat ebenfalls mit Hut und Mantel, wer anders als Meier selbst heraus.

»Meier!« rief ich und stand ganz verdutzt über solche wunderbare Begegnung, »jetzt bitte ich Dich um Gotteswillen –«

»Weshalb liefst Du denn auf einmal gestern vom Balle fort?« brummte aber dieser. »Emilie hat tausend Mal nach Dir gefragt.«

»Emilie!« – der Name gab mir meine ganze Kraft und Energie wieder. –

»Meier,« sagte ich, griff ihm unter den Arm und führte ihn mit mir die Treppe hinab. »Meier, glaubst Du an ein böses Geschick?«

»Ich fange an zu glauben, daß Du eine eigene Fertigkeit besitzest Alles, was Du angreifst, verkehrt zu machen,« lautete die mürrische Antwort. »Weshalb bist Du denn nicht wie ein anderer vernünftiger Mensch nach Hause gegangen, anstatt mit dem einzigen Hausschlüssel in der Tasche in's Wirthshaus zu laufen und mich selbst dabei auszuschließen, daß ich nicht einmal in mein eigenes Zimmer konnte?«