Smith war aber auch aufmerksam geworden – ein Weißer unter den Indianern als Indianer – denn etwas Aehnliches schien unfehlbar die wirre Rede anzudeuten – er wußte selbst nicht, woher es kam, aber fast unwillkürlich zuckte ihm der Gedanke an Mrß. Rowland durch den Kopf, und er beschloß jetzt, jedenfalls dieser Spur so rasch als möglich zu folgen.
»Hallo Indian – ist das wahr, was Du da sprichst?« redete er diesen an und trat, um den Ladentisch herum, auf ihn zu.
»Aha« – grins'te die Rothhaut – »hat Po-co-mo-con Recht? – hick – Bleichgesicht gäb ganz Faß voll – hick – für – hick – für Geschichte – hier Becher.«
Smith füllte kopfschüttelnd den Becher aus einem auf dem Ladentische stehenden Krug und schaute dabei forschend und von der Seite den Indianer an – der aber hatte des Guten schon zu viel gethan – mit gläsernen Augen und mattem Lächeln hob er das Gefäß noch einmal an die Lippen – aber er vermochte schon nicht mehr zu schlucken.
»Hick!« lallte er, und der Whiskey strömte über seine braune Brust und das blutige Hemd – »hick – weißer Mann, gut – hick – Uiski besser – hick – sehr bess – er – hick!«
Und der Becher entfiel seiner Hand – Po-co-mo-con that einen Schritt vor, um sich im Gleichgewichte zu halten, glitt auf dem nassen Boden aus und wäre, hätte ihn der Händler nicht noch gefaßt, auf die Erde niedergeschlagen. Aber an Red'-und-Antwort-stehen durfte er an diesem Abend nicht mehr denken, selbst der Jüngere schien so trunken, oder stellte sich wenigstens so, um vielleicht den Fragen zu entgehen, daß auf eine vernünftige Antwort bei allen Beiden nicht mehr zu hoffen war. Smith also that das Einzige, was er unter diesen Umständen thun konnte – er schleppte die Bewußtlosen, da es unterdessen überhaupt fast dunkel geworden, ohne Weiteres in ein neben seiner Wohnung leer stehendes kleines Gebäude, das er zugleich mit als Waarenlager benutzte, warf sie hier auf eine Parthie Hirsch- und Bärenhäute, die in der einen Ecke ausgebreitet lagen, und verließ sie hier hinter vorsichtig verschlossener Thür, mit dem festen Entschlusse, sie am nächsten Morgen nicht eher ziehen zu lassen, bis sie auf das genaueste gebeichtet hätten, wie es mit dem Weißen unter den Indianern stand, und ob sich die Sache wirklich so verhielt, wie er jetzt noch glaubte.
Als aber der nächste Morgen kam und Smith mit dem Frühesten in der Absicht hinüberging, seine Gefangenen zu wecken, fand er zu seinem unbegrenzten Erstaunen das Nest schon leer und von den Indianern keine Spur; ja, bei näherer Untersuchung ergab sich sogar, daß sie durch eine Ecke des niederen Daches, wohin sie auf den rauhen Balken leicht gelangen konnten, ausgebrochen seien und ihm zwei vortrefflich geräucherte Hirschkeulen, für die er erst gestern per Stück einen silbernen Viertel-Dollar bezahlt, als Zehrung mitgenommen hatten. Der Verlust der Keulen schmerzte ihn aber am wenigsten; sie hatten getrunken, und er würde ihnen auch gern zu essen, ja, die Keulen vielleicht mit auf den Weg gegeben haben, wenn er nur gewußt hätte, wie es mit dem »Geheimniß« stand. Der Wunsch blieb aber Wunsch, und wenn er auch im ersten Augenblick an eine Verfolgung dachte, so gab er den Gedanken gleich wieder als unausführbar auf; denn daß die Wilden sich alle Mühe geben würden, keine Fährten, wenigstens keine sichtbaren zu hinterlassen, ließ sich denken.
Was aber nun thun? Smith zerschnitzte in allem Brüten und Nachdenken ein paar Stücke Holz, die ihm bei ruhigem Blut einen ganzen Tag gehalten hätten, und kam immer noch zu keinem Resultat; denn Mrß. Rowland etwas von der gefundenen Spur zu sagen, ohne ihr eine Gewißheit geben zu können, wäre grausam gegen die arme alte Frau gewesen, die nachher in, vielleicht nicht einmal befriedigter, Hoffnung vergangen wäre. Denn ließ es sich nicht denken, daß der lügnerische Wilde doch am Ende nur ein Märchen erfunden haben konnte, um noch einen Schluck Whiskey zu erpressen? Aber der Andere, sein jüngerer Gefährte, war augenscheinlich bestürzt geworden, als der Aeltere das Thema berührte – ha – da ging ein Mann vorüber, der ihm, gerade hierin, gar nicht erwünschter hätte kommen können.
»Heda, Tom – oh, Tom!« rief er, rasch in die Thür tretend.
»Hallo, Smith, was giebt's so früh?« nickte ihm der Angerufene freundlich hinüber; »guten Morgen! schon ausgeschlafen?«