Sehen konnten sie allerdings noch Nichts, aber wie sie den Kies jetzt nur etwas vorsichtiger weggeräumt, kam ein blau gestreiftes Hemd zum Vorschein, und etwa funfzehn Minuten später förderten sie richtig einen Mexikaner zu Tage, der sich unter ihrer Grube durchgewühlt und glücklicher Weise mit seinem Kopf eben unter die noch von ihnen stehen gelassene Wand gerathen war, der niederstürzende Kies hätte ihn sonst ersticken müssen. So, obgleich von der schweren Erde böse gedrückt, war ihm doch wenigstens genug Luft zum Leben geblieben, und nach tüchtigem Einreiben mit Brandy, von dem sie ihm auch etwas einflößten, nach Waschen mit kaltem Wasser, wie Reiben seiner Glieder mit wollenen Lappen, die Ehrhard lieferte, indem er sein wollenes Hemd auszog und in Stücke riß, brachten sie den armen Teufel nach etwa einer Viertelstunde wieder wenigstens so weit, daß er die Augen aufschlug.

Seine Kameraden mußten indessen geholt werden, denn obgleich sie den Auflauf der Miner gesehen, die fast sämmtlich von allen Ecken und Enden herbeiströmten, zu erfahren was es da gebe, hielten sich die Mexikaner fern von dergleichen. Sie mochten mit den Amerikanern in keine Berührung kommen, und hatten in der That keine Ahnung daß sie die Sache so nahe anging. Unter der Erde nämlich, der Goldader folgend, ist es ungemein schwer ohne Kompaß die genaue Richtung zu wissen, welche der bald rechts, bald links hinüberzweigende Stollen genommen. Kümmerten sie sich doch auch nicht darum, wenn sie eben nur die goldhaltige Erde zu Tage förderten.

Mit dem Bewußtsein des Betäubten, der dort unten jedenfalls Todesangst ausgestanden, gewann aber auch Meier seine Sprache wieder, und kaum sah er daß er lebte und außer Gefahr war, als er auch an die Ursache dachte, die den Burschen dort unter ihren Claim geführt und daß nun all ihre Mühe, den weiten Platz niederzugraben, vergebens gewesen wäre. Hatten doch diese „diebischen mexikanischen Schufte,“ wie er sie in vollem Grimm nannte, ihnen die „Butter vom Brod geleckt“ oder im wahren Sinne des Worts das „Gold aus der Pfanne gestohlen.“

Ueber die Art wie der Mexikaner dahin gekommen, blieb denn auch in der That kein Zweifel mehr. Nach alter Gewohnheit hatten er und seine Kameraden, der Goldader folgend, in den harten festen Boden sich eingewühlt und waren so nach und nach weit über ihren Claim hinaus, unter den ihrer nächsten Nachbarn gerathen, die jetzt umsonst ihre ganze Arbeit an dieser Stelle gethan hatten. Das, was die Mexikaner übrig gelassen, lohnte allerdings nicht mehr der Mühe es auszuwaschen.

Die komischste Figur war übrigens jedenfalls der Mexikaner, der, einer in einer Falle gefangenen Ratte nicht unähnlich, zuerst, als er seine Besinnung wieder erlangte, gar nicht begreifen zu können schien, wie er dahin gelangt sei und wo er sich eigentlich befinde, und nur langsam und nach und nach zu einem ihm allerdings höchst fatalen Verständniß gebracht werden konnte.

Als sich übrigens diese Mexikaner später weigerten, das Gold, was sie unter dem Claim der Deutschen ausgegraben, diesen, als den rechtmäßigen Eigenthümern, zurückzuerstatten, und bei ihrer Behauptung blieben, sie hätten nicht zehn Dollars Werth darunter gefunden, wurden sie von den also Uebervortheilten (eigentlich sollte man hier sagen „Untervortheilten“) bei dem amerikanischen Alkalde verklagt und mußten eine nicht unbeträchtliche Strafe zahlen: über ihren Claim hinausgegangen und in den einer anderen Gesellschaft eingebrochen zu sein. Das Strafgeld aber behielt der Alkalde natürlich für sich selbst, und die Deutschen konnten auf einer anderen Stelle wieder von vorn anfangen.

Der Ostindier.

Die Julisonne brannte heiß und sengend auf Douglas-Flat — ein kleiner Thalgrund an einem der Calaveres-Arme — nieder, und die Mittagszeit hatte die meisten der Minenarbeiter oder Goldwäscher, wie man sie eigentlich nennen sollte, von ihren Maschinen unter den Schutz der Zelte oder der einzeln stehenden Eichen gejagt, ihr einfaches Mittagsmahl zuzubereiten und dann ein paar Stunden süßer Ruhe zu pflegen, ehe die „Quälerei“ auf’s Neue begann.

Douglas-Flat lag in der Nähe von Murphys neuen Diggings, und zwar nur zwei Meilen davon entfernt, über den ersten Hügel hinüber, der sie im Südosten umzog. Bis dahin waren auch häufig „Prospektirer“ mit Pfanne, Spitzhacke und Schaufel dort hinübergezogen, und hatten hie und da eingeschlagen, noch nie aber etwas Erkleckliches gefunden; jetzt aber, da eine große Anzahl von Arbeitern in Murphys Diggings selber nicht so gut „ausmachten,“ als sie wohl erwartet haben mochten, und schon große Lust bezeigten die Gegend ganz wieder zu verlassen, zu gleicher Zeit aber eine wahre Unzahl von Waaren und Provisionen durch Spekulanten dort hinaufgeschafft waren, läßt sich denken daß diese letzteren, die ihnen zur Consumirung ihrer Vorräthe nöthigen Arbeiter nicht gern wieder ziehen ließen, ohne wenigstens ihr Möglichstes zu thun sie zurückzuhalten. Allwöchentlich tauchten deshalb neue Gerüchte von ganz in der Nähe von Murphys gefundenen, fabelhaft reichhaltigen Minen auf, die Alle etwas leicht Exaltirte in einer wahren fieberhaften Aufreizung hielten, und ihrem Zweck auch vollkommen entsprachen. Ehe die Leute mit Sack und Pack weiter zogen, wollten sie das, was sich ihnen hier ganz in der Nähe bieten sollte, doch wenigstens erst noch einmal probiren, und ein Sack Mehl nach dem andern wurde aufgezehrt, während die Masse, weil hie und da Einzelne doch wirklich manchmal etwas fanden, eine Zeit lang unverdrossen weiter arbeitete, bis sich endlich im September die meisten von ihren nutzlosen Anstrengungen überzeugt hatten, und selbst Fletscherism und Mesmerism, beides mit Erfolg eine Zeit lang angewandt nicht mehr zogen.