Major Lyatt, der Alkalde von Murphys New Diggins, ein kleiner dicker Mann, der vielleicht manchen andern Platz — besonders wo Fleisch nöthig war — vortrefflich ausgefüllt haben würde, hatte jedoch nicht den mindesten Begriff von irgend einer Rechtssache, und stürzte sich in alle dergleichen Geschichten mit wahrer Todesverachtung, nur der Unzen wegen, die er nie versäumte daraus zu ziehen. Hier aber schien ein ganz verwickelter Fall vorkommen zu sollen, und — das schlimmste bei der ganzen Sache — weder Kläger noch Verklagte hatten Gold, nicht einmal das übliche Honorar, eine einzelne lumpige Unze war zu erwarten. Trotzdem konnte er hier, wo Blut vergossen war, die Kläger nicht abweisen, noch dazu da die Regierung der Vereinigten Staaten durch besondere Statuten die Indianer Californiens unter die Gerichtsbarkeit, also auch unter den Schutz der respectiven Alkalden oder Friedensrichter gestellt hatte. Er mußte also nothgedrungen in den sauren Apfel beißen und versprach, die Sache morgen zu untersuchen; auch den Angeklagten so lange in Verhaft zu halten und bewachen zu lassen.
Davon wollten die Indianer aber nichts hören. Sie schienen den Weißen insofern nicht zu trauen, daß diese den Ostindier vielleicht wieder über Nacht entwischen ließen und damit auf eine geschickte Weise den eigenen Nacken aus der unangenehm gewordenen Affaire zögen. Selber erboten sie sich daher den Gefangenen, der die Ursache des vergossenen Blutes gewesen sei, zu bewachen. Sie warteten auch gar keine Antwort weiter ab, sondern nahmen jeder zwei Pfeile aus ihren Köchern von Fuchsfellen, hielten diese auswendig am Köcher mit der linken Hand, während die rechte den gespannten Bogen trug, und setzten sich so gerüstet neben den Gefangenen nieder.
Diesem waren indessen die Hände losgebunden und er saß frei die ganze Nacht zwischen seinen beiden Wächtern, aber er rührte sich nicht von der Stelle. Er wußte recht gut was ihm bevorstand, wenn er versucht hätte zu entfliehen. Die Indianer hatten übrigens noch keine Idee von der gegen sie erhobenen Klage, dem Ostindier neunzehn Tausend Dollar abgenommen zu haben — ebenso schienen sie zu glauben daß er, und nicht etwa einer von den Weißen, ihren Kameraden erschossen habe. Aus ihren Reden ging das wenigstens hervor, und die Amerikaner hüteten sich ihnen den Glauben zu benehmen.
Wie sie den Abend, wie sie die ganze Nacht gesessen, so saßen sie noch am nächsten Morgen und hielten Wacht, und der Ostindier lag zwischen ihnen und schlief. Er wußte, daß er keine Hinterlist von diesen rothen, zwar wilden, aber noch unverdorbenen Kindern der Wildniß zu fürchten hatte.
An diesem Nachmittage sollte das Verhör sein, vorher aber wurde eine Jury erwählt, welche die Indianer in ihrem Lager besuchen und den status quo untersuchen sollte. Der Sheriff hatte den Richter darauf aufmerksam gemacht, daß man vor dem Verhöre jedenfalls Erkundigung einziehen müsse, ob der geschossene Indianer wirklich todt, oder vielleicht nur leicht verwundet sei, und indessen Zeugen aufsuchen, den wirklichen Thäter — jenen Spieler — zu belangen und ihn dann ebenfalls nach dem Gesetze zu bestrafen. Zu gleicher Zeit wollte er sehen herauszubekommen, ob der Ostindier wirklich Gold bei sich geführt habe oder nicht, und wo er die letzte Zeit, ehe er nach Douglas Flat gekommen sei, sich aufgehalten.
Der Sheriff war zugleich der Fleischer des Orts, ein Irländer, und ein höchst rechtlicher und unerschrockener Mann, der übrigens die barocke Idee hatte, daß ihn der Richter, wie er selber auch gesonnen sei Kopf und Kragen an Ausübung wirklicher Gerechtigkeit zu setzen, dabei unterstützen müßte. Der Richter hatte weit wichtigere Sachen im Kopfe — er mußte kleine Stücke Land, acht Fuß lang und vier Fuß breit à zwei Dollar per Stück als „Claims“ in Murphys Flat an Stellen verkaufen, die schon zwei- und dreimal über verkauft waren. Dabei dachte er gar nicht daran es mit den Texanern etwa zu verderben, die seine besten Kunden waren, und dem Gesetz zum Trotz, das jedem nur einen Claim in der Flat zusprach, nicht allein schon zehn und zwölf nach allen Richtungen hin angekauft hatten, sondern noch dreimal mehr beanspruchten.
Die Jury wurde gewählt, das Verhör auf den Nachmittag angesetzt, und wir wanderten jetzt unserer sechse, von zwei Indianern, die den Morgen noch in das Lager gekommen waren, begleitet den Bergen zu. Dort hinauf hatten sich die verscheuchten Indianer so lange geflüchtet, bis ihnen erst die Gewißheit werden sollte, ob die Weißen Krieg oder Frieden mit ihnen beabsichtigten.
Der Halteplatz der flüchtigen Indianer.
Wir waren unserer sechse, hatten aber alle unsere Waffen, selbst die Messer, zurückgelassen, die armen Teufel von Indianer nicht noch mehr zu ängstigen. Nur der Sheriff trug seinen „Revolver,“ ein sechsläufiges Pistol, hinten im Gürtel. Die beiden Indianer dagegen führten jeder eine einläufige Flinte, Pulverhorn und Schrotbeutel, so daß es fast aussah, als ob sie uns als Gefangene in die Berge escortirten. Unterwegs schauten uns auch ein Paar Züge von wandernden Goldwäschern, denen wir begegneten und die von dem ganzen Lärm noch gar nichts gehört hatten, verwundert genug nach, wir hielten uns aber mit diesen nicht auf, sondern wanderten rasch durch die weite Ebene, auf die der Sonne Strahlen sengend niederbrannten, die schattigeren Hügel sobald als möglich zu erreichen.
Unsere braunen Begleiter sprachen auch über die Ebene hin kein Wort. Lautlos und mit gesenkten Köpfen gingen sie dicht hinter einander, aber so rasch her, daß wir kaum zu folgen vermochten. Der eine Amerikaner, ein dicker, wohlbeleibter Gesell, das Gesicht glühend und die großen klaren Schweißperlen auf der Stirn, erklärte endlich feierlich — d. h. er schrie hinter uns drein — er könne nicht mehr mit, und wenn das Gericht den sechsten Theil der Jury auf so leichtsinnige Art hinten lassen wollte, so möge es das auf seine eigene Verantwortung thun, er aber wasche seine Hände in Unschuld. Dabei biß er in stiller Resignation ein riesiges Priemchen von einer langen Stange Tabak, die er bis dahin wie einen Dolch in der Hand gehalten, ab.