Die Indianer, denen das begreiflich gemacht wurde, gingen von jetzt an zwar etwas langsamer, immer aber noch in einer Art kurzem Trab, und erst als wir an den Hügel kamen, blieben sie zum ersten Mal stehen, untersuchten rechts und links den schmalen Hirschpfad, den wir die letzte halbe Stunde gefolgt waren, und bogen dann rechts nach einer niedern Hügelkuppe, die von höheren Wänden umgeben war, ab.
Ziemlich auf dem Gipfel angekommen, hielt Einer von ihnen einen Moment und stieß dann plötzlich einen scharfen, gellenden Schrei aus, der zu unserem Erstaunen fast in derselben Secunde und zwar dicht neben uns beantwortet wurde. Dabei sprang hinter einem Baumstamme, an dem wir so nahe vorübergegangen waren, daß wir ihn hätten mit dem Fuße berühren können, ein bewaffneter und bemalter Krieger mit Bogen und Pfeilen vor, wechselte, ohne uns weiter auch nur eines Blicks zu würdigen, ein Paar Worte mit unsern Begleitern, und schritt uns dann rasch voran.
Eine Meile mochten wir auf diese Art wieder gemacht haben, als er einem von unseren früheren Führern ein Zeichen gab, und dieser gleich darauf erst sein Gewehr losschoß und dann dicht danach einen gellenden Kreisch, wie früher, ausstieß. Der Ruf wurde von beiden Seiten in der Ferne beantwortet, und als wir schon wieder weiter schritten, sah ich wie rechts und links an beiden Hügelhängen ein Paar bewaffnete braune Gestalten über die Felsen fortsprangen und mit uns, ohne näher zu kommen, Schritt zu halten suchten.
Der Indianer hatte wieder geladen, und der andere schoß bald darauf sein Gewehr auf ähnliche Art ab, wonach wieder fremde Gestalten sich unserem Zuge in der Ferne anschlossen. In solcher Weise zogen diese braunen Söhne der Berge ihre Vorposten zusammen, und auf den Haupttrupp zurück, und zeigten den Ihren dadurch zu gleicher Zeit an, daß die Weißen friedlich gesinnt seien und sie weiter keinen Angriff zu erwarten hätten.
Wir kamen jetzt an das angezündete indianische Lager. Es war ein trauriger Anblick: halbverbrannte wollene Decken und Lederschürzen, die noch an den verkohlten Zweigen hingen — auf der Erde die zerstreuten oder versengten Provisionen — hier sogar noch die Stücken eines kleinen Kinderkorbes, der zurückgeblieben war als die Mutter, wahrscheinlich in Todesangst, ihr Kind aufgriff, sein und ihr Leben in Sicherheit zu bringen.
Der Indianer mit Bogen und Pfeilen, der sich uns zuerst angeschlossen hatte, blieb einen Moment stehen, sah auf sein Lager und dann auf uns — ich mochte seinem Blicke nicht begegnen — aber er sprach kein Wort. — Die Andern schritten, ohne auch nur einen Blick auf ihr zerstörtes Eigenthum zu werfen, schweigend und finster daran vorüber.
Wir stiegen von hier aus in der Schlucht eines kleinen Baches bis zu dem Gipfel hinauf, an dem er entsprang. Unser Zug war dabei, schon lange ehe wir den Ort unserer Bestimmung erreichten, angekündigt worden, denn von verschiedenen Seiten wurden Rufe gethan und beantwortet. Endlich näherten wir uns dem oberen Rücken des Berges, und meine Begleiter hielten, denn hier standen einige zwanzig Krieger, alle ihre Bogen in der Hand und mehrere sogar die Pfeile wie größerer Bequemlichkeit wegen, schon aufgelegt. Ich kannte aber diese Indianer schon und hatte mich ihnen in mancher Hinsicht freundlich bewiesen, glaubte daher auch nicht etwas von ihnen fürchten zu dürfen. Außerdem war es keineswegs gerathen, in einem solchen Augenblicke Furcht zu zeigen, und ich sprang rasch den etwa noch hundert Fuß hohen Abhang hinauf, gerade in ihre Mitte.
Nie werde ich den Anblick vergessen der sich mir hier bot, denn wenn mir auch hie und da aus dunkelglühenden Augen finstere Blicke entgegenblitzten, und besonders ein alter Krieger mit grauem Haar und kalten starren Zügen gar keine üble Lust zu haben schien, die Glasspitze seines Pfeils an meiner Haut zu versuchen, — ja er spannte sogar, wie unwillkürlich, die Sehne des Bogens, und nur als mein Blick dem seinen fest begegnete, ließ er sie wieder, aber nur langsam und widerstrebend, nach, — nahm doch das Wunderbare, Wilde, Eigenthümliche all der mich umgebenden Gruppen meine Aufmerksamkeit augenblicklich und einzig und allein in Anspruch.
Den Mittelpunkt bildete der unglückliche Verwundete, der aufgerichtet unter einer niedern Eiche stand, und seine linke Hand auf die Schulter seines Weibes stützte. — Er stand aufrecht, aber in seinen Zügen lag der Tod, und die Lippen zuckten von nur mühsam verhaltenem Schmerz. Sein Oberkörper war nackt, nur um die Hüften trug er ein altes, blutbeflecktes Stück Cattun geschlagen, und seine Farbe hatte das Braunglänzende verloren und mehr ein mattes Graubraun angenommen. Seinem armen Weib perlten dabei die großen hellen Thränen die dunklen Wangen herunter, aber sie sprach kein Wort, keine Klage kam über ihre Lippen. Nur ihr Blick flog manchmal zu dem des Leidenden empor, und senkte sich dann wieder still zur Erde nieder.
Um ihn her standen fünf oder sechs Männer, wie alle Anderen mit ihren Bogen und Pfeilen in der Hand, und sahen vorwurfsvoll zu mir herüber. — „Das hat Einer von euch Weißen gethan!“ sagte der Aelteste in gebrochenem Spanisch; ein Jüngerer aber vertheidigte mich — „Americano“ sagte er — „no Alemano“ — Er hatte aber auch recht; ich glaube nicht daß ein Deutscher so leichtsinnig auf einen armen Teufel von Wilden geschossen hätte.