Etwa zwanzig Schritte zurück lagerten die Frauen mit ihren Kindern und den wenig geretteten Habseligkeiten, und hie und da keuchten noch andere mit den spitzen, um die Stirne mit Tragbändern befestigten schwergeladenen Körben, hie und da auch noch ein Kind obendrauf, herauf, und drückten sich scheu und furchtsam, so weit sie konnten von den fremden Weißen zurück — wußten die Armen doch nicht, ob ihnen aus dem neuen Zusammentreffen nicht wieder ein Unglück und Kummer bereitet werde. Und um sie her breiteten sich die weiten, mit den herrlichen Fichten bedeckten Berge Californiens, und die Sonne lag weich und warm auf den kühlen Schatten der Gebirge.

Armes Volk, es ist das nur das Vorspiel zu deinen spätern Leiden, und du wirst einst das Schicksal deiner rothen Brüder in allen anderen Ländern der Erde theilen müssen — aber tröste dich, du wirst dafür civilisirt. Wenn der Letzte deines Stammes, der vielleicht all die Deinen, durch Stahl, Blei, ansteckende Krankheiten durch Habsucht und Goldgier oder das vernichtende Feuerwasser der Weißen in die stille Erde sinken sah, stumm und traurig an ihren Gräbern steht, mag er sich damit trösten, daß er zwar Alles verloren was er auf dieser Welt sein eigen nannte, — aber die christliche Religion ist ihnen doch verkündet worden, und — der Versuch ist gemacht, ob sie nicht der Cultur gewonnen werden könnten. Daß das nicht anging war allerdings traurig, aber auch nicht der Christen Schuld. In der Bibel steht: „Gehet hin und lehret alle Heiden,“ und dazu gehörten sie ebenfalls — warum konnten sie das nicht vertragen. — — Und nun die Entdeckung des Goldes gar: Lieber Gott, in den anderen Ländern ließ man den armen Teufeln doch noch Zeit, sich wenigstens selber unter einander aufzureiben, da aber, wo das Gold die Leidenschaften noch außerdem anfachte — nicht blos die Fruchtbarkeit des Bodens oder der Reiz ihrer Weiber — da ging die Civilisation mit rasenden Schritten vorwärts — nur das Resultat blieb dasselbe.

Wir hatten unter unserer Jury einen Doktor — wenigstens nannte er sich so, und trug zum Beweis ein Besteck mit chirurgischen Instrumenten bei sich; der untersuchte jetzt vor allen Dingen den Verwundeten. Die Indianer schienen, als sie das sahen, großes Vertrauen in ihn zu setzen — die Frau wenigstens verschlang, während er die Wunde besichtigte, mit gierigen Blicken den Ausdruck seiner Züge. Er wußte aber keinen Rath dafür, und ich glaube auch kaum, daß noch ein Arzt auf der Welt dem armen Burschen hätte helfen können. Die Kugel war hinten im Rücken, dicht neben dem Rückgrat auf der rechten Seite etwa zwei Hände hoch über der rechten Hüfte eingegangen, und saß allem Anschein nach irgendwo an der linken Seite inwendig fest — der Schießende hatte beim Schuß etwa dreißig Fuß höher gestanden, als das Opfer. Die Oeffnung, wo die Kugel eingegangen war klein — die Büchse schoß etwa 35 Kugeln auf das Pfund.

Der Doktor schüttelte mit dem Kopfe, stand auf und überließ den Verwundeten seinen Freunden. Dieser konnte sich jetzt auch nicht mehr länger aufrecht halten, und man sah ihm an welche entsetzliche Mühe er sich dazu gegeben hatte. Langsam ließen sie ihn auf die Erde nieder und die Frau breitete ihre Decke unter seinen Rücken und legte seinen Kopf in ihren Schooß. Er schien das Alles freilich nicht mehr zu fühlen; sein Blick sah starr in den grünen Wipfel der Eiche hinauf, unter der er lag, und nur manchmal rang sich, so sehr er sich auch Mühe gab das zu unterdrücken, ein leiser Seufzer aus seiner Brust.

Hier oben war weiter nicht viel zu thun, als herauszubekommen weshalb die Indianer den Schwarzen eigentlich verfolgt hätten, und ob es wahr sei daß dieser Gold bei sich gehabt habe. Einer der Weißen, der schon drei Jahre in Californien lebte, sprach die Sprache der Indianer ziemlich fertig und suchte nun Erkundigungen einzuziehen. Nach Aussage der Indianer — und später abgehörte Zeugen machten das auch wahrscheinlich — verhielt sich die Sache einfach so: Der Ostindier war an dem vorigen Abend zu ihrem Lager gekommen und hatte mit ihnen gegessen und die Nacht dort geschlafen. Schon am Abend hatte er versucht, mit einer oder der anderen von den Frauen anzuknüpfen — und ich glaube, daß es wenig wilde Stämme giebt, von denen die Frauen zurückgezogener und keuscher leben — war aber von allen zurückgewiesen, und mochte nun wohl geglaubt haben daß ihm die Gegenwart der Männer blos hinderlich wäre. Er verhielt sich also die Nacht ziemlich ruhig und verließ am nächsten Morgen das Lager, bis er glaubte, daß die Männer etwa auf die Jagd oder ihren sonstigen Beschäftigungen nachgegangen wären. Dann kehrte er zurück, und suchte mit Gewalt das zu erreichen, was ihm durch Ueberredung nicht möglich gewesen war.

Dabei kam er aber bös an, wie der Blitz waren ein Paar von den Männern bei der Hand, und der Ostindier behielt eben nur noch Zeit, sein Bündel aufzufassen und die Flucht zu ergreifen. Im Fliehen hatte er nachher, wie Einer der Indianer sagte, das kleine Packet Kleidungsstücke von sich geworfen, und es war in dem Lager zurückgeblieben, wo es wahrscheinlich mit den übrigen Sachen verbrannte — oder auch noch dort lag — es hatte sich Niemand weiter darum gekümmert. Von Gold wußten sie gar nichts — und hatten keines bei ihm gesehen. Der Golddiebstahl war von dem Hallunken rein erfunden, und ihm sonst von den Indianern gar kein Schaden zugefügt worden; nur aus ihrer Nähe hatten sie ihn vertreiben wollen, und nicht einmal mit einem Pfeile nach ihm geschossen — und dafür dies Elend.

In einer recht trüben und wehmüthigen Stimmung verließen wir Alle das Lager, jetzt aber von einer größeren Anzahl der Indianer begleitet. Diese hatten nämlich nun erfahren, was der Ostindier von ihnen erzählt, und wollten im Lager der Weißen ihre Unschuld beweisen und den Schurken bestraft wissen. Ihr großer Häuptling, — Jesus genannt, — der unter seiner Oberherrschaft die verschiedenen Stämme des Magualome, Calaveres und Stanislaus vereinigte, war gerade jetzt leider nicht anwesend. Der Häuptling der Kayotas ging aber mit uns hinunter und ihm folgten etwa noch zwölf oder sechzehn seiner jungen Leute, Alle mit Bogen und Pfeilen bewaffnet — die meisten nackt, nur mit einem Tuch um die Hüften, und einige mit einem bunten Hemd bekleidet.

Als wir den Hügel verließen blieben alle Indianer plötzlich stehen und schauten zurück — der Verwundete lag ausgestreckt auf der Decke und athmete schwer — sein Weib saß starr und regungslos ihm zu Häupten. Keine Thräne hing mehr an ihren Wimpern aber ihr Blick haftete fest und stier, fast ausdruckslos auf der wogenden Brust des Sterbenden. Ueber diesen aber hingebeugt lag jetzt eine alte Frau — seine Mutter — und ihr schrilles monotones Wehgeschrei zuckte mir durch die innersten Nerven. Es war ein entsetzlicher Augenblick und ich floh, ihm so schnell als möglich zu entgehen, mit raschen Sätzen den Berg hinunter. Als ich unten ankam, folgten mir die übrigen Weißen und bald darnach schlossen sich auch die Indianer wieder unserem Zuge an. Wir wanderten, ohne weiter ein Wort mitsammen zu wechseln, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, vorwärts. Ueber dem Gipfel des Berges aber schwebten ein paar Aasgeier mit langsam faulen Flügelschlägen.

Das Urtheil.