„Sie haben auch gar nicht über Leben und Tod abzuurtheilen!“ schrie der unverwüstliche Collektor, der eben so wenig wie der Ostindier zu verstehen schien, was überhaupt gesagt wurde. „Ich habe schon die Ehre gehabt Ihnen zu bemerken, daß das allein dem Distriktsgericht in Double Spring zusteht, und ich protestire hiemit feierlich gegen jede derartige, auf’s äußerste ungesetzliche Verhandlung.“ Und mit diesen letzten Worten schoß er wie ein Pfeil aus dem Zelt. Ihm nach aber tönte das Gelächter der Umstehenden und nur der Richter schrie jetzt, auf’s äußerste erboßt und mit einem feuerrothen Kopf:

„Ich verweise hiemit den unberufenen Sprecher zur Ruhe — Sheriff order — Donnerwetter, warum thut Ihr Euere Pflicht nicht; soll ich nicht allein den Alkalde, sondern auch noch obendrein den Sheriff spielen?“

Dies kleine Intermezzo, dem der Ostindier übrigens mit ängstlicher Spannung zugehört, diente in etwas dazu, die sonst feindliche Stimmung gegen den Angeklagten zu mildern. Verständlich war ihm dabei doch nichts zu machen, da selbst die letzte Hoffnung auf Barneywater fehlgeschlagen, die Beweise aber sämmtlich gegen ihn, daß seine Aussage falsch gewesen, und durch seine Veranlassung Menschenblut vergossen war. Die Jury verständigte sich deshalb dahin, daß ihm am nächsten Morgen — denn die Dämmerung fing jetzt schon an einzubrechen — fünf und zwanzig Peitschenhiebe gegeben, und er aus diesen südlichen Minen für immer verwiesen würde.

Das Urtheil sollte ihm gerade bekannt gemacht werden, als ein anderer kleiner Zwischenfall den Ernst der ganzen Verhandlung mit Tischen und Stühlen über den Haufen zu werfen drohte. Zwei große Hunde nämlich, die sich dicht vor dem Zelt schon eine ganze Weile dermaßen angeknurrt hatten, daß die, im Innern desselben und ihnen am nächsten Stehenden schon besorgliche Blicke nach der dünnen Leinwand warfen und aus der Gegend wegzudrängen suchten, brachen, durch Muthwillige noch außerdem gehetzt, in offene Feindseligkeiten aus. Natürlich nahmen sie dabei mehr auf ihre eigene Haut, als auf die Beine der benachbarten Menschen Rücksicht, und ehe nur irgend einer die Katastrophe verhindern konnte, befanden sich die beiden Streiter unter dem löblichen Gerichtstische, den sie augenblicklich aus seinen Angeln hoben, daß er wie ein Schiff auf stürmischem Meere wogte und schwankte. Der Sheriff fing mit merkwürdiger Geistesgegenwart das Dintenfaß in seinem Hute auf, und Barneywater, der mit seinem langen Leichnam gerade die oberen Zeltstützen erreichen konnte, erfaßte diese, hoch aufgreifend, und zog seine langen Beine aus dem Bereich jeder möglichen Verletzung.

Dem Ostindier schien bei dieser allgemeinen Verwirrung eine Idee von plötzlicher Flucht durch das Hirn zu zucken — er warf die Blicke rechts und links hinüber und richtete sich hoch auf. Wäre er auch nur von Weißen bewacht gewesen, hätte es ihm am Ende in der mehr und mehr zunehmenden Dämmerung vielleicht gelingen können, denn er war nicht gebunden und sehnig genug gebaut, ein guter Läufer zu sein. So aber standen ihm rechts und links ein paar eben so braune dunkeläugige Burschen zur Seite als er selber war, und wenn sie auch ein Auge zum Besten ihrer eigenen nackten Beine verwandten, damit die bissigen Hunde denen nicht vielleicht unerwartet zu nahe kämen, hielten sie das andere doch fest auf ihrem Gefangenen — und dieser überzeugte sich bald, daß er hier keine Aussicht auf Entrinnen habe.

Die Ruhe wurde indessen wieder hergestellt. Einzelne, die ihre Beine sicher wußten, schienen sich allerdings das allergrößte Vergnügen daraus zu machen, die Thiere noch mehr anzuhetzen. Glücklicher Weise befanden sich aber die beiden Eigenthümer der Thiere in der Nähe, erfaßten sie bei den Halsbändern und rissen die Blutenden von einander. Dann wurden sie vor das Zelt spedirt, der Richter, der sich mit seiner kleinen dicken Gestalt ungemein rasch aus dem Bereich der Beißenden gewußt hatte fortzuarbeiten, kam wieder auf seinen Platz, frische Dinte wurde in das Dintenfaß gegossen, denn die alte hatte der Sheriff im Hut, und der Vormann der Jury verkündete dem, ihm mit stieren Blicken zuhorchenden Ostindier, das über ihn gefällte Urtheil. Es wurde ihm dabei angekündigt, daß er die Nacht über wieder in das Zelt zurückgeführt und von den Indianern bewacht, am nächsten Morgen aber die Strafe an ihm vollzogen werden sollte.

Ein Theil der Neugierigen, die bis dahin den Tisch umstanden, traten theils zurück an den Schenktisch, sich dort in etwas wieder zu erfrischen, theils vor das Zelt hinaus, und der Sheriff nahm den Gefangenen am Arm, ihn wieder hinüber nach seinem alten Platz zu führen. Dieser aber, der wahrscheinlich noch immer die fixe Idee hatte, er solle jetzt geraden Wegs hinaus gebracht und gehangen werden, warf sich dem auf’s Aeußerste Erstaunten zu Füßen und beschwor ihn, wahrscheinlich mit den rührendsten Ausdrücken, sein junges Leben zu schonen.

Nur sehr schwer konnte ihm begreiflich gemacht werden, daß er gar nichts Besonderes zu fürchten habe, und dießmal mit einer Tracht Schläge, Landesverweisung und Entziehung der Nationalkokarde wegkommen solle. Als er dieß endlich zu verstehen schien, war seine Freude auch desto ausgelassener, und er bat sich mit den deutlichsten Geberden das ganze Viertelhundert augenblicklich aus. Dem konnte aber nicht genügt werden, und er wurde wieder in seinen alten Gewahrsam unter der Escorte der Indianer abgeführt.

Der vierte Juli.

Der vierte Juli, das Freiheitsfest der Amerikaner, der Jahrestag ihrer Unabhängigkeits-Erklärung, brach hell und sonnig an. Von dem hohen Fahnenstock Stoutenburgks, wie von den meisten Zelten flatterten die „Sterne und Streifen“ der Union. Alle Minenarbeiter, und das kleine Zeltstädtchen zählte wohl drei- bis vierhundert Einwohner, mit Amerikanern, Franzosen, Deutschen, waren festlich geschmückt (d. h. hatten reine Wäsche an) und die Arbeit war, ohne daß darüber vorher irgend eine Bestimmung getroffen wäre, allgemein ausgesetzt. Nur die Mexikaner arbeiteten hie und da in den einzelnen gulches — erstens wußten sie Nichts von dem Fest, und dann hätten sie sich auch wohl wenig daran gekehrt. Um zehn Uhr hielt sogar ein langer Yankee, ein Mr. Moos, dem sonntäglichen Fest ein kurze Predigt, und ein paar andere Amerikaner sprachen einige Worte zum Andenken des für die Union so wichtigen und bedeutungsvollen Tages.