Das war aber keinen Falls Alles; diese Masse von Menschen aller Nationen, die sich hier herum drängte, besonders diese Unzahl von Indianern, die heute von allen Lagerplätzen herbeigeströmt schienen, rasch und geschäftig durch einander preßten, ein paar Worte mit einander wechselten und wieder nach verschiedenen Richtungen aus einander stoben, hatte jedenfalls noch einen andern Grund. Ein hier eben ankommender Fremder — und es kamen heute viele an, da fast alle Amerikaner aus den benachbarten Minen Stoutenburgk als den Mittelpunkt dieses Theils zur Feier des vierten Juli gewählt hatten — wäre aber nicht lange in Zweifel geblieben, denn wo zwei Weiße zusammenstanden, bildete die Ursache dieses eigenthümlichen Lebens den einzigen Unterhaltungsstoff. Nur die Indianer schwiegen, wenn sich ein Europäer oder Amerikaner ihren Gruppen näherte.

Die Ursache war übrigens doppelter Art — die Weißen und auch viele der Indianer, wie z. B. fast der ganze Stamm der Kayotas hatte sich versammelt, die Abstrafung des Ostindiers mit anzusehen. Von Carsons Creek herüber waren aber Boten der Witongs gekommen und hatten eine neue, viel gewichtigere Anklage gegen den braunen Sohn der Indischen Wälder gebracht. Zuerst nahmen sie deshalb Rücksprache mit ihren Nachbarn, und dann wandten sie sich an die Gerichte der Weißen, von diesen Gerechtigkeit und Schutz zu verlangen. — Der Alkalde war außer sich.

Die neue Anklage lautete auf Mord, und zwar Meuchelmord. Der Ostindier war vor zwei Tagen mit einem Indianer aus dem Stamme der Witongs von Carsons Creek fortgegangen. Er selber hatte damals, wie das schon bewiesen worden, keinen Cent Geld, wenigstens nicht einmal genug gehabt ein Glas Brandy zu bezahlen. Der Indianer, der Gold in die Ecke eines kleinen, rothbaumwollenen Taschentuchs geknüpft, bei sich geführt, war nicht zu den Seinen zurückgekehrt; gestern Abend aber, gerade mit Dunkelwerden, hatten ihn zwei vom Eichelsuchen zurückkehrende Frauen mitten in einem der dürren Rothholzdickichte erwürgt gefunden, und die Schlinge, mit der die That vollbracht war, trug er noch um den Hals. Dieselbe Nacht noch brachten die Frauen ihre Männer an Ort und Stelle, und mit Tagesanbruch folgten diese den Spuren des Mörders — denn Regen war seit der Zeit nicht gefallen — nach Douglas-Flat. Natürlich hörten sie dort gleich was vorgefallen, und eilten nun nach Murphys Diggings herüber, wo sie gerade zur rechten Zeit vor der Strafe des Verbrechers eintrafen.

Der Alkalde wollte sich aber auf Nichts weiter mit ihnen einlassen. Sie sollten ihm erst einen weißen Mann zum Zeugen bringen, und überhaupt wäre das auch eine „verdammt unsichere Geschichte,“ wie er meinte, daß das gerade der Ostindier gewesen sein solle. Das könne auch einer von ihnen gewesen sein, und jetzt wollten sie’s auf den andern Braunen schieben.

Diesem Zweifel machte übrigens der Sheriff ein Ende, er visitirte den Ostindier, dem gar nicht wohl bei der Sache zu sein schien, und fand bei ihm etwa zwei Unzen Gold in rothen Cattun eingebunden. Die Witongs-Indianer erkannten und reclamirten das Gold, Major Lyatt nahm es aber vor allen Dingen erst einmal selber in Beschlag und erklärte, später darüber entscheiden zu wollen.

Mit dem Sheriff hielt er jetzt eine sehr lange und lebendige Unterredung. Obgleich dieser aber darauf antrug, den Ostindier für sein erstes Vergehen hier abzustrafen, und dann auf die neue Anklage hin nach Double Spring an die Distrikt Court zu senden, wollte er darauf unter keiner Bedingung eingehen — er hätte das Gold ja sonst wieder abliefern müssen — und gab bald darauf den Befehl, den Indier hinaus zu führen und ihm seine bestimmte Anzahl Schläge zuzutheilen.

Der zweite Sheriff oder Constabel ging jetzt in das Zelt, nahm den Indier am Arm und führte ihn über die Straße nach der Einfriedigung hin, die der Fleischer für sein Vieh gebaut. Erst an diesem Morgen hatte er einen Ochsen darin geschossen und ausgeschlachtet, und der Blutfleck war noch in der Mitte. Als der Indier in die hohe starke Fenz, an der hie und da Pfosten in die Höhe standen und ein paar Bäume hinüberhingen, hineingeführt wurde, als er den Blutfleck und seine ganze Umgebung sah, und das Jubelgeschrei der Indianer hörte, wurde er wieder aschgrau und die Kniee versagten ihm fast den Dienst. Da fiel sein Blick auf einen dicht neben ihm stehenden Witong — dieser trug dieselbe Schlinge in der Hand, mit der er den Indianer gewürgt hatte, und hob die Schnur, als er sah, daß er von dem Verbrecher bemerkt wurde, drohend gegen ihn empor.

Ob aber nun der Indier glauben mochte, daß er jetzt mit derselben Schnur, trotz aller frühern Versicherungen vom Gegentheil, gehenkt werden solle, oder ob er nur darin den Beweis seiner entdeckten Frevelthat sah, die ihn natürlich auch das Schlimmste mußte fürchten lassen, kurz er sank plötzlich in die Knie, schlug vor dem Sheriff zur Erde nieder, und richtete in Todesangst ein wildes Gemisch fremdklingender und dem Mann natürlich total unverständlicher Worte an ihn.

Die Indianer stießen, als sie das sahen, ein wildes, ohrzerreißendes Freudengeschrei aus. Der Constabel versuchte ihn dabei zu beruhigen, vermochte es aber nicht, und mußte ihn zuletzt mit Gewalt zu dem hintern Theil der Fenz schleifen. Dort zog er ihm das Hemd herunter und band ihn dann mit ausgespreizten Armen an zwei Pfosten, den Rücken dem innern Raum zugekehrt.