Es war ein eigenthümlich malerisches, aber auch zugleich wildes und schauderhaftes Bild, dessen Mittelpunkt ein gequältes, mit Todesangst ringendes Menschenkind bildete. Es war allerdings ein Verbrecher, aber doch auch ein Mensch, und litt in diesem Augenblick, wo er gar nicht wußte, was man mit ihm vor hatte, und durch das teuflische Geschrei der braunen mitleidlosen Wilden fast rasend gemacht wurde, sicherlich mehr als Todesqual.

Der innere Raum der Fenz, wenigstens die Hälfte, in der der Delinquent angebunden stand, und bis zu dem Blutfleck etwa, war ziemlich frei geblieben, von dort an standen, besonders an der Fenz hin, die Bewohner Stoutenburgks, und harrten der Dinge die da kommen sollten. Die wunderlichsten Gruppen zeigten sich aber auf der Fenz selber.

Hier hingen auf den starken Balken, die schwer genug eingerammt waren, einem mit voller Kraft dagegen rennenden Stier Trotz zu bieten, in den tollsten Stellungen und den buntesten Trachten, die Männer der Kayotas und Witongs. Die dunkelbraunen Gesichter glänzten von Fett und Freude, und unter den grellrothen oder hellfarbenen Kopftüchern, die sie gern trugen, glühten die schwarzen Augen in wilder blutgieriger Lust heraus. Ihre Bogen und Pfeile hielten Alle in der Hand und Viele führten sogar noch ein Messer im Gürtel. Ein alter Häuptling sah besonders trotzig und kühn aus. Er hatte die langen, straffen, schwarzen Haare sämmtlich hochauf gestrichen, und mit dicken Schnüren weißer Muscheln in der Mitte des Kopfes festgebunden, so daß sie wie ein hoher wulstiger Federbusch emporstanden. In diesem stacken zwei lange, nickende Adlerfedern, und an der einen hing, aus der Spitze herab, eine kleine rothverzierte und umwickelte Federspule, die im Winde hin- und herflatterte. Sein Oberkörper war nackt, und nur um die Hüften hatte er einen schmalen, baumwollenen Schurz geschlagen. Er führte dabei einen außergewöhnlich langen Bogen, mit hellblinkender weißer Sehne bezogen, und die Spitzen seiner Pfeile waren volle drei Zoll lang und schmal und scharf. Um den Hals trug er vier dicke Reihen eben solcher Perlen, als seine Haare zusammenhielten, und durch den Nasenknorpel und beide Ohrenlöcher lange weiße Stücken zierlich geschnitzten Holzes. Er stand, mit einem Arm um den Pfosten geschlagen, dicht über dem angebundenen Verbrecher oben auf der Fenz.

Rechts und links von ihm hingen jüngere Leute, mit bunten Kopf- und Lendentüchern, oben auf den Stangen. Von beiden Seiten der Fenz herüber und aus dem Innern derselben heraus riefen sie sich dabei in ihrer wunderlich klingenden, kurz abgestoßenen Sprache ihre Bemerkungen zu, und lachten und jubelten vor lauter Freude über den fröhlichen Anblick der sie erwartete.

Indessen hatte der Constabel seine kurzstielige Peitsche hergerichtet, schritt auf den gebundenen Indier zu, der ihn dabei von der Seite mit weit aufgerissenen, ängstlichen Augen erwartete, holte langsam aus und zog dem Zusammenzuckenden einen scharfen Schlag über den Rücken. Der Schrei, den die Indianer hiebei ausstießen, machte selbst den Constabel erschreckt zusammenfahren; der alte Häuptling aber, mit den zusammengebundenen Haaren, fing oben auf der Fenz an einen wunderlichen Tanz aufzuführen, und die Augen leuchteten und blitzten ihm dabei, und die Stangen über dem Gebundenen bogen sich und drohten jeden Augenblick, mit dem springenden Wilden auf ihn hinab zu schlagen.

„Allah, Allah!“ schrie der Muhamedaner in seiner Noth, die Indianer hielten das aber für ihren Gruß: Walle, Walle, und glaubten, der Indier wolle dadurch ihr Mitleiden erflehen — „no walle walle“ — schrieen sie von allen Seiten — -„no walle walle — mucho mas — mucho — mucho!“

Der Constabel fuhr, während dieses wirklichen Heidenlärmes, ruhig in der Vollziehung seiner Pflicht fort, der Indier wand sich unter den scharf und mit Kenntniß geführten Streichen, die jedesmal dicke Schwielen hinterließen, und an einigen Stellen, wo sie sich kreuzten, schon die Haut geöffnet hatten. Die Indianer jauchzten und jubelten, die Sonne schien warm und freundlich von dem blauen, von keinem Wölkchen getrübten Firmament hernieder, und die Amerikanische Flagge flatterte munter in der frischen Brise über dem wilden Schauspiel — zur Feier des vierten Juli. — Die meisten Amerikaner schüttelten aber auch mit dem Kopf und meinten, der Alkalde hätte die ganze Geschichte wohl auf den nächsten Tag verschieben können.

Nach dem dreizehnten Schlage hörte der Constabel zu schlagen auf, winkte einem der jungen Indianer, die ihn umstanden, heran, gab ihm die Peitsche und bedeutete ihn fortzufahren. Das Urtheil war dahin von dem Richter bestimmt, daß ihm der Sheriff einen Theil, und um die Indianer mehr zu versöhnen, Einer aus ihrer Mitte den andern geben solle.

Der Indianer griff die Peitsche mit wahrer Gier auf, warf dann seinen Bogen und seine Pfeile nieder und schlug fast in demselben Moment auch schon auf den Indier los, der jetzt wahrscheinlich glauben mochte, er solle nun seinen Feinden ausgeliefert werden, und ein Zetergeschrei mit „Allah Allah“ — erhob.

„No Walle Walle!“ versicherte ihm aber der Californier bei jedesmaligem aus vollen Kräften geführten Streiche, und die übrigen schrieen ordentlich vor lauter Vergnügen, daß der Gepeitschte bei den Hieben ihres Kameraden so viel mehr lamentirte, als bei denen des Constabels. Der schlaue Indier war aber klug genug sie nur glauben zu machen er litte mehr Schmerzen, denn nach den frühern Hieben konnte er diese kaum fühlen. Der Indianer verstand nicht zu prügeln; seine Schläge fielen, ohne daß sich die Peitsche über die Haut zog, nur gerade darauf nieder und hinterließen keine Schwielen, war aber auf’s Aeußerste entrüstet, als er nach dem zwölften Schlage, wo er sich nun erst recht hinein und warm gearbeitet hatte, schon wieder aufhören sollte. Von allen Seiten schrieen auch die Indianer: „mas, mas, mucho mas!“ aber es half nichts, der Constabel nahm die Peitsche an sich, band den Gefangenen los und führte ihn fort.