Jetzt entstand ein anderer Streit. Die Indianer wollten ihn, wenn ihn die Weißen nicht mehr bestraften, ausgeliefert haben — die Witongs verlangten ihn, weil er Einen ihres Stammes getödtet hatte, wenigstens so lang, bis ihr großer Häuptling, Jesus, von Magualome zurückkommen und darüber entscheiden würde. Die Weißen wollten sich aber darauf nicht einlassen, und der Richter beauftragte den Constabel, den Abgestraften freizulassen.

Hiergegen protestirte aber jetzt der Sheriff, indem er meinte, das sei gerade so gut, als ihn an die Indianer ausliefern, die förmlich und offen erklärt hatten, sie würden ihn unter keiner Bedingung lebendig von hier fortlassen. Gäben sie den Angeklagten unter diesen Umständen frei, so müßten sie gewärtig sein, daß er vor ihren Augen von den aufgeregten heißblüthigen Rothhäuten mit Pfeilen erschossen würde, und dann könnten sie nachher von dem Distriktsgericht, und mit Recht, zur Verantwortung gezogen werden.

„Gut denn!“ rief der Richter endlich in Verzweiflung, „so behaltet ihn heute noch hier und laßt ihn die Nacht oder morgen früh laufen — ich will aber von dem verdammten Kram nichts weiter hören, ich habe jetzt gerade genug damit. Kommt Sheriff, wir wollen einen trinken.“

Der Sheriff lachte, gab die nöthigen Anweisungen und ging dann mit dem Alkalden in das nächste Zelt. Dem Indier wurde indessen begreiflich gemacht daß er frei sei, daß ihm aber die Indianer zu Leibe wollten und es besser für ihn sei die Nacht noch bei den Weißen zu bleiben. Wunderbarer Weise schien er hier ein jedes Wort zu verstehen, denn er überflog mit den Blicken die Zahl der Rothhäute, die überall durch das Städtchen und die Ebene zerstreut waren, und folgte dann schnell, und jetzt mit ganz heiterem Gesicht dem Constabel, der ihn in sein eigenes Zelt führte und ihm dort zu essen gab.

Dicht vor dem Zelte vertrat ihnen übrigens der alte Indianer den Weg und verlangte von dem Constabel noch einmal den Mörder Eines der Seinen. Dieser dagegen bedeutete ihn, daß heute „Sonntag“ sei und nichts weiter gethan werden könne. Er solle morgen früh zum Alkalden gehen, dann könnten sie das mit einander ausmachen, bis dahin bliebe der Indier in Gewahrsam.

Der Indianer hatte, während er sprach, den Ostindier, gerade über dem Gürtel vorn, mit zwei Fingern an dem wollenen Hemd festgehalten — er sah die Beiden scharf an, bog sich dann halb herum — und plötzlich sprang der Gefangene mit einem Schrei zurück. Der Indianer drehte sich aber ab und ging, ohne weitere Notiz von den Beiden zu nehmen, zu seinem Stamm zurück. Zu seiner nicht geringen Verwunderung sah indeß der Constabel, daß der braune Bursche in dem einen Moment mit wirklich fabelhafter Gewandtheit dem Indier das kleine Stück Zeug in einem runden Fleckchen, vorn aus dem Hemd geschnitten hatte, das er zwischen seinen Fingern gehalten.

Des Indiers Flucht.

Der vierte Juli ging laut und geräuschvoll genug vorüber; alle Violinen, Flöten, Mundharmonikas und Akkordions, die nur irgend im Städtchen vorräthig waren, spielten aus den verschiedenen Zelten in eben so viel verschiedenen Tonarten den Yankee doodle, hail Columbia und the star spangled banner. Eine Unmasse von Brandy und Claret wurde dabei consumirt, und Abends brannten an allen Ecken und Enden Freudenfeuer. Herrliches Material hierzu lieferten trockene und verlassene Laubhütten, wie dürre Fichtenbäume, die die Flammen hoch zum Himmel emporwirbelten, und an einer mitten in der Stadt stehenden, riesigen Kiefer, der man bis auf den obersten stehen gelassenen Büschel die Aeste alle um wenige Zoll vom Stamm abgesägt hatte, war sogar hoch oben ein Transparent mit dem roth flammenden Worte Liberty angebracht. Gegen zehn Uhr Abends, als der Brandy sichtlich die Oberhand gewonnen, bemühten sich sogar einige tolle Gesellen den ganzen Baum in Brand zu setzen, der sich dann unvermeidlich quer über das ganze Zeltdorf hinübergelegt hätte. Der Baum war aber klüger als die Menschen, und weigerte sich hartnäckig Feuer zu fangen.

Die Indianer hatten sich indessen, wahrscheinlich der Versicherung des Constabels trauend, in ihre verschiedenen Lagerplätze zurückgezogen, wenigstens sah man keinen von ihnen mehr in der Stadt. Nur zwei Betrunkene trieben sich mitten in der Straße, besonders aber vor des Alkalden und Constabels Zelt noch umher, und Einer von diesen war der alte Häuptling mit dem Muschelschmuck.

Der Constabel war mit dem Alkalden und Sheriff, dem Collektor, der gestern in dem Verhör so kräftigen, wenn gleich ganz unnöthigen Einspruch gethan, Barneywater und noch mehreren anderen Amerikanern, bei einer fröhlichen Abendmahlzeit versammelt. Die ganze Gesellschaft saß kreuzfidel um einen Tisch herum und lachte und sang, und Major Lyatt erzählte komische Geschichten, wobei er selber lachte daß ihm die Thränen in die Augen kamen und kein Mensch weiter auf ihn Achtung gab. Toaste wurden ausgebracht und Gesundheiten getrunken, und um elf Uhr lagen der Collektor und der Alkalde sich in den Armen und schwuren sich unter Thränen ewige und unverbrüchliche Freundschaft.