„Alles so gewesen?“ frug aber der Richter noch einmal, der in dieser Sache wohl seine guten Gründe haben mochte, ganz sicher zu gehen.

„Alles“, klang aber wiederum das bestimmt abgegebene Echo aus seines Merkurs Munde.

„Gut, dann können wir die Court eröffnen“, erwiderte der Richter, erhob sich aus seiner liegenden Stellung, setzte sich aufrecht an den Tisch und rückte einige Bücher in Ordnung, „ruft den Dolmetscher herein.“

Jenkins öffnete die Thür, winkte hinaus und gleich darauf trat eine der wunderlichsten Figuren herein, die man sich nur auf der Welt denken kann. Es war eine breitschultrig gedrungene, grobknochige Gestalt, mit rothen, krausen Haaren, Pockennarben und die Hände dicht mit Sommersprossen bedeckt. In der Hand hielt der Mann einen alten, in die unbestimmteste Form hineingedrückten, weißen Filzhut, an dem nur Rand und Deckel fehlte, über den Schultern hing ihm ein kleiner blauer, an den Rändern grün und roth gestreifter chilenischer Poncho, die Beine bedeckten auch eine Art mexikanischer Hosen, aber die Unterbeinkleider waren beschmutzt und von höchst zweifelhafter Farbe, und die Füße stacken in groben, stark genähten und ungeschwärzten Schuhen. Die Figur hatte allerdings nicht viel Empfehlendes, aus den kleinen grünen Augen blitzte aber ein eigener wilder Humor, und der Blick, den er bei seinem Eintritt nur einmal, aber rasch und entschieden über die ganze Gruppe sandte, wie die zuversichtliche Art mit der er überhaupt auftrat, verriethen, daß er nicht das erstemal zu diesem Amt berufen sei, und es liebe vorher zu wissen, mit welchen Leuten er es hier zu thun habe. Sein nachheriges ganz gleichgültiges Wesen, wobei er weder nach der einen noch andern der Parteien auch nur den Kopf wandte, sollte anzeigen wie gänzlich unparteiisch er beide Theile höre, und nur darauf denke ihre geäußerte Meinung Wort für Wort dem Richter treu wiederzugeben.

Dieser schien aber mit seinem Dolmetscher auf einem ganz freundschaftlichen Fuß zu stehen, rückte ihm, als er die Thür hinter sich zugemacht hatte, einen Stuhl dicht neben sich hin, nahm dann die neben ihm liegende Bibel in die Höhe, und sagte, nach der ersten Begrüßung gleich in die aufzugebende Schwurformel einfallend:

„Wie geht’s Patrick? Ihr schwört hiermit feierlich, die zwischen beiden Parteien vorkommenden Aussagen und Antworten treu und wörtlich zu übersetzen, so helfe Euch Gott.“

„Dank Euch, Sir, Yes“, sagte Patrick mit ächt irischer Brogue und ungemeiner Feierlichkeit, ebenfalls Morgengruß und Schwur zu gleicher Zeit beantwortend, dann küßte er mit vieler äußerer Andacht die ihm vorgehaltene Bibel, und ließ sich, seinen kurzen Poncho unnöthigerweise etwas weiter noch heraufschlagend, auf den ihm hingerückten Stuhl nieder. Den Hut drückte er, rücksichtslos gegen jede Façon, zwischen die Knie.

Der Richter hatte indessen einen reinen Bogen Papier hergenommen, und schrieb jetzt sehr emsig die Anklage des Deutschen nieder, die er diesem dann gar nicht erst weiter zeigte, sondern sich damit, als er sie beendet, gleich unmittelbar an den Verklagten — durch den Dolmetscher natürlich — wandte.

Der Mexikaner, der übrigens mehr Englisch verstehen mochte als er zu zeigen für räthlich hielt, hatte der vorstehenden Schwurscene sehr aufmerksam zugeschaut, und ein leises verstohlenes Lächeln spielte dabei um seine Mundwinkel, das sich auch kaum verlor, während der Richter dem Dolmetscher die Klage auf englisch vorlas. Er wußte recht gut daß seine Sache, ging sie den gewöhnlichen Gang Rechtens, noch lange nicht verloren zu sein brauchte, war aber freilich nicht auf das gleich folgende summarische Verfahren vorbereitet.