Es war im August des Jahres 1848, als ziemlich hoch im Mormongulch (ein kleiner Bergbach, der sich in den Stanislaus ergießt und mit diesem später in den San Joaquim geführt wird) Spitzhacken und Schaufeln wacker gehandhabt wurden, und Pfannen klapperten und Maschinen oder sogenannte Wiegen Kies und Erde durchschüttelten, daß es eine Lust und Freude schien. Die Leute sangen und pfiffen dabei und lachten und erzählten sich Anekdoten und wenn man sie ansah, kam es Einem kaum vor als ob sie überhaupt wirklicher Arbeit wegen hier herumwirthschafteten.
Gleich vorn, etwa zehn oder fünfzehn Schritt vom Bach selber ab, wo das Ufer eine Art flacher Niederung bildete, wühlten sich zwei von ihnen, ein paar Deutsche, in die Erde hinein, und Kies und Grund fuhr eine Zeitlang aus dem wohl schon vier Fuß tiefen Loch heraus, als ob sie es beim Zollbreit bezahlt bekämen.
Sie hießen Fuchs und Starke — der erstere mit einem fuchsrothen Bart, der seinem Namen Ehre machte, und dickem rothen Gesicht — der Andere noch ein junger Bursche, der früher mit den Volontairen von Nordamerika nach Californien gekommen war, auf einer etwas wilden Expedition der Vereinigten Staaten, ein Land zu erobern, auf das sie damals noch nicht die mindesten Ansprüche hatten. Wie sie es nämlich später von Mexiko als Schadenersatz für die Kriegskosten forderten und bekamen, oder nahmen, war es wirklich schon, wenigstens in allen festen Plätzen, in ihrem Besitz.
Ich würde Starke indessen Unrecht thun, wollte ich ihm irgend eroberungssüchtige Absichten oder überhaupt Absichten zuschreiben. Er war als Volontair nach Californien gegangen, wie er etwa mit Fuchs in das nächste Trinkzelt gehen würde, wenn dieser zu ihm sagte, „komm Starke, wir wollen Einen nehmen,“ und auf ähnliche Art auch in die Minen gekommen. Zwei von seinen Kameraden desertirten und sagten, „komm Starke, geh’ mit,“ und da Starke für den Augenblick nichts Anderes zu thun hatte, sah er gar keine Ursache, weshalb er zurückbleiben sollte. Er verdiente jetzt hier mit keiner, oder mit nur sehr unbedeutender Arbeit, von zwei bis zu drei und vier Unzen Gold täglich.
Nicht weit von ihnen arbeiteten zwei andere Deutsche, Fischer und Johnny — überhaupt hatten sich zufälliger Weise gerade an diesem Theil des Gulches lauter Deutsche zusammengefundenen, während weiter oben und unten wieder die einzelnen Amerikaner, Irländer oder auch Mexikaner zusammenhielten. Einige Chilenen arbeiteten in demselben Gulch. Sie waren mit dem ersten Schiffe, auf welchem auch Fischer Passage genommen, von Valparaiso hierhergekommen, das von dort nach dem erst entdeckten Eldorado abging.
Sie hießen, wie schon gesagt, Fischer und Johnny. Der Erste, ein Hamburger, hatte sich lange in Valparaiso aufgehalten, sprach sehr gut spanisch und ziemlich englisch und schien überhaupt eine gute Erziehung genossen zu haben. Sein „partner“ war dagegen ein Original, wie deren wohl Manche auf Gottes weiter Erde zerstreut umherlaufen mögen, wie man aber gewiß nur selten das Glück hat, ein so vollständiges und so gut erhaltenes Exemplar frisch und fidel auf seinem Lebenswege anzutreffen. Johnny, wie er allgemein genannt wurde, und Niemand kannte seinen anderen Namen oder kümmerte sich darum, war ein Schneider, und zwar das liederlichste, lustigste, melancholischste und heroischste Schneiderlein unter der Sonne.
Wie alt Johnny war, ließ sich auf den ersten Blick, ja selbst bei längerer Bekanntschaft schwer oder gar nicht bestimmen. Er war sehr klein und schmächtig und hatte gar keinen Bart, auch wandte er sehr selten, eigentlich nur in Nothfällen, eine Hand voll Wasser an sein Gesicht. Die Elasticität der Haut ließ sich deshalb höchst unvollkommen erkennen, so daß er seiner Gestalt und seines glatten Kinnes wegen seinen Bekannten manchmal ganz jung vorkam. Dann aber wieder, besonders in seinen sinnend-melancholischen Stellungen, die er gern annahm, runzelte er die Stirn dermaßen und die Augen lagen ihm so tief im Kopfe, daß man ihn wenigstens hätte für einen Vierziger halten mögen.
Seine Tracht war pittoresk genug. — Ein kleiner, kurz abgestutzter, einst grau gewesener Frack, ein Paar leinene, sehr oft aber noch lange nicht genug ausgebesserte Hosen, ein Hemd von unbestimmter Couleur und ein Paar Schuhe umgaben seinen Leichnam. Das Merkwürdigste aber an ihm war der Hut, und zu diesem zu gelangen, muß ich ein wenig weiter ausholen, und Johnny verdient auch wirklich diese Aufmerksamkeit.
Johnny hatte in früherer Zeit — und seine Lebensgeschichte gehört zu einer der thatenreichsten — lange Jahre in Frankreich gearbeitet und war von dort zuerst nach den Vereinigten Staaten und dann nach Californien gegangen, wo er sich schon mehrere Jahre, ehe noch das Gold entdeckt wurde, aufgehalten. Damals hielt er einen Schenkstand in San Francisco und sein Verdienst, als das erste Gold dahin kam und der Reichthum des Landes durch aus den Bergen zurückkehrende Goldwäscher bekannt wurde, war außerordentlich. Aber das unruhige Blut ließ ihn nicht sitzen. Er verkaufte Alles, vertrank und verspielte den Ertrag, und ging dann selbst auf’s Goldsuchen aus.
Johnny hatte, wie erwähnt, früher lange in Frankreich gearbeitet, und es gehörte diese Zeit zu seinen schönsten Erinnerungen; am liebsten hätte er sich auch Jean nennen lassen. Das ging aber nicht; seine Umgebung, der das Französische nicht so recht geläufig war, wollte darauf nicht eingehen, und es blieb, trotz mehrfacher Versuche einer Aenderung, immer zuletzt wieder bei Johnny. Seine Umgebung that ihm aber einen andern Gefallen.