Johnny verlangte nun mit ausgestrecktem Arm die Pfanne, die ihm Fischer hinunterschob und, als sie sein kleiner unterirdischer Partner mit den Händen gefüllt hatte, nicht ohne Mühe wieder vorbrachte. Er ging dann zu seiner Wiege zurück, „den Dreck auszuwaschen“ — ich kann dem Leser nicht helfen, er muß sich an die Minenausdrücke gewöhnen — und Johnny kayotete weiter.
Noch etwas höher hinauf arbeiteten ebenfalls ein paar Deutsche, diesmal aber, etwas allerdings Ungewöhnliches in den Minen, Mann und Frau zusammen. Madame Hilgen, eine Hamburgerin, verdient jedenfalls zuerst erwähnt zu werden, denn sie war unstreitig der Mann von den Beiden, und „schaffte“ so fleißig mit, wie nur ein Mann, wenigstens bei der leichteren Arbeit, hätte schaffen können. Sie verstand dabei einen Spaß und war nicht leicht böse gemacht, wußte aber auch Alle mit einem gewissen Takte in den gehörigen Schranken zu halten.
Madame Hilgen saß an der „Wiege“ und wusch die Golderde aus, die ihr Mann im Schweiße seines Angesichts dem harten Erdboden mit Spitzhacke und Schaufel abgemüht und ihr hingetragen hatte. Die beiden Eheleute waren übrigens die einzigen von all den Goldsuchern dort, die einen wirklichen Nutzen aus dem aufgefundenen Reichthum zogen. Denn die Frau hielt das Erarbeitete zusammen, und Hilgen, wenn er auch dann und wann einmal über die Stränge geschlagen hätte, durfte nicht mucksen.
Fischer und Mad. Hilgen saßen etwa funfzehn Schritte von einander entfernt, so daß sie sich recht gut mit einander unterhalten konnten, besonders da Fischer’s etwas feine Stimme ziemlich weit hinaustönte.
Gleich über Hilgen oben arbeitete eine einzelne Persönlichkeit, und wiederum ein Charakter, wie ich fest überzeugt bin, daß solche das Schicksal eben nur in Californien zusammengeworfen haben kann.
Wilhelm Erbe war ein Barbiergesell aus Leipzig. Er hatte aber seine Vaterstadt schon vor zwanzig Jahren verlassen und sich seit der Zeit, meistens in Nordamerika, als Gott weiß was Alles herumgetrieben, später den texanischen Krieg mitgemacht, und war von dort, wie er in heiteren Stunden manchmal erzählte, desertirt und nach Californien „ausgewandert.“ Nichts machte ihn übrigens glücklicher, als einen Leipziger zu treffen, mit dem er von alten Zeiten, Meistern und Straßen plaudern konnte. Trotz seiner langen Entfernung hatte Erbe noch ganz den singenden echt sächsischen Ton beibehalten und sich dazu durch einen längeren Aufenthalt zwischen Amerikanern das Einwerfen englischer Brocken dermaßen angewöhnt, daß Einer, der sich mit ihm unterhielt und blos deutsch redete, oft zu rathen hatte was er eigentlich meine, und wovon er spreche. Ja selbst wer Englisch verstand, wurde manchmal nicht klug aus seinem Kauderwelsch.
Es ist sonderbar, daß nur die deutsche Nation im fremden Lande, und auch wieder nur mit der englischen Sprache, bei der es wohl die Aehnlichkeit des Dialects machen muß, diese Eigenheit annimmt, und gerade die, die am wenigsten noch vom Englischen verstehen, mißhandeln das Wenige schon, selbst wenn sich ihnen nicht die geringste Ursache dazu bietet, auf das Entsetzlichste. Sie verdeutschen die englischen Wörter — d. h. sie geben ihnen deutsche Endungen und conjugiren und decliniren sie deutsch — wo denn manchmal der drolligste Unsinn zu Wege kommt. So versicherte mich einst ein sonst ganz gebildeter Deutscher in Cincinnati, er müsse jetzt zu Hause, es sei schon „zu dinner gebellt“ — von dinner, Mittagessen, und bell, Glocke. — „Hands mit ihm geschäkt“ — von shake hands, Handschütteln, — „über Fenz getschumpt“ — von fence, Zaun, und to jump, springen, — „kalt gekätscht“ — von to catch a cold, sich erkälten — etc. etc. gehören zu den gewöhnlichsten Phrasen und man könnte ganze Wörterbücher derselben zusammenstellen.
Erbe lieferte wirklich komische Sachen und sein sächsischer Dialect verstärkte den drolligen Eindruck. Seine Tracht war im gewöhnlichen Leben — und er lebte nur gewöhnlich — ein alter kurzer blauer Frack mit hinten einem, und vorn drei — blanken kann man nicht gut sagen — also Messingknöpfen. Ein rothes Hemd, eine graue wollene Hose, keine Socken und ein Paar schwere, eisenbeschlagene Schuhe — (wenn ich von Schuhen oder Stiefeln in den Minen spreche, verstehe ich immer den rechten Hacken schief getreten, was eine unausbleibliche Folge des, in harter Erde, mit dem Spaten Arbeitens ist). Dieser Anzug war soweit nicht von außergewöhnlicher Eleganz. Unter dem alten blauen Frack konnte ein Schulmeister wie ein Grobschmied, ein Handschuhmacher wie ein Blechschläger sitzen, aber die Mütze war Barbier — jeder Zoll Barbier. Die blaue runde Tuchmütze, die „schon manchen Sturm erlebt“, saß nicht allein schief, nein ordentlich gefährlich auf der linken Seite des Kopfes — den Rand derselben so weit unten wie es nur eben das Ohr zuließ und dann den Obertheil derselben so weit herübergezogen wie möglich. Erbe hatte dabei nur dann seine Hände außer den Hosentaschen, wenn er arbeitete oder seinen Leib erfrischte. Das Erstere geschah selten, das Zweite häufiger, aber selbst bei der letzteren Beschäftigung belästigte er so wenig als möglich die Linke, die wirklich eigentlich nur dann an’s Tageslicht kam, wenn sie eine Spitzhacke oder Gabel anfassen sollte.
Erbe arbeitete allein an einem Loche etwas oberhalb Hilgens, d. h. er stand mit den Händen in den Taschen davor, die Mütze schief auf dem Kopf und diesen etwas seitwärts gehalten, und sah sich mit einem halb komischen, halb wehmüthigen Blick die Stelle an, die jetzt wieder, wenn er überhaupt heute noch etwas verdienen wollte, Zeuge seiner Thätigkeit sein sollte.