Die Mütze war übrigens das einzige Merkmal, welches er noch von seinem alten Handwerk an sich trug. Seine Gestalt war dicker, sein Gesicht voll und roth geworden, die Nase sogar verdächtig roth, und seine Hände hatten lange nicht mehr das Seifenwasser seiner Kunden gefühlt. Auch seine Bewegungen waren nichts weniger als das, was man jetzt in Leipzig, und besonders zu Meßzeiten, von einem flinken Barbiergehülfen fordert. Er ging nur sehr langsam, den Kopf keck und selbstgefällig hinter sich geworfen, und die einzige Bewegung, die er dabei mit seinem Oberkörper machte, war mit den Ellenbogen, d. h. er schlenkerte aus alter Gewohnheit die Ellbogen, während er aus neuer die Hände in den Taschen behielt.
„Nun, Madame Hilgen, wie geht’s heute Morgen,“ rief Fischer von Johnny’s Platz aus, wo er wieder auf eine Pfanne voll Erde wartete — „machen Sie gut aus? — wie schüttet’s?“
„O ich danke, Herr Fischer,“ sagte Madame Hilgen, einen Augenblick den blechernen Schöpfer, mit dem sie unablässig beim Schaukeln der Maschine (oder Wiege) Wasser aufgießen mußte, niederlegend, „es will hier nicht mehr so recht zahlen. Das soll die letzte Maschine voll sein. Mein Mann hat einen anderen claim weiter oben, den wollen wir einmal versuchen.“
„Und wie bekommt Ihnen die harte Arbeit, Madame Hilgen?“ sagte Fischer. „Wie geht’s mit den Armen?“
„O ich weiß nicht, Herr Fischer, ganz gut — viel besser wie ich gedacht habe.“
„Ja, Madame Hilgen,“ sagte Fischer mit einem freundlichen Lachen über sein gutmüthiges Gesicht — „an das Wiegen habe ich mich im Anfange nicht so leicht gewöhnen können — das geht den Frauen natürlicher von den Händen.“
„Da haben Sie recht, Herr Fischer,“ lachte Madame Hilgen, und da ihr Mann gerade mit einem neuen Eimer voll Erde angeschleppt kam, den er oben in die „cradle“ hineinschüttete, wiegte sie ruhig weiter. Die Unterredung wäre für den Augenblick abgebrochen gewesen, hatte nicht ohnedies plötzlich ein furchtbarer hohlklingender Schrei die ganze Nachbarschaft aufgeschreckt, und gleich darauf, so rasch sie ihre Füße dorthin bringen konnten, um Fischer’s und Johnny’s Arbeitsplatz gesammelt.
„Hülfe — Mord — Hülfe!“ schrie Johnny nämlich mit wahrhaft peinlicher Lungenanstrengung aus seinem unterirdischen Versteck hervor, und selbst die einsam herausschauenden Schuhe drehten sich so krampfhaft und ängstlich, als ob sie ebenfalls um Beistand flehten. Fischer hatte, als einzigen haltbaren Gegenstand, diese Schuhe mit den Füßen darin gepackt, und suchte den Eigenthümer derselben hervorzuziehen. Zu seinem Erstaunen fand er aber, daß Johnny heute ein ganz außergewöhnliches Gewicht besitze, denn das sonst federleichte Schneiderlein wich und wankte nicht, schrie aber bei diesem Versuch wo möglich noch toller als vorher.
„Um Gottes Willen, Johnny, was ist Ihnen?“ rief Madame Hilgen, mit die erste auf dem Platz, „was fehlt Ihnen denn?“
„Ich bin verschüttet — ich bin lebendig begraben!“ schrie Johnny aber, „Hülfe — Hülfe! grabt mich aus!“