„Aber wo ist denn Erbe eigentlich geblieben?“ frug Fischer, sich jetzt erst nach diesem umsehend, „habt Ihr ihn mitgebracht? oder ist er allein zurückgeblieben?“
„Mitgebracht?“ lachte Fuchs — „habt Ihr uns etwa auch mitgebracht? Nein, Erbe sitzt jetzt noch wahrscheinlich bei den Weinresten, und wartet auf unsere Zurückkunft, und ich glaube es ist auch das gescheiteste was wir thun können, daß wir selbst noch heut Abend in das Zelt zurückgingen und uns wenigstens dort zeigten, denn übrig wird der Doktor wohl nichts gelassen haben.“
Dem stimmten die Andern bei und die vier Männer marschirten jetzt, rascher als sie gekommen, und von dem aufsteigenden Mond begünstigt, nach ihrem alten Lagerplatz, den sie etwa um zwei Uhr erreichten, zurück. In dem Amerikanischen Trinkzelt war allerdings noch Licht sowohl als Gesellschaft, denn die Spieler saßen dort oft bis zum hellen Tageslicht — von Erbe aber nicht die Spur mehr zu sehen und der Wirth behauptete, daß er gleich unmittelbar nach den anderen Herren das Zelt verlassen, vorher aber noch sämmtliche Rester ausgetrunken habe. Das war viel zu wahrscheinlich, auch nur einen Augenblick an der Wahrheit dieses Berichts zu zweifeln, und die Viere zerbrachen sich jetzt nur den Kopf, was aus ihm könne geworden sein.
„Geworden?“ meinte Starke erfreut, — „er wird in seinem Zelte liegen und schlafen.“
Das war eine neue Möglichkeit und Starke wurde abgeschickt es zu untersuchen. Starke kam indeß nach etwa zehn Minuten wieder zurück und meldete, das Zelt sei nicht nur leer, sondern die darin liegende Decke kalt und unberührt, und Erbe habe es keinen Falls heute Abend noch betreten.
Was war nun aus ihm geworden? — selbst der nächste Morgen, der nächste Abend brachte keine Spur von dem Vermißten, und drei volle Tage vergingen, ohne daß irgend Jemand hätte angeben oder auch nur muthmaßen können, was aus ihm geworden sei. Die Deutschen dort fürchteten auch schon, es könne ihm ein Unglück zugestoßen sein, als er eines schönen Morgens, die Hände, wie immer in den Taschen, die Mütze wie immer auf der Seite, das Gesicht, wie immer roth und fidel, den Gulch, wo die Uebrigen noch arbeiteten, herauf kam. Als er bei Johnny’s und Fischers Arbeitsplatz von diesen mit lautem Jubel begrüßt wurde und dort anhielt, sprangen Starke und Fuchs herbei, und Alle wollten nun von ihm wissen wo er die Zeit über gesteckt, und was er, ohne Decke, ohne Provisionen, ohne Handwerkszeug, selbst ohne Zelt die ganze lange Zeit über getrieben habe. Erst hielt er freilich zurück und suchte Ausreden zu machen, meinte, er sei „prospectiren“ gewesen etc. Die Andern ließen indessen nicht nach, und als sie ihn endlich, weil es doch bald Mittag war, mit ins Trinkzelt nahmen, konnte er einigen rasch auf einander folgenden Gläsern heißen Brandypunsches nicht länger widerstehen, und die ganze Geschichte kam heraus.
„Well,“ fing er hier in seinem tollen Kauderwelsch zu erzählen an, das ich dem Leser hier, nur der Probe wegen, einmal wörtlich wiedergeben will[5] — „well, ich saß noch ganz innocent bei den Bottels und wußte von Nichts, bis Fuchs und Starke da auf einmal aufrehsten[6] und weggingen, da fiel mir unsere geschworene Treue und Einigkeit ein, und da kams mir in den Sinn, daß sie mich wohl hier mit der ganzen Eintracht wollten bei mir selber[7] sitzen lassen. Ich rehste also auch auf, und wie ich vor das Tent[8] komme, find’ ich da einen von den Schwarzen, der mir auf die Sprünge half. Erst hatte er zwei Männer den Hill[9] hinaufgehen sehen und oben auch noch einen Mann, eine Frau und einen Jackaß[10] getroffen. Nun wußt ich ja gleich woran ich war, und machte auf Curs[11] augenblicklich dahinter her. — Es dauerte auch nicht lange, so sah ich zwei dunkle Gestalten vor mir hintraweln[12] die alle Minuten schtoppten und horchten und dann wieder vorwärts marschirten. Ich konnte mir wohl denken, daß das Fuchs und Starke wären, und suchte nun mit ihnen aufzukiepen[13]. Gerade aber, ehe man auf den Hill hinaufkommt, und wie ich so ruhig fortlaufe und denke, daß Alles sicher ist, schtumble[14] ich und falle, weil ich die Hände zufällig in den Pockets[15] hatte, in so ein verwünschtes Hole[16] hinein, das dicht am Wege war. Glücklicher Weise fiel ich blos auf den Kopf und wurde nicht weiter gehürtet[17], wie ich aber wieder in die Höhe kam, mußte ich tüchtig zutraweln bis ich wieder Jemand vor mir merkte. Diesmal wars aber kein Mensch, sondern ich hörte das Schnauben eines Jackaß, und überlegte mir nun, daß Fuchs und Starke wahrscheinlich meine Schritte hinter sich gehört hätten und aus der Road[18] gegangen wären, um nicht gesehen zu werden. Das war aber kein Matter[19] so lange ich nur hinter Hilgens Jakaß blieb, aber auch das ein hart Stück Arbeit und kostete mir vielen Trubbel[20]. Einmal lief der Satan so rasch, daß ich kaum hinterher konnte, und dann schtoppte er wieder und wartete, als ob sie nach mir herüberhorchten. Ich hatte dann immer genug zu thun, daß ich mich irgendwo rasch hinter einen Schtump[21] oder Busch drückte, und Hill auf- und runter durch Wasserholes und Breiars[22] ging’s, bis er endlich, ganz oben auf einem steilen Hügel für gut[23] zu schtoppen schien. „Nun da sind die Minen gewiß nicht“ dachte ich so bei mir selber, wollte mich aber auch nicht melden und war überhaupt durch das Trinken vorher, und den langen Marsch so vollkommen aufgenockt[24] daß ich, wie ich kaum eine halbe Stunde so gesessen haben mochte, richtig in eine Dose fiel[25].
„Wo ist er ’nein gefallen?“ schrie aber jetzt Fuchs, der kein Englisch verstand und dem die Sache zu bunt wurde, Fischer und Johnny hatten überdieß schon Mühe gehabt, ihn abzuhalten, Erbe’s Bericht nicht alle Augenblicke zu unterbrechen, — „in eine Dose ist er gefallen, — was zum Donnerwetter ist das?“
„Ruhig, störe Herrn Erbe nicht,“ rief aber Fischer, der sich natürlich über die Erzählung köstlich amüsirte, „er ist eingeschlafen gewesen — fahren Sie fort, Herr Erbe.“
„Yes,“ sagte Erbe, und nahm erst noch einmal einen tüchtigen Zug, — „da ist nicht viel fortzufahren. Wie ich wieder aufwachte war es heller Tag, und clos zu mir[26] stand ein großer brauner Jackaß — und Hilgens haben einen grauen — und schrie und schlenkerte immer mit dem rechten Ohr, und dann sah er mich wieder an und schrie wieder. Ich lukte[27] erst um mich her, und wußte nicht recht wo ich eigentlich war; aber endlich fiel’s mir von gestern Abend ein, und nun schmellte ich eine Ratte[28].“