Es war ein wundervoller Abend in der letzten Hälfte des Mai, die Sonne sank eben hinter die stattlichen Fichtenstämme, die Murphys Hügel bedeckten. Die Leute kamen von ihrer Arbeit zurück, hie und da stieg vor den Zelten der blaue Rauch der Feuer auf, an denen die Goldwäscher ihr frugales Abendbrod kochten. Aus verschiedenen Seiten der Stadt (denn eines solchen Namens erfreute sich die kleine Zeltgruppe wirklich, und zwar als Stadt Stoutenburg) tönten zugleich die wunderbarsten Klänge — Klänge wie von alten zusammengeschlagenen eisernen Kochtöpfen, ein chinesischer Gong, eine kleine blecherne Kindertrompete d. h. w. herüber — es waren die Zeichen der verschiedenen Kosthäuser, daß das Abendessen fertig sei und der „Boarder“ harre. Dahinein mischten wieder eine Menge von frei herumlaufenden Eseln, die von den Minern gehalten wurden, ihre lieblichen Y-ahs, und mit dem Schlagen der Holzäxte die Feuerholz für den nächsten Morgen hieben, mit den einzelnen Fragmenten französischer Lieder, die aus Zelt und Busch hervorschallten, den lebendigen Gruppen die in der breiten, durch die Kaufläden gebildeten Straße standen und lachten und sangen und gestikulirten, mit der auf der langen über des Sheriffs Zelt errichteten Stange wehenden amerikanischen Flagge, dem sich immer dunkler schattirenden Nadelholz und dem herrlichen, nur von leisen, goldenen Wölkchen bestreuten Abendhimmel gab es ein Bild, das einem armen Teufel wohl in seiner Lieblichkeit auf kurze Zeit all die Strapazen und Mühen konnte vergessen machen, die er den langen Tag über in der heißen Sonnenhitze und bei der schweren, ungewohnten Arbeit ausgestanden.
Das Abendessen in den meisten Häusern hatte schon lange begonnen — was standen die Leute da noch so eifrig vor den Thüren und gestikulirten so lebhaft mitsammen?
„Die Franzosen haben’s heute recht eifrig miteinander,“ sagte ein langer Texaner zu einem eben so langen „Down Easter“ (der amerikanische Scherzname für die ächten Yankees, oder Bewohner der nordöstlichen Staaten der Union), mit dem er zusammen die Straße hinunterschlenderte und selbstgefällig vor sich hinlächelte — „könnt Ihr nicht verstehen was sie zusammen schwatzen?“
„Ich?“ sagte der Yankee erstaunt, daß sein Begleiter ihn auch nur im Verdacht hatte er verstände französisch oder irgend eine andere Sprache der Welt außer „amerikanisch“ — „wie soll ich das Geschlabber kennen? s’wird nichts Wichtiges sein.“
„Und wie sie dabei mit den Händen herum agiren“ meinte der Texaner, und sah sich noch einmal nach der letztverlassenen Gruppe um — „ohne das geht es aber auch nicht, denn bind’ einem Franzosen die Hände auf den Rücken zusammen, und er bringt kein Wort über die Zunge.“
Die beiden Männer traten gleich darauf in ein amerikanisches Spielhaus, und dort, wo sie nur Landsleute von sich fanden, hatte das Spiel zu viel Interesse für sie, sich noch um etwas anderes zu bekümmern.
Gar verschieden sah es dagegen in einem, diesem schräg gegenüber liegenden französischen Zelt aus, das ein gewisser Louis mit einer Grisette — die man anstandshalber Madame Louis nannte — hielt. Hier wogten Franzosen, und besonders Basken und Deutsche bunt durcheinander, und vermischte Ausbrüche des Zornes, wie: mechant, au secours, à bas les Américains etc. etc. ließen eine nur sehr unbestimmte Ahnung in dem eben Hinzutretenden aufkommen, um was es sich eigentlich handle und was vorgefallen sei.
Die Unterhaltung wurde hauptsächlich französisch, doch auch hie und da spanisch, natürlich mit den verschiedenen bunt durcheinander gewürfelten Dialekten geführt, und die hauptsächlichste und hervorragendste Gruppe waren ein Deutscher Namens Fuchs, mit großem rothen Bart, ein kleiner Baske, pockennarbig mit hämischen, scharf ausgeprägten Gesichtszügen, ein Schweizer, eine hohe stattliche Gestalt, einen argentinischen Poncho über die Schulter geworfen, und ein eben solches Messer hinten im Gürtel, und ein vierschrötiger Baske, der eben den magern loyalen Wirth des Hauses, Mr. Louis, an der Schulter herbeischleppte, und zum Beweis dessen was er wahrscheinlich gesagt, gegen den Tisch stellte.
„Hier, Louis,“ rief er dann in allem Eifer, „zeige ihnen einmal den Brief den wir heute bekommen — sie wollens noch nicht glauben.“
„Ja es ist wahr,“ bestätigte der kleine Mann, nur vermuthend von was bis dahin die Rede gewesen — „meine Frau hat den Brief.“