Unter den Deutschen zeichnete sich jetzt besonders — denn Fuchs war seit der letzten halben Stunde, und als es wirklich zum Ausbruch kam, merkwürdig ruhig geworden — ein langer Barbier, Namens Frei, alias... alias ... aus, der diesen Abend angelegentlich dazu benutzt hatte die Zähigkeit seines bis dahin schon etwas sehr ausgedehnten Credits bis auf das Aeußerste zu erschöpfen. Er stand solcher Art jetzt auch wirklich im Begriff mit geborgter Flinte, geborgtem Messer, geborgtem Hut und geborgten Schuhen in die Schlacht zu ziehen.
„Brüder!“ sagte er dabei, denn der geborgte Wein lag ihm schwer auf Herzen und Zunge, „wenn ich bleibe, so seid überzeugt, — ich bin — ich bin für Deutsche geblieben. — Mein Blut, mein ganzer Körper schlägt nur für Deutsche — und ein Hundsfott, wer kein ächter Deutscher ist.“
Diese letzte Redensart wäre nun allerdings etwas umfassend zu deuten gewesen, hätte sich überhaupt Jemand um ihn oder seine Reden bekümmert. So, als er sah daß die übrigen mit ihren eigenen Vorbereitungen beschäftigt waren, trank er, in seinen tiefen Schmerz versenkt, sämmtliche im Bereich seines Armes stehende Gläser aus, drückte einem kleinen Negerjungen, der neugierig hereingekommen war zu sehen was die bewaffneten Männer alle wollten, die Hand mit solcher Wärme, daß der kleine Kerl laut aufschrie, steckte dann noch einen Genickfänger, der auf dem Tisch lag, und der, wie er vielleicht fürchten mochte, hätte verloren gehen können, in seine eigene Tasche, und verschwand in der draußen indeß vollkommen eingebrochenen Dunkelheit. Und seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen, er blieb wirklich — d. h. er blieb fort; in jenem Minenstrich hat ihn wenigstens Niemand wieder gesehen, und etwas später erkundigten sich noch mit einiger Theilnahme Wirthe und sonstige Händler nach ihm, doch vergebens. Wie er gesagt, er war für Deutsche geblieben.
Der Plan des Zuges lag aber nicht darin en masse von Mr. Louis Schenkzelt, der dadurch später leicht hätte in Unannehmlichkeiten verwickelt werden können, aufzubrechen. Der Sammelplatz war deßhalb im Freien, etwa eine halbe Meile vom „Camp“ weg, an einen bestimmten Pfad verlegt worden, wohin man sich einzeln oder in kleinen Gruppen begeben, und von dort dann vereint den Marsch antreten wollte.
Die meisten Männer waren schon voraus und Louis Zelt hatte sich fast ganz geleert, so daß nur noch Herr und Madame Louis, und unser alter Bekannter Fuchs darin zurückblieben, und diese drei Personen hielten eben einen ernsten, entscheidungsvollen Kriegsrath. Madame Louis stand dabei schon in Amazonentracht, in dunkler Hose, rothwollenem Hemd und dunklem breiträndigen Filzhut, an dem keck eine schwarze Straußenfeder schwankte, eine Doppelflinte über der Schulter, zwei Pistolen und ein Messer im Gürtel und einen kleinen gestickten Arbeitsbeutel — den Fouragesack — in der Hand. Ihr Mann dagegen schien mehr zum „schweren Getränk“ zu gehören. Er hatte nämlich nur eine Flinte, dafür aber drei Feldflaschen umhängen, und überwachte zugleich auch das Aufschnallen eines zwölf gallonigen Fäßchens Brandy, was dicht vor der Zeltthür zwei andere Franzosen besorgten.
Der Kriegsrath in Louis Zelt handelte sich aber um nichts geringeres als ein an Fuchs gestelltes Verlangen seine sämmtlichen Ansprüche an Ruhm und Heldentod für diesen Zug aufzugeben, und, während Herr und Madame Louis Abwesenheit, statt Blut aus den Adern der Amerikaner, die Korke aus den Flaschen zu ziehen, d. h. indessen an Madame Louis Stelle die Schenke zu versehen, und etwa einsprechende Kunden zu bedienen. Ihre Grausamkeit erstreckte sich nicht so weit, die auswärtigen Amerikaner zu vernichten und die zurückbleibenden verdursten zu lassen, nein, das konnten sie nicht übers Herz bringen und Fuchs war ausersehen diese gute Absicht ins Leben treten zu lassen. Madame Louis hatte hierbei, und daß sie diesen gerade wählte, einen tieferen Grund — „einen anderen müßten wir besonders bezahlen,“ flüsterte sie ihrem „Gatten“ leise zu, „und der ist uns doch noch genug schuldig.“
Herrn Louis leuchtete das vollkommen ein, obgleich er allem Anscheine nach am allerliebsten selber geblieben wäre. Seine Frau konnte er aber unmöglich dem Schutz eines anderen anvertrauen, und da sich Fuchs nach einigem Zureden nur schwach sträubte, hatten sie das bald geordnet. Fuchs stellte seine Flinte in die Ecke und war eben im Begriff seine Ärmel aufzustreifen, ein nöthig gewordenes Gläserspülen vorzunehmen, als Pferdegetrampel vor der Thür gehört wurde, gleich darauf der Kopf eines Pferdes und dicht darüber ein Frauenkopf, ebenfalls mit schwarzem Filzhut und breitem rothem Band geschmückt, sichtbar wurde, und eine feine, aber resolut genug klingende Stimme rief.
„Traversons la „creek,“ ma chère, traversons la creek, a parbleu nous sommes les denières — et Monsieur Fuchs? was machen Sie da? — wo ist Ihr Gewehr — wir haben keinen Augenblick Zeit mehr zu verlieren.“
„Im Augenblick, ma chère, im Augenblick“ antwortete die Amazone, für den etwas verlegen dastehenden Stellvertreter — „Monsieur Fuchs will indessen die Güte haben unser Haus zu bewachen — und ich wollte nur“ —