Unter dem Fluchen und Schimpfen der entrüsteten Franzosen kehrten sie sich endlich ab, und zogen nach Murphys zu durch den Wald, während den wenigen die wieder mit umkehrten, die Rolle die sie jetzt als heldenmüthige Vertheidiger ihrer Rechte zu spielen hatten, keineswegs zu behagen schien. Viele davon wußten es auch noch wirklich unterwegs möglich zu machen, seitab in die Büsche zu verschwinden, und nur sehr wenige hielten bis Sonora aus.
Noch begegnete der Zug mehrern kleinen Trupps, wie vielen einzelnen Spaniern, Mexikanern wie Chilenen. Diese ließen sich aber auf gar keine weitern Demonstrationen ein, und die einzelnen drückten sich gewöhnlich gleich seitab, irgend einen kleinen Abhang hinunter oder hinter die dichten Rothholzbüsche.
Um 10 Uhr etwa erreichten sie den Stanislausfluß, über den ein alter Amerikaner die Fähre hatte, und dieser war, wie man leicht denken kann, nicht wenig erstaunt und auch bestürzt, so viele Bewaffnete in jedenfalls feindlicher Absicht gegen Sonora rücken zu sehen.
„Um Gottes Willen, Kinder,“ sagte er gutmüthig, „macht keinen Unsinn, bedenkt was Ihr thut, und gerade im Begriff seid zu unternehmen. Noch wißt Ihr nicht einmal ob das, was Ihr über Sonora gehört habt wirklich alles so wahr ist, und wenn es wirklich der Fall wäre, so bedenkt, daß immer auch nur einzelne wieder daran die Schuld tragen. Rückt Ihr aber jetzt, wie Ihr da seid, in Sonora ein, so kann es nicht ohne Blutvergießen abgehen, und wenn erst Blut vergossen worden ist, wer steht dann für das Uebrige? Handelt also nicht gleich so leichtsinnig, sondern prüft vorher und haltet Euer Gewissen frei, daß Ihr Euch nicht später Euer ganzes Leben hindurch bittere Vorwürfe über die Folgen machen müßt, die ein einziger unüberlegter Schritt herbeigeführt.“
Gestern Abend hätte der alte Mann jedenfalls in den Wind gesprochen; heute Morgen hatte sich das schnell erregte Blut aber schon bedeutend abgekühlt, wozu denn auch der nüchterne Magen nicht wenig beitragen mochte. Sie versicherten den Alten sie wollten seinem Rath folgen, und ehe sie nach Sonora einzögen und Gewalt brauchten, vorher einen Parlamentär hineinschicken, der sich dort nach allen näheren Verhältnissen noch einmal genau erkundigte. Der alte Amerikaner wollte nun freilich, daß die Andern so lange an dieser Seite des Flusses bleiben sollten. Dagegen waren aber alle; im Fall sie wirklich gebraucht würden, wollten sie auch gleich bei der Hand sein.
Noch während des Uebersetzens stießen die beiden Franzosen wieder zu ihnen, die gestern Brief und Nachricht von Sonora nach Murphys und der dortigen Gegend gebracht hatten. Als diese die Absicht ihrer Landsleute hörten, erboten sie sich augenblicklich vorauszureiten, und ihnen bestimmte Nachricht, wie die Sachen jetzt ständen, unverweilt zu bringen. Hiergegen opponirten indessen einige, und besonders Deutsche, und meinten es wäre besser, dießmal andere hineinzusenden, da man der beiden Männer Urtheil über Sonora schon gehört habe. Sie wurden aber überstimmt; die zwei Franzosen gaben ihren Pferden die Sporen und sprengten voraus, der Zug rückte bis auf 1½ Meilen von Sonora, als dem mit den Abgesandten verabredeten Sammelplatz vor, und lagerte dort, die Rückkehr dieser zu erwarten. Alle unter der Zeit noch nachfolgenden Franzosen zogen sie indessen an sich heran, und es mochten damals wohl auf solche Art 4 bis 500 Bewaffnete vor Sonora versammelt liegen, von denen jedenfalls drei Viertheile Franzosen waren.
Die beiden Ausgesandten hätten etwa wieder zurück sein können, noch immer aber ließ sich nichts von ihnen sehen. Einzelne gingen den halben Weg ihnen entgegen, doch umsonst, sie mußten ohne sie getroffen zu haben, wieder umkehren. Was war aus ihnen geworden? Freiwillige meldeten sich jetzt, das feindliche Terrain zu recognosciren, unter ihnen Fischer, der an demselben Morgen von einem der ihnen begegnenden Spanier ein Pferd mit Sattel und Zaum gekauft hatte. Rasch schwangen sie sich in die Sättel und galopirten auf Sonora zu, erwarteten auch dabei nichts weniger, als die Stadt in Vertheidigungszustand und alle Punkte von amerikanischen Scharfschützen besetzt zu finden. Im Anfang erstaunten sie nun zwar, daß man sie so weit und ungehindert in die Stadt hineinließ, ihr Erstaunen wuchs aber, als sie Sonora endlich, den letzten Hügel übersteigend, ansichtig wurden und auch nicht das geringste Auffällige darin bemerkten. Allerdings standen hie und da Gruppen von Menschen zusammen, denn es war in Sonora kein Geheimniß geblieben wie eine bewaffnete Macht im Anzug dagegen sei, man schien aber weiter gar keine Notiz davon zu nehmen, und die Abgesandten ritten, etwas verdutzt darüber, die Hauptstraße hinunter vor allen Dingen einmal ihre ersten beiden Boten aufzusuchen und dann bei ihren Landsleuten anzufragen wie es mit den Gefangenen stände.
Die Nachrichten die sie hier erhielten, waren indessen wohl geeignet, sie den jetzt versuchten friedlichen Schritt, nicht bereuen zu lassen. Die Geschichte mit den gefangenen und gefährdeten Franzosen war rein aus der Luft gegriffen. Einen Deutschen hatte man allerdings vorgestern aufgegriffen, aber auch gleich wieder losgelassen, da ihn mehrere dort kannten, und er nur im Trunk gegen einen Amerikaner angeritten sein sollte, um ihn vom Pferd zu werfen. Der Angegriffene brachte das im Anfang mit den in letzterer Zeit häufig vorgefallenen Räubereien in Verbindung, und klagte deßhalb, zog aber seine Klage augenblicklich zurück, als er erfuhr wer der Mann, und in welchem Zustande er gewesen sei. Die in Sonora zahlreich wohnenden Franzosen wußten dabei gar nichts von dem Brief und der ausgesandten Botschaft, und waren aufs äußerste entrüstet darüber. Eben so wenig konnten die beiden Boten wiedergefunden werden; sie blieben trotz der genauesten Nachforschungen spurlos verschwunden, und es unterlag gar keinem Zweifel mehr, daß dies Gerücht boshafter oder doch wenigstens unkluger und vielleicht selbstsüchtiger Ursachen wegen verbreitet worden.
Allerdings hatte vor zwei Tagen eine Demonstration zwischen Mexicanern und Amerikanern stattgefunden, und die ersteren ihre Flagge aufgepflanzt und erklärt, sie würden die ihnen an Zahl weit unterlegenen Amerikaner aus den Minen treiben, wenn sie die Taxgesetze in Kraft wollten treten lassen. Wie es aber gewöhnlich mit den Mexicanern ist, so hörten sie sich gerne reden, und als es zur That kam, wollte Niemand bei der einmal erfaßten Sache, bei der sie übrigens auch wie sie recht gut wußten, im Unrecht waren, Stand halten. Die Amerikaner rückten mit ihrer Flagge und klingendem Spiel gegen die Mexicaner an, und diese gingen ruhig auseinander, und ließen ohne Widerstand geschehen, daß ihre Flagge gestrichen und die amerikanische dafür aufgezogen wurde. Es fiel kein Schuß bei der ganzen Sache, eben so wenig war der Sheriff, wie das Gerücht gegangen, erstochen, oder auch nur bedroht worden. Die ganze Geschichte lief auf einen großen Humbug aus, und Amerikaner und Fremde kamen dadurch in Gefahr, sich ganz ohne hinreichenden Grund feindlich gegenüber zu stehen.
Die von dem Zug zum zweitenmal abgesandten Männer beschlossen jetzt, da sich die Boten aus dem Staub gemacht hatten, und sie den Ihrigen doch bestimmte Nachricht zurückbringen mußten, wenigstens den unberufenen Briefschreiber mit hinaus zu nehmen, damit er sich dort selber vertheidigen und eine Erklärung seines Betragens abgeben könne. Dieser zeigte sich allerdings nichts weniger als geneigt, der Aufforderung Folge zu leisten; weder Ausreden noch Sträuben halfen ihm aber, denn indessen hatten sich auch die meisten seiner Landsleute und eine Menge Amerikaner, welche die Ursache des Zusammenlaufs erfahren, vor und in dem Zelte versammelt, und man drohte, ihn, wenn er nicht gutwillig ginge, zu binden und gewaltsam hinauszuschaffen. Der arme Teufel war durch diese Alternative nichts weniger als beruhigt, und suchte nach allerlei Ausflüchten, all sein Sträuben war aber umsonst und er mußte wohl oder übel, seinen Führern folgen. Diese brachten ihn denn auch von vielen der Sonorier gefolgt, hinaus zu den Ihrigen, dort über das Begangene Rede zu stehen.