Seinen Empfang dort kann man sich denken. In der ersten halben Stunde war allerdings kein Wort, weder von der einen noch andern Partei zu verstehen. Alles schrie und gesticulirte wild durcheinander, und man bekümmerte sich fast gar nicht um den Gefangenen; er hätte in diesem Gewirr, wenn er überhaupt Geistesgegenwart genug behalten, sogar entwischen können. Nach und nach regelte sich aber das Getöse etwas mehr, einzelne Stimmen drangen schon hie und da durch, und es bildete sich zuletzt, durch im Gespräch selbst aufgerufene Wahl, eine Art Jury, die über den Beklagten zu Gericht sitzen sollte.
So manche komische Seite die ganze Sache auch vom ersten Anfang bis zuletzt gehabt haben mochte, so ernsthaft wurde sie jetzt, denn es handelte sich in diesem Augenblick um nichts weniger als ein Menschenleben. Dem Gefangenen hielt man sein Vergehen vor, wie er, durch einen lügenhaften Brief, dessen nähere Gründe sie gar nicht weiter untersuchen wollten, da sie in der Hauptsache nichts ändern könnten, das ganze Land in Aufruhr gebracht, seine zu vermeinter Hülfe eilenden Landsleute und andere Freunde nicht allein lächerlich gemacht, sondern auch beinahe Blutvergießen herbeigeführt, und jetzt jedenfalls nach diesem Schritt Mißtrauen zwischen Amerikanern und Fremden ausgesäet hätte. Vergebens entschuldigte er sich dagegen, daß er die ganze Sache mit zu schwarzen Farben gesehen, daß es nur übereilter Eifer gerade für seine Landsleute gewesen sei, der ihn dazu getrieben; daß man ihm selber die Nachricht gebracht, zwei Franzosen seien wirklich grundlos verhaftet worden, wonach er gleich in der ersten Aufregung Brief und Boten abgesandt habe. Es half ihm nichts, die Jury sprach ihr Schuldig über ihn aus; er wurde einstimmig zum Strange verurtheilt, und das Urtheil sollte gleich an Ort und Stelle vollzogen werden.
Stumm und regungslos standen die Männer um den Verurtheilten her, und sahen starr vor sich nieder — vergebens suchte sein ängstlicher Blick Mitleiden in einem der rauhen bärtigen Gesichter — Todtenstille herrschte, und nur außerhalb des Kreises stand der Bäcker und wickelte einen Lasso vom Halse des nächsten Pferdes los. Der Mann trug noch den gestrigen Aerger mit sich herum, und schien jetzt eine Art von Genugthuung darin zu finden, denselben an irgend etwas, das ihn mit hervorgerufen, auslassen zu können.
„Ihr wollt mich doch nicht mit kaltem Blut morden?“ sagte der Gefangene endlich mit leiser, heiserer Stimme zu den ihn nächst Stehenden, „ich habe Frau und Kind daheim.“
Keiner antwortete ihm; Manchem mochte es wohl ins Herz schneiden, aber sie fühlten auch wie strafbar er sei, und wollten dem gethanen Spruche nicht entgegenstehen.
„Dieß ist ein guter Baum,“ sagte der Bäcker, der sich indessen den benachbarten Holzwuchs angeschaut hatte, „über den Ast dort können wir den Lasso leicht hinüberwerfen.“
Die beiden Männer, die neben dem Verurtheilten standen, und deren Bewachung er anvertraut war, nahmen jetzt seine Hände und banden ihm die Ellbogen auf dem Rücken zusammen.
„Landsleute, Freunde, Ihr wollt mich doch nicht morden?“ rief jetzt der Unglückliche zum erstenmal mit lauter, aber immer noch heiserer Stimme. Sein Antlitz hatte Leichenblässe überzogen, und wie Fieberfrost schüttelte es seine Glieder.
Der Kreis öffnete sich indeß geräuschlos dem Baume zu; der geschäftige Bäcker hatte das kleine mitgenommene Brandyfaß als Springbret unter den vorragenden Ast einer Eiche, über dem der Lasso hing, gestellt. Die Schlinge wehte, von dem leichten Luftzug bewegt, hin und her.