Ein anderer Spieler vom Nachbartisch war indessen zu dem Kameraden getreten und hatte, während der Tumult wuchs, einige Worte mit ihm geflüstert. Der Verlierende stritt ebenfalls mit unterdrückter Stimme dagegen an, wich aber doch zuletzt dessen Zureden und nahm das Geld, um es noch einmal zu überzählen, wonach Beide die Banknoten wie den fälligen Wechsel eines der ersten Banquierhäuser in der Stadt sorgfältig prüften. Es war gegen beide Nichts einzuwenden, und während der Fremde wieder, in dem Tumult um sich her, seine frühere, vollkommen ruhige Stellung eingenommen hatte und dem Lärm scheinbar so gleichgültig zusah, als ob ihn das Ganze auch nicht das mindeste anging, zählte indessen einer der Spieler das Geld ab, das fast die ganze prahlerisch aufgestapelte Baarschaft des Tisches mit fortnahm. Mehrere Pakete mit Goldstaub mußten sogar noch dazu gelegt werden, die der Fremde, ehe er sie acceptirte, aufschnitt, aufmerksam betrachtete und an dem Spirituosentisch, wo er sich zugleich ein Glas Brandy; einschenken ließ, abwog. Es war Alles in Richtigkeit, und das Gold in den verschiedenen Taschen bergend, schüttete er, was übrig blieb, in den verhängnißvollen Leinenbeutel, schob die Banknoten und Papiere in seine Brusttasche zurück und verließ jetzt mit einem freundlichen Dank gegen die Umstehenden, der mit einem donnernden Hurrah erwiedert wurde, den Saal.

Die Uebrigen lachten und plauderten noch eine Weile über den Fall. Von allen Gegenwärtigen waren vielleicht nicht drei der Meinung, daß er die Banknoten und den Wechsel, wie der Spieler behauptete, die vorigen Abende nicht auch schon im Beutel gehabt, die wohl zu Tage gekommen wären, wenn er nur einmal gewonnen hätte; aber es galt ihnen das nicht als Betrug; es war Schlauheit. Der Spieler wahrte sich ebenfalls jeden rechtlichen oder unrechtlichen Vortheil den er gewinnen konnte; dafür hatte jeder seine Augen, daß er aufpasse.

Oben im Saal und so weit erhöht, daß es von allen darin Befindlichen gesehen werden konnte, befand sich das Orchester, eine etwas zusammengewürfelte Schaar von Streich- und Blaseinstrumenten, die, nur mittelmäßig eingeübt, da oben, wie es der Amerikaner nennt „einen angenehmen Spektakel,“ machten. Die Musici spielten Tänze und Märsche aus Französischen und Deutschen Opern, Negerlieder und Englische Balladen, was gerade vorkam; und der Zweck war viel weniger eine Unterhaltung, als ein Halten des Publikums, das sich in dem warmen, hell erleuchteten und von Musik durchströmten Raum wohl fühlen sollte. Blieben die Leute dann lange da, so ließen sie sich auch wohl verleiten, wie fest Viele auch im Anfang zum Gegentheil entschlossen waren, einmal zu setzen; und das Honorar der Musiker zahlte reichlich die entsetzlich hohe Miethe der Spieltische.

Das Publikum drängte auch gleichgültig unter der Musik hin und her. Nur die Backwoodsmen, die, wie ein Yankee meinte, lange genug vor dem Kuchentisch gestanden, „ihren Schatten an der Wand zu lassen,“ machten auch hier Front und schauten erst in stummer Verwunderung zu den vielen Trompeten hinauf, bis die Posaune anfing aus- und einzuziehen, und stießen sich dann feixend in die Rippen und lachten über den wunderlichen Mann mit der Trompete von „glänzendem Gummi“.

Jetzt schwiegen die Blas-Instrumente. Die der Mitte Nächsten traten ein wenig zurück, und mit einem kleinen leichten Notenpult in der rechten, einer Violine mit dem Bogen unter dem linken Arm, trat ein junges, bildschönes Mädchen auf das Orchester.

„Da ist sie wieder — da oben steht sie“ — flüsterten die Nächststehenden einander zu, und die Augen von Hunderten richteten sich, wie die Worte unten von Mund zu Mund liefen, oben auf die liebliche Erscheinung. Selbst der Thee wurde in diesem Augenblick vernachlässigt, und nur ein langer Yankee blieb, eine volle Tasse vor sich — es war die siebzehnte heute Abend — beide Ellbogen auf den Ladentisch gestemmt, allein und als Sieger zurück. So starrte er in das freundliche Gesicht der Verkäuferin — die allerdings hart an sich halten mußte nicht gerad’ herauszulachen, und dadurch einen ihrer besten Kunden zu verscheuchen.

Die Violinspielerin oben begann jetzt auf dem Orchester ein Adagio-Solo, dessen leise, schwellende Töne aber in dem Murmeln der Versammlung gänzlich verschwammen. — „Bst — bst“ — tönte es von den Lippen der Zunächststehenden; aber was kümmerte die Spieler die Melodie da oben. Wenn in diesem Augenblick ein Engel niedergestiegen wäre, seine himmlischen Weisen anzustimmen, Karten und Würfel würden ihre Augen gefesselt, ihre Ohren verschlossen gehalten haben, und leise gemurmelte oder laut ausgestoßene Flüche waren die einzige Antwort, wenn Jemand etwa gar direkt gemahnt wurde weniger Geräusch zu machen „der Musik wegen“.

„Damn the music,“ — lautete dann wohl die barsche Antwort, mit einem noch schlimmeren Fluch als Träger — „was zum Teufel hab’ ich damit zu thun — die Fiedelspieler geben mir mein verlorenes Gold nicht wieder — geht zum Teufel.“

Das Mädchen oben aber kümmerte sich nicht um den Lärm und spielte ruhig weiter. Ihre Töne hoben sich und drangen zitternd und weich und doch so mächtig, bis in den entferntesten Winkel des weiten Raumes, und die Musici oben saßen still und schweigend und lauschten tief ergriffen den wunderbaren Lauten.