Dorthin lenkte der Spanier jetzt seine Bahn; aber im Gehen hatte er das Gold, wozu er sich im Spielhause nicht die Zeit genommen, handvollweis in den breiten, mit drei großen Taschen versehenen Ledergürtel geborgen, den er nach Art der Argentiner um den Leib trug. Nachdem er die Serape wieder von ihrer Last befreit, nahm er den Beutel mit den Doublonen unter den linken Arm und schritt rascher vorwärts; aber er sang nicht mehr. Seinem scharfen Gehör waren die vorsichtigen Schritte nicht entgangen, die ihm folgten. Es schien auch daß er gehofft hatte, zu noch nicht so später Stunde mehr Menschen unterweges und besonders in diesem Theil der Stadt zu finden, wo erst ganz kürzlich ein Circus angelegt war; denn wie er die öde Straße vor sich sah, hielt er unschlüssig an und schaute zurück. Aber auch hinter ihm war Niemand mehr zu sehen, und nur die dunklen Gestalten von zwei Männern kamen jetzt mit raschen Schritten näher.
„Caracho,“ — murmelte der Mann, zum ersten Mal vielleicht die Gefahr, in der er sich wirklich befand, erkennend. Raubanfälle waren, vor der Entstehung der dadurch grade in’s Leben gerufenen vigilance comittee, gar nichts Seltenes etwa, in diesen Stadttheilen von San Francisco. Vorsichtig hatte seine rechte Hand auch schon nach dem langen Messer gefühlt, das ihm im Gürtel steckte. Aber er wußte auch daß die beiden Burschen, wenn sie wirklich Böses gegen ihn im Schilde führten, jedenfalls mit Todtschlägern und Pistolen bewaffnet waren, von denen sie im Nothfall Gebrauch gemacht, und daß sie sich dabei auch auf die Scheu der Nachbarn verlassen hätten, an Händeln Theil zu nehmen bei denen sie nichts gewinnen konnten. So, ruhig und in seinem alten Schritt um die Ecke in California-Street einbiegend, floh er dort jetzt, den Verfolgern aus Sicht, mit raschen Sätzen die Straße hinauf, einer Stelle zu, wo, etwa fünfzig Schritt weiter oben, aufgeschichtete Breter für einen Bau, vielleicht für die Dielung der Straße selber bestimmt, standen, und erreichte diese gerade, als die beiden Verfolger, denn als solche erwiesen sie sich jetzt wirklich, ebenfalls flüchtigen Laufs um die Ecke bogen.
„Teufel, wo ist er hin?“ — flüsterte der Eine von ihnen, als er an der Ecke stehen blieb und die Straße hinauf sah — „er muß gelaufen sein, denn wir waren ja dicht hinter ihm.“
„Er wird dort hinter den Bretern stecken,“ sagte der Zweite, „und wird glauben wir geben ruhig vorüber und lassen ihm freien Lauf. — Hahaha, vorbeigeschossen mein schlauer Señor; wir haben den Goldfuchs jetzt in der Falle.“
„Geh Du rechts davon, ich will links gehen,“ — flüsterte der Erste rasch und heimlich — „aber nicht schießen, nur in Selbstvertheidigung, wir sind noch zu weit in der Stadt hier, und der Teufel könnte doch sein Spiel haben.“
Ohne weiter ein Wort zu wechseln, und um keine Zeit zu verlieren, wenn der Flüchtige etwa hinter dem Holze fortgeflohen sein sollte, sprangen sie, Jeder die furchtbare Waffe dieser Art Gauner, eine Kartätschenkugel an etwa fußlanger Schlinge in der Hand, ihrem Posten zu, denn nirgends ließ sich auf dem helleren Sand der Straße eine Gestalt erkennen, und der Spanier mußte noch zwischen dem Holze stecken. Noch ehe sie aber den oberen Rand desselben, der hier nach beiden Seiten etwas auslief, erreichten, schraken sie auch vor einer allerdings unerwarteten Begegnung zurück, denn aus den hier offenen Breter-Stößen heraus flog in raschem Ansprung ein Reiter, — und eine lachende Stimme rief ihnen höhnisch zu:
„Buenas noches, señores![37]“
„Damn you!“ zischte der Erste zwischen den Zähnen durch und riß fast unwillkürlich seinen Revolver aus der Tasche, aber das Pferd sprengte in vollem Carriere die Straße hinauf, und die schon so sicher geglaubte Beute war ihnen entgangen.
Es war jetzt etwa zehn Uhr; aber je später es ward und je mehr Läden draußen in der Stadt geschlossen wurden, desto mehr füllten sich die Säle der verschiedenen Spielhäuser — die hier schon die ganze eine Front der Plaza einnahmen und noch rechts und links hinaufreichten — mit Müßigen, die mit ihrem Abend nichts weiter anzufangen wußten als ihn hier zu verbringen.
Stunde nach Stunde verging dort in dem wilden, gierigen Ringen nach Gewinn — nach Gold. Was für eine Welt von Leidenschaften deckte an einem solchen Abend das einzelne Dach; Triumph und Verzweiflung, Haß und Neid und Gier und Habsucht — jede Brust ein sturmbewegtes Meer, mit Hoffnungen genährt und zertrümmert, und lauernder Betrug unter dem Schutze der Gesetze, falsches Spiel und offener Raub, des Unerfahrenen harrend, der die Höhle des Unthiers betrat. So unnatürlich wie die ganzen Verhältnisse des Landes — so unnatürlich dies Verhältniß im Staat, das mitten im Frieden dem Räuber einen Kaperbrief giebt, auf ruhige Bürger zu fahnden und den Arglosen zu plündern.