Und die Nacht durch dauert das Drängen und Treiben, bis zwei, drei Uhr, ja oft bis der frostige Morgenwind in dem durchkälteten Saal die von Aufregung und Spirituosen Ermatteten heimtreibt auf ihr Lager — im Traum noch die Karten fallen zu sehen, und in fieberhafter Angst dem Lauf des Spieles zu folgen.
Es war drei Uhr — fast alle Spieler hatten ihr Gold in Säcke gepackt und mit sich fortgetragen, um die Nacht mit geladener Waffe dabei zu liegen und den Schatz zu wahren. Die Lichter waren meist schon verlöscht — das Orchester hatte schon lange aufgehört zu spielen, und nur noch an einem der Tische schienen die Spieler gezögert zu haben, noch hier und da einen der aus anderen Häusern Zurückkehrenden heranzulocken und ihm die, vielleicht anderswo gemachte Beute — ein keineswegs seltener Fall — wieder abzujagen. Hinter dem Tisch stand der Eine von ihnen, vor dem in einem starken Lederbeutel verwahrten Geld; der Andere war seitwärts im Saal ein Stück vom Tisch entfernt, um etwas fortzutragen oder zu holen, als ein Mexikaner, ein kleiner brauner Bursche, der schon eine Weile in der Thür gestanden und hereingeschaut hatte, den Saal betrat, seine alte zerrissene Serape von den Schultern zog und neben die Thür legte, und dann langsam durch den Saal ging. Der Spieler betrachtete ihn im Anfang aufmerksam, aber der Mann sah nicht aus als ob er irgend Gold zu vergeben hätte; was er sonst wollte, kümmerte ihn nicht. Der Mexikaner kam den schmalen Gang herauf, der zum Tische führte, und bog etwas seitwärts ab, als ob er daran vorübergehen wollte. Der Spieler drehte ihm in diesem Augenblicke den Rücken zu, seinen eigenen Mantel umzunehmen, als der Mexikaner, den Moment benutzend, mit einem Satz am Tisch war, den Goldsack aufgriff und damit der Thüre zusprang.
„Diebe — Diebe!“ schrie der andere Spieler, der es von weiten zu seinem Entsetzen sah, ohne, der vielen Tische und Stühle wegen, zuspringen zu können. — „Diebe!“ — aber der Mexikaner war schon fast an der Thür, und einmal draußen in der dunklen, vollkommen menschenleeren Straße, wäre eine Verfolgung unendlich schwer, wenn nicht ganz unmöglich gewesen.
Auf den Ruf fuhr der Mann hinter dem Tisch rasch herum, und sein erster Blick suchte das Gold — es war fort. Aber auch ihn hemmten die Stühle und Stände, und ohne weiter viel Zeit mit Rufen oder Nachsetzen zu verlieren, riß er den immer bereiten Revolver aus der Brusttasche, zielte einen Moment vollkommen ruhig auf den flüchtigen Mexikaner und drückte ab.
Es bedurfte keines zweiten Schusses; mit dem Knall fast klirrte der schwere Sack auf den Boden nieder und mit einem Satz und Schrei war der Dieb zum Haus hinaus und auf der Straße. Deutlich konnten sie noch die hohlklingenden, flüchtigen Schritte in der anderen Straße hören.
„Hahahaha!“ lachte der Spieler, der indessen über den Tisch gesprungen war und zu seinem Beutel trat, ihn vom Boden aufzuheben, „der Schuß kam zur rechten Zeit.“
„Hast Du ihn getroffen, Bill?“ rief der Andere.
„Weiß nicht; ich hoffe aber doch; ich kam gut ab.“
„Wollen einmal nachsehen, ob er geblutet hat.“
„Bah, was liegt dran?“ — sagte der Erste gleichgültig. — „Hat er was gekriegt, werden sie ihn schon, wenn’s hell wird, in der Straße finden — hast Du die Schlüssel, Jim?“